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THE ALEHOUSE SESSIONS

16.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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THE ALEHOUSE SESSIONS _ BJARTE EIKE; BAROKKSOLISTENE; Rubicon CD oder LP

The Alehouse Boys, norwegische Formation der Sonderklasse, geben der Londoner Ära der Kneipen-. und Bierstubenmusik frisches Leben

„Man mag es ein Haus der Sünde nennen, aber nicht ein Haus der Finsternis, denn die Lichter löschen niemals aus, und es gleicht jenen Ländern hoch im Norden, wo es um Mitternacht so hell ist wie am Mittag.“ Zitat aus der „Microcosmographie“ des englischen Bischofs John Earle von 1628

Auch berühmte Komponisten wie Henry Purcell nahmen an solchen alkoholgeschwängerten Musikabenden teil und schrieben für solche Anlässe passende Werke. Mit dem Ausbruch des englischen Bürgerkriegs 1642 wurden die Kirchen- und Hofmusiker aus ihrem Dienst entlassen. Das Musizieren gegen Geld war plötzlich verboten. Diese Leute sahen sich gezwungen, in Pubs ein neues Publikum zu suchen. Es entstanden die „Musick-Houses“, die ersten öffentlichen Konzertorte in England. Die Veranstaltungen wurden so beliebt, das Oliver Chromwell 1657 ein neues Dekret erließ, das das Betteln und Hausieren der Musiker in Wirtshäusern, Schenken und Kneipen unter Strafe stellte. Da die Nachfrage nach musikalischer Unterhaltung in Trinklokalen hoch war, wurde statt Instrumentalmusik (einfache Geigen- und Flötenmusik) Vokalmusik, also mehrstimmige Lieder und Balladen, schmutzige Rundgesänge und Canons dargeboten. Erst 1660 mit  Wiedereinsetzung der Monarchie unter Charles II. änderte sich alles, der neue König öffnete die Theater wieder, holte die Kirchenmusiker zurück und unterhielt ein eigenes Orchester. Die „Alehouse Konzerte“ blieben aber weiterhin bestehen, im 18. Jahrhundert bewarben Veranstalter zunehmend ihre Kneipenkonzerte.

Wie es damals bei diesen „Konzerten“ zugegangen sein muss, schildert Bjarte Eike plastisch: „Da wurde bis zum Abwinken Musik gemacht, getrunken, geflirtet, getratscht, gerauft, gequalmt, gesungen, gelacht, getanzt, gegrölt… fast wie bei unseren eigenen „Alehouse Sessions“.

Mit und in den „Alehouse Sessions“, 2007 ins Leben gerufen, wollten die Barokksolistene jene Musik neu interpretieren, die während und nach der Zeit des Commonwealth in englischen Wirtshäusern gespielt wurde. Es soll kein Konzept sein, sondern ein kreativer Raum, der ständig umgestaltet wird, je nachdem als Aufklärungsprojekt, Musiktheater, improvisiertes Happening, Show oder Bildungsveranstaltung. Es geht um die Wiederbelebung des Musikstils im 17. Jahrhundert, der sich in den Kneipen und Bierstuben Englands entwickelte. Die Barokksolistene/„Alehouse Boys“ (Violine, Viola, Gitarre, Cembalo, Harmonium, Schlagzeug, Kontrabass, Gesang) spielen Musik aus England, Irland, Schottland, Skandinavien, gleichermaßen niedergeschriebene Kompositionen, traditionelle Weisen und Arrangements von Volksliedern. 

Die Spielweise von Bjarte Eike und Freunden ist voller unbändiger Energie und tänzerischer Rhythmen, sie erinnert an einen Mix aus Alter Musik, Folk und Jam Sessions. Auf der in eine großformatige Hülle gepackten CD sind Arrangements von Stücken aus der Sammlung John Playfords, aus der Feder Henry Purcells, Turlough O‘Carolans sowie englische „sea shantys“ und schottische Lieder aus dem 17. Jahrhundert zu hören. Acht reinen Instrumentalnummern stehen fünf Songs/Balladen gegenüber. In Liedern wie „Lead me“, „I drew my ship“ (mein Lieblingsstück) oder „Leave her Johnny“ kommt auch die melancholische Seite der Musik bestens zum Ausdruck. Natürlich darf auch ein Gassenhauer wie „Pass around the Grog“ nicht fehlen. Den Hauptsänger der Truppe, Thomas Guthrie, muss man erlebt haben. So viel an schmachtender Sehnsucht, herzzerreißender Liebesglut und theatralischer Selbstironie ward wohl noch nie vernommen. 

Ein großartiges Album, das möglicherweise alles, jedoch sicher niemals langweilig ist. Den Musikern gelingt es, die Konzertstimmung direkt ins Wohnzimmer zu transferieren. Ein kräftiges musikalisches Zeichen gegen schmalllipige Interpretations-Orthodoxie, für die Macht der Improvisation und sinnlichen-prallen Musizierens. I love it.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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