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TATORT BURGTHEATER

19.10.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Edith Kneifl, Hg.
TATORT BURGTHEATER
13 Kriminalgeschichten aus Wien
272 Seiten, Falter Verlag, 2015

Zu den nun schon sehr zahlreichen „Tatorten“ typisch Wienerischer Prägung (vom Kaffeehaus zum Würstelstand, vom Prater zum Friedhof, vom Heurigen zum Naschmarkt) gesellt sich nun das Burgtheater. Dabei muss man keine Angst haben, dass die „Hochkultur“ etwa am Morden hindert, keinesfalls. Das Dutzend Autoren, das Herausgeberin Edith Kneifl (die natürlich auch eine Geschichte beisteuert) zusammen getrommelt hat, wird angesichts des Kulturtempels durchaus kreativ.

Wobei es ein Autor wie Gerhard Loibelsberger leicht hat: Er muss nur seinen bei Krimi-Lesern bestens bekannten Inspektor Nechyba, der bekanntlich stets rund um 1900, also noch in der Monarchie, in Wien unterwegs ist, bemühen. Diesmal soll er bei der Eröffnung des k.k. Hofburgtheaters Dienst tun und ein Auge auf einen der Ehrengäste, den Prince of Wales, werfen. Dass es rund um die Eröffnung auch Morde gibt… das wird laut Loibelsberger von den Behörden gleich unter den Tisch gekehrt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Eine ähnliche Geschichte, die angeblich nicht wahr war, hat sich Jacqueline Gillespie rund um den Tod von Burgtheaterdirektor August Förster 1889 ausgedacht, wo nicht nur „Macbeth“ gespielt wird, sondern auch die intrigante Gattin eines Rivalen möglicherweise einen Mord geplant hat…

Aber im übrigen bleiben die Autoren eher in der Gegenwart, kurz und bündig oder ausführlich und knifflig wie Andreas Gruber in „Letzter Vorhang“, wo der Autor nicht nur zwei rivalisierende Schauspielerinnen-Furien gegeneinander hetzt, sondern auch noch über die Einfälle des modernen Regietheaters ätzt – da besetzt doch ein italienischer Regisseur Shakespeares „Julius Caesar“ ausschließlich mit Frauen…

Das Filetstückchen kommt am Schluß, heißt „Festmahl“, ist von Edith Kneifl selbst und spielt nicht im Burgtheater direkt, sondern in einer Großbürgerwohnung vis a via (à la „Heldenplatz“). Da ist Familientag, ähnlich jenem, wie ihn „drüben“ auf der Bühne Thomas Vintenberg in seinem Stück „Das Begräbnis“ anrichtet. Aber wie die Damen und Herren da in vollem Haß gegeneinander los gehen, das ist schon Thomas Bernhard in Reinkultur – und am Ende merkt man, dass jemand beschlossen hat, an diesem Abend gleich zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen… schaurig!

Die 13 Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein, viele paraphrasieren das Theater und Stücke – ob Schiller, Molière, Lessing oder immer wieder Shakespeare -, nicht alle sind auf Anhieb leicht und süffig zu lesen, aber sicher jeder findet irgendetwas Originelles darunter.

Renate Wagner

 

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