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THE ART OF GRACE BUMBRY

28.01.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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THE ART OF GRACE BUMBRY
8 CDs plus DVD Deutsche Grammophon

Geburtstags-Hommage an eine große charismatische Diva mit purer Goldstimme

Veröffentlichung: 3. Februar 2017

Es ist kaum zu glauben, Grace Bumbry, eine der bedeutendsten Spinto Sopranistinnen des 20 Jahrhundert, wurde Anfang Jänner  2017 80 Jahre alt. Unverändert eine schöne königliche Frau, eine Sängerin wie ein Vulkan, begabt mit einer Naturstimme so phänomenal wie das Leuchten dunkler Smaragde. Die Deutsche Grammophon hat aus diesem Grund in ihren Archiven gesucht und ist – was die Anfangsjahre betrifft – fündig geworden. Es ist grosso modo eine ansehnliche Box geworden, der wir zumindest die Wiederveröffentlichung der beiden herausragenden Arien-Recitals unter János Kulka und Hans Löwlein aus Berliner Tagen der frühen 60-er Jahre verdanken und ebenso wunderbarste Liedaufnahmen (Wolf, Brahms, Schubert, Liszt) mit den Pianisten Erik Werba und Sebastian Peschko. Aber die Box spiegelt wie bei kaum einem anderen Künstler dieses Formats das Elend der Tonträgerindustrie wieder, die nicht imstande war, der exzeptionellen Karriere dieser Sängerin  zwischen Mezzo und Sopranfach ein auch nur annähernd adäquates Denkmal zu setzen.

Die Stimme von Grace Bumbry ist einzigartig, sie war schon 1957 mit 20 Jahren saftig, voll und rund, ereignishaft im Klang, perfekt in der Beherrschung der technischen Mittel. Der dunkle warme Ton einer der am reichsten und üppigsten timbrierten weiblichen Stimmen ever strömt einem goldenen Füllhorn gleich in allen Lagen. Dazu kommt, dass Grace Bumbry eine außerordentlich musikalische Sängerin mit einem sichern Stilempfinden für Oratorium, Oper, Lied oder auch Soul und Pop, ebenso prädestiniert für italienisches, deutsches oder französisches Repertoire ist. Auf der gesamten Box wird man keinen verrutschten Ton hören, Stimmsitz und Intonation sind untadelig, das Legato legendär. Die Stimme funktioniert bruchlos von der tiefen Mezzolage bis zum hohen C. Auch das ist einzigartig wie der Umstand, dass Grace Bumbry ihre herrliche Stimme in voller Qualität ohne Abstriche 50 Jahre lang (er)halten konnte, und dies trotz des dramatischen, wahrlich fordernden Repertoires, das die Sängerin von Anbeginn an mit Mut und Leidenschaft in Angriff nahm. Bumbry war überdies eine der letzten großen Divas Assolutas der Alten Schule, mit ungeheurer Ausstrahlung und dem Gewissen Etwas auch an Allüre und Selbst-Inszenierung, das die Herzen von Melomanen höher schlagen lässt.  Neben allen wichtigen Mezzopartien sang Bumbry ab 1970 folgerichtig alle wichtigen Primadonnenpartien wie Salome, Tosca, Aida, Lady Macbeth, Norma sowie Elvira (Ernani), Leonora (Il Trovatore), Santuzza, Cassandre oder Chimène (Le Cid).

Welch frühes Talent die Sängerin besass, kann anhand der CD-Erstveröffentlichung der Einspielung von Händels Oratorium „Israel in Egypt“ aus dem Jahr 1957 staunend nachvollzogen werden. Ebenso dankbar hört der Barockfreund, der die künstlerische Qualität der Chöre der Universität von Utah und des Utah Symphony Orchestra unter Maurice Abravanel nur bewundern kann, Händels Gesamtaufnahme von „Judas Maccabäus“, perfekt remastered (1958) mit einer ebenso leuchtenden Martina Arroyo als Sopranistin. Mit diesen beiden sicherlich wichtigen Raritäten ist aber schon die halbe Box voll. 

Meine beiden Lieblingsarien aus dem von János Kulka geleiteten in Berlin in der Jesus-Christus Kirche im Juni 1962 aufgenommenen Arienalbum (Bumbry war da gerade einmal 25 Jahre alt) sind die Arie „Ô ma lyre immortelle“ der Sapho aus Gounods gleichnamiger Oper und die prächtige Dalila Arie „Mon coeur s‘ouvre à ta voix“. Das klingt so reich an Licht und satten Farben,  als hätte Rubens selbst seine Farbpalette dieser Sängerin geliehen. Die Deutsche Grammophon hat die CD mit Ausschnitten aus den bekannten Gesamtaufnahmen vom Handels „Messias“ (Adrian Boult; mit Joan Sutherland), „El amor brujo“ von Manuel de Falla (Maazel) und Verdis „Don Carlo“ (Solti; Tebaldi) aufgefüllt. 

Auf der CD „Verdi Arien“, die noch zwei Ausschnitte aus „Un ballo in Maschera“ (die Ulrika Arie ist die einzige, die Bumbry nach meinem Geschmack zu tief liegt) und „Don Carlo“ des „Kulka Rezitals“ enthält, sind die Aufnahme einer LP zu hören, die 1965 in den UFA Studios in Berlin produziert worden war. Unter der Leitung von Hans Löwlein mit dem Orchester der dt. Oper Berlin zeigt Bumbry erstmals souverän und exemplarisch, dass sie sowohl in Mezzo- als auch Sopranrollen heimisch ist.  Neben den beiden Azucena Arien sind vollendet gestaltete Arien der Elisabeth aus „Don Carlo“ („Tu che le vanitá“) und „Aida“ („Ritorna voncitor“) zu hören. Eine Klasse für sich sind die drei Arien der Lady Macbeth. Der Originalhülle der LP entspricht aber nicht deckungsgleich der Inhalt, weil das Label zum Füllen der CD noch Ausschnitte aus Richard Wagners „Tannhäuser“ aus dem zweiten Bayreuther Jahr nach der legendären Premiere (1962) mit einer zu Recht als epochemachenden bezeichneten Interpretation der Venus durch Bumbry und einem angestrengt klingenden Wolfgang Windgassen enthalten. Schade nur, das Bumbry nie die Kundry gesungen hat. Sechs Lieder von Johannes Brahms  mit Sebastian Peschko am Klavier kommen der groß dimensionierten Stimme der Bumbry ebenfalls sehr entgegen. Textverständlichkeit, Phrasierung, Stilempfinden und Interpretation können nicht anders als meisterlich bezeichnet werden. Von der Lied-CD beeindrucken mich am meisten die Zigeunerlieder von Johannes Brahms, die auch mit berühmten Interpretationen von denjenigen von Christa Ludwig oder Sena Jurinac ohne weiteres mithalten können. Weiters enthält die Jubiläums-Box den Carmen Film, dessen etwas steriler Soundtrack im Juni 1967 in den Wiener Sophiensälen unter Herbert von Karajan  im Jahr 1967 aufgenommen worden ist (mit Vickers, Freni und Diaz).

Dann zwischen 1967 und 1995 nichts (zumindest auf der vorliegenden Box). Unglaublich, dass sich keine Plattenfirma gefunden hat, Bumbrys großartige Tosca oder Salome im Studio für die Ewigkeit zu konservieren. Das in Los Angeles in den Westlake Studios aufgenommene Soul/Pop Album „With Love“ mit dem Duett „Just like a Woman“ mit Dionne Warwick ist eine willkommene Ergänzung. Bumbry klingt hier unverändert großartig wie eh und je. Fast obsolet zu erwähnen, dass Soul dieser Allrounderin genau so in der Kehle liegt wie Eboli oder Gioconda.

Grace Bumbrys Werdegang ist in seiner Einzigartigkeit wohl kaum zu übertreffen: Nachdem ihr als Siebzehnjährige der Besuch des Konservatoriums auf Grund der damals herrschenden Rassentrennung verwehrt wurde, nahm sie ihre Karriere mit Hilfe ihrer Lehrerin Lotte Lehmann selbst in die Hand. Der Aufstieg war kometenhaft. Schon in ihren Zwanziger-Jahren sang Bumbry in den bekanntesten Opernhäusern der Welt, ab 1963 an Covent Garden, seit 1965 an der MET. Jeder weiß: Sie wurde als erste farbige Sängerin bei den Bayreuther Festspielen verpflichtet und als »Schwarze Venus« im Tannhäuser legendär und mit Standing-Ovations gefeiert. Grace Bumbry lebt heute in Hamburg. Seit geraumer Zeit gibt Grace Bumbry ihr Wissen auch an lernfreudige Gesangstudenten aus aller Welt in Meisterkursen weiter. 

Auch die Redaktion des Online Merker möchte dieser großartigen Künstlerpersönlichkeit mit allem Respekt die besten Glückwünsche zu ihrem Geburtstag entbieten. 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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