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THEATERFEST NO / Sommerspiele Perchtoldsdorf: TILL EULENSPIEGEL

Das blutige 16. Jahrhundert

03.07.2026 | KRITIKEN, Theater

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THEATERFEST NO / Sommerspiele Perchtoldsdorf:
TILL EULENSPIEGEL
WENN DAS HERZ BRENNT
Theaterstück nach Charles De Coster
von Angela Heide und Alexander Paul Kubelka
Uraufführung
Premiere: 2. Juli 2026

Das blutige 16. Jahrhundert

Betritt man – zur Premiere der Jubiläumsproduktion zu 50 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf – den imposanten Burghof, so erblickt man dort eine Menge herziger rosa Häuschen mit Spitzdächern, die an ein Märchen erinnern. Man würde sich nicht wundern, wenn da „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (Otto eingeschlossen) erschienen. Aber auch zu „Till Eulenspiegel“ könnte das vielleicht passen, hat man doch aus dem Kinderbuch die Schwänke dieses Schelms in guter Erinnerung. Sommertheater eben?

Dreieinhalb Stunden später (eine Viertelstunde nahmen die Premieren-Reden in Anspruch, die Aufführung dauerte also „nur“ dreieinviertel Stunden, was eigentlich ein NoGo für sommerliches Freilicht-Theater ist) war man eines anderen, wenn auch nicht Besseren belehrt.

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Fotos: Sommerspiele Perchtoldsdorf

Denn da hatte man einen düsteren, blutrünstigen Abend hinter sich, an dem es eigentlich nur darum ging, die Schrecken des 16. Jahrhunderts mit ihren religiösen Verfolgungen, Foltern, Denunziationen und Morden auf die Bühne zu bringen…

Till Eulenspiegel, der bis in unsere Welt so populäre mittelalterliche Held, der seine Umwelt an der Nase herum führt und sie für ihre Dummheit auslacht, spielt in diesem Zusammenhang so gut wie keine Rolle. Intendant Alexander Paul Kubelka hat gemeinsam mit Dramaturgin Angela Heide eine Uraufführung des Titels „Till Eulenspiegel, Wenn das Herz brennt“ geschaffen, die auf dem Roman des belgischen Autors Charles De Coster beruht. Und dieser hat den an sich niederdeutschen Till in die Welt der Spanischen Niederlande versetzt, also das 16. Jahrhundert, und dabei eine Parallelgeschichte zwischen Till, dem Bürgersohn, und Philipp, den Sohn von Kaiser Karl V., konstruiert, die angeblich am selben Tag zur Welt gekommen sein sollen.

Dabei ist es den Autoren so sehr darum gegangen, Unterdrückung, Verfolgung und Leiden der Menschen zu schildern (die woke Weltanschauung liebt bekanntlich die Opfer), dass sie auf die Gestalt des Till fast vergessen. Das liegt auch an einer sehr unsauberen Dramaturgie und Umsetzung, wo vier Männer in fixen Rollen und drei Damen in allen anderen (meist schwer zu definierenden) Funktionen die Geschichte in wildem Ineinandergleiten der Szenen realisieren. Da bleibt Till (und gar seine zu kurz gekommenen Scherze der Umwelt gegenüber) am Rande.

Die Szenen um Prinz Philipp, dem späteren König Philipp II. von Spanien (dessen Ruf Friedrich Schiller mit seinem „Don Carlos“-Drama in deutschsprachigen Landen geradezu vernichtet hat), gelingen da fast deutlicher – falls man sich als Zuseher in der Habsburgischen Geschichte ein wenig auskennt. Dass sein Vater ihn gedemütigt und heruntergemacht haben soll, stimmt übrigens nachweislich nicht (Karl war ein liebevoller Vater), aber immerhin arbeitet man mit Philipp seine vier Gemahlinnen und seinen unglücklichen Sohn Don Carlos ab. Ein großes Kreuz erscheint am Himmel, denn der Fanatismus der Ketzer- und Hexenjagden ist nun einmal verbürgt.

Aber, wie gesagt, obwohl die akustische Anlage exzellent ist, man auch in den höheren Reihen keine Schwierigkeiten hat, das unten Gesagte zu verstehen, erweckt die Optik oft den Eindruck, Regisseur Alexander Paul Kubelka (der auch für die Bühne zuständig ist) habe es für Regiekunst gehalten, möglichst viel Verwirrung und Unklarheit auf die Bühne zu bringen. Und man kann nur hoffen, dass Eltern nicht – der „Till“ ist doch der liebe Kerl vom Kinderbuch!`- ihre Kinder in diese Aufführung mitbringen, denn das ausführliche, geradezu sadistische Schildern von Folterungen und Verbrennungen erfordert einen starken Magen. Und man weiß auch nicht, was dergleichen bei Sommerspielen (die durchaus anspruchsvolle Kost bieten können!) zu tun hat – ebenso wie das ganze Stück.

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Für Wiener Theaterfreunde mag der primäre Grund, diesen Abend sehen zu wollen, in der Person von Fabian Krüger bestanden haben. Er war am Burgtheater einer der interessantesten, profiliertesten Schauspieler des Hauses. Unter den vielen Todsünden des Martin Kusej stand die Entlassung Krügers sicher an ganz oberer Stelle. Es ist sieben Jahre her, dass man ihn gesehen hat – von der Burg am Ring  vor die Burg in Perchtoldsdorf, aber das auch sprachlich schlechte Stück bietet für Krüger als Till rein gar nichts, er darf  nicht komödiantisch sein, wird nie zur runden Figur und zum echten Zentrum des Geschehens, ist auch als Revolutionär gegen die spanische Besatzung nicht überzeugend. Zudem optisch eine Vogelscheuche. kein Protagonist.   Seine glänzende Sprachbeherrschung zeigt seinen Rang, sonst darf er an diesem Abend fast nichts zeigen. Dennoch – jedes Wiener Theater könnte sich die Finger abschlecken, ihn zu haben. Nur zu!

till philipp kreuz 19m~1Philipp, vom Infanten zum König, ist die lächerlich verbogene Bösewicht-Figur des Abends, von Jakob Seeböck zum wahren Giftzwerg gemacht. Michael Masula ist jeder Zoll Tills aufrechter Vater, und Pascal Lalo als Lamme kommt als „komische Figur“ beinahe besser heraus als Till selbst.

Die Damen Wiltrud Schreiner. Susanne Kubelka und Larissa Fuchs müssen schier Ungeheures im Herumfegen über die Bühne und Herumgeschreie leisten. Alexandra Maria Nutz ist ein wahrer kleiner Hysteriker als Don Carlos. Alle zusammen ergeben vielleicht einen mühevollen, diffusen Theaterabend, aber kein Stück.

Das Publikum, das teilweise schon während der Vorstellung und dann auch während der Pause abbröckelte, feierte nach dreieinviertel Stunden den Einsatz der Interpreten.

Renate Wagner

 

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