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Schleswig-Holsteinisches Landestheater; Flensburg

Urlaub in Deutschlands äußerstem Norden

Mehrere Monate lang habe ich als Gästeführer auf kulinarischen Stadtrundgängen Einheimische und Touristen durch die schöne Stadt Flensburg geführt und möchte Ihnen in diesem Artikel einige versteckte und weniger bekannte Ecken meiner Heimatstadt näher bringen. Über Jahrhunderte gehörte Flensburg zum dänischen Gesamtstaat und gilt nicht zuletzt deshalb auch heute noch als Deutschlands dänischste Stadt. Eine große hier lebende dänische Minderheit und viele Besucher aus dem Nachbarland versprühen an allen Ecken skandinavisches Flair.

(c) Marc Rohde

Blick auf den Hafen und das Ostufer mit der St. Jürgen Kirche

 

Bewegte Stadtgeschichte im Überblick

Im 12. Jahrhundert entstand die Siedlung am Ende der fischreichen Flensburger Förde und in unmittelbarer Nähe zum Ochsenweg, einer Handelsstraße, die von Wedel (bei Hamburg) bis nach Viborg im Norden verlief. Flensburg erhielt im Jahr 1284 das Stadtrecht und entwickelte sich schnell zur bedeutendsten Stadt im Herzogtum Schleswig. Die damaligen Kaufleute betrieben regen Handel, unter anderem mit gesalzenem Hering. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Grafen von Holstein und den Hansestädten konnte sich Flensburg von der Vormacht Lübecks lösen und stieg im 16. Jahrhundert zur bedeutendsten Handelsstadt der dänischen Krone auf. Diese Blütezeit wurde 1626 durch den Dreißigjährigen Krieg beendet, dem 1712 die nordischen Kriege folgten. Nach dem Wiederaufbau folgte durch den Handel mit Norwegen und durch Walfang ein neuerlicher Aufschwung. Der ebenfalls auflebende Westindien-Handel führte zu einer weiteren wirtschaftlichen Blütezeit. Dänemark unterhielt Kolonien in der Karibik: die Inseln St. Croix, St. Thomas und St. John. Von dort gelangten Rohrzucker und Roh-Rum nach Flensburg und wurden hier weiter verarbeitet. Zeitweilig wurden bis zu 200 Rumhäuser gezählt. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte auch diese Hoch-Zeit ein Ende. In Folge des Deutsch-Dänischen Kriegs 1864 fiel Schleswig-Holstein und damit auch Flensburg an Preußen. Im Jahr 1920 wurde schließlich im Rahmen einer Volksbefragung der Grenzverlauf zwischen Deutschland und Dänemark neu bestimmt. Nordschleswig gehörte fortan zu Dänemark und Flensburg wurde plötzlich zur Grenzstadt. Im zweiten Weltkrieg wurden nur etwa 5% der Stadt zerstört, sodass man heute immer noch sehr viele historische Gebäude vorfindet. Im Mai 1945 war die Stadt Sitz der letzten Reichsregierung unter Karl Dönitz. In heutiger Zeit kennt man sie eher wegen des hier ansässigen Kraftfahrtbundesamtes, des leckeren Bieres mit den lustigen Werbespots und der erfolgreichen Handballmannschaft. So viel in aller Kürze zur aufregenden und eigentlich weitaus komplexeren Vergangenheit der Stadt.

 

Auch eine Theaterstadt

(c) Marc Rohde

Das Stadttheater in der Rathausstraße

Für die Größe der Stadt ist das Theaterangebot sehr vielfältig. Sogar eine Niederdeutsche Bühne und ein dänisches Theater gibt es. Die Flensburger Theatergeschichte begann im Jahr 1450, als Bürger der Stadt unter Anleitung von Geistlichen in St. Marien ein Passionsspiel aufführten. 1795 eröffnete in Flensburg das erste bürgerliche Theater Schleswig-Holsteins seinen Spielbetrieb. Bemerkenswert ist auch ein Gastauftritt von Pietro Mascagni, der im Jahr 1877 in der damaligen Sängerhalle im Tivoli am oberen Südergraben stattgefunden hat. Das heute noch bespielte Stadttheater in der Rathausstraße wurde 1894 eröffnet. Der Baustil orientiert sich an italienischen Renaissancebauten und greift durch die Verwendung von Backsteinen norddeutsche Bautraditionen auf.  Am 1. August 1974 wurde aus wirtschaftlichen Gründen gemeinsam mit den Theatern in Schleswig und Rendsburg die Schleswig-Holsteinische Landestheater und Sinfonieorchester GmbH gegründet. Das Musiktheater des insgesamt etwa 380 Beschäftigte zählenden Landestheaters hat bis heute seinen Sitz in Flensburg. 

Die geografische Lage der drittgrößten Stadt Schleswig-Holsteins am Ende der Flensburger Förde und damit am westlichsten Punkt der Ostsee ist für einen erholsamen Urlaub ideal. Auch die Nordsee ist in einer Dreiviertelstunde zu erreichen. Unzählige Ferienwohnungen und viele Hotels stehen den Urlaubern in der Region zur Verfügung.

 

Flüssiges Gold aus der Karibik

Emissionsfrei nach Flensburg transportierter Barbados Rum

Rum hat den Flensburgern einst enormen Wohlstand beschert und auch heute noch lassen sich überall in der Stadt Spuren der hochprozentigen Vergangenheit entdecken:

Im Schifffahrtsmuseum unten am Hafen gibt es im Café des Rum Kontors die besten Rumkugeln weit und breit. Hergestellt werden sie in liebevoller Handarbeit mit dem traditionsreichen Johannsen Rum aus der Fördestadt. Diesen und viele weitere teilweise sehr exklusive Rumspezialitäten, edle Schokoladen und maritime Souvenirs gibt es hier zu kaufen. Inhaberin Beate importiert hin und wieder sogar emissionsfrei per Frachtsegler aus Barbados transportierte Rumfässer und füllt das flüssige Gold selbst in Flaschen ab.

Gegenüber im Museumshafen liegt neben anderen schwimmenden Kostbarkeiten auch der ehemalige Haikutter „Dagmar Aaen“, mit dem Arved Fuchs schon die eine oder andere abenteuerliche Expedition in die Polarregionen unserer Erde unternommen hat.    

Die parallel zum Ufer verlaufende Norderstraße wurde 2014 vom New Yorker Reisemagazin „Travel + Leisure“ zu einer der achtzehn verrücktesten Straßen der Welt gekürt. Die Shoefitis (an Leinen über der Straße hängende Schuhe) haben sie berühmt gemacht. Um den Ursprung dieses außergewöhnlichen Kunstwerks ranken sich verschiedene Legenden, aber keine davon ist bisher belegt worden. Vielleicht haben einst tatsächlich nur Kunden eines Skatershops nach dem Kauf neuer Sneaker ihre alten über die Leinen geworfen.

Klopapierrollen hamsternder Hamster

Ebenfalls in der als multikulturellem Szeneviertel bekannten Norderstraße haben die Wandmalereien der Streetart Künstlerin mit den Initialen N.M. ihren Ursprung. Zunächst malte sie Katzen, später kamen andere Tiere hinzu. Mittlerweile gibt es sogar in Bonn verzierte Häuser dieser anonym bleiben wollenden Künstlerin. Passend zu den Corona-bedingten Hamsterkäufen entstand auch dieses possierliche Tierchen, welches allerdings als „Paste Up“ temporär auf die Hauswand aufgetragen wurde und inzwischen schon wieder verschwunden ist.

 

Prachtbauten wohin das Auge reicht

Geht man weiter in den Norden, passiert man schließlich das historische Nordertor aus den Jahren 1595/1596. Das exakte Datum der Erbauung ist nicht gesichert, aber spielt das nach mehr als 400 Jahren wirklich so eine große Rolle? Es ist alt, es ist das Wahrzeichen der Stadt und wenn man heute davor steht, ist leider unübersehbar, dass es schon bessere Zeiten gehabt hat. Für ein Wahrzeichen macht es einen sonderbar vernachlässigten Eindruck. Vielleicht erinnern Sie sich noch: ab 1966 schmückte das Nordertor eine Briefmarke der Deutschen Bundespost.

(c) Marc Rohde

Prachtbau in der Neustadt

Nördlich dieses Bauwerks beginnt die Neustadt, die ab 1796 entstand. Teilweise ist dieser Stadtteil zum sozialen Brennpunkt geworden. Die schönen Gebäude sind dennoch ein Grund für einen Besuch und die zahlreich vertretenen orientalischen Lebensmittelgeschäfte bieten vielfältige kulinarische Erlebnisse.

Auf dem Weg zurück in die Altstadt passiert man in unmittelbarer Nähe des Nordermarktes einen kleinen Imbiss, der vor allem Nachtschwärmern ein Begriff ist: Burrito in der Schiffbrückstraße. Teilweise reisen die Gäste extra aus Hamburg oder aus dem dänischen Kolding an, um hier ihren Lieblingssnack zu ergattern. Seit 1995 ist der Betrieb in der Hafenstadt ansässig und wird heute in zweiter Generation von Salman und seiner Familie betrieben. Lustiger weise stammen die Inhaber nicht mal aus der Nähe von Mexiko. Den Fladen liegen so auch keine mittelamerikanischen Rezepte zu Grunde, sondern es handelt sich um Eigenkreationen, die es so nur hier zu kaufen gibt. Inspiriert von Fernsehserien wie „Miami Vice“ wurde so lange herum experimentiert, bis das Ergebnis gefiel. Geradezu legendär ist die Safransoße, die auf keinen Fall fehlen darf. Nicht typisch norddeutsch, aber doch ein echtes Flensburger Original! In Flensburg finden Sie aber natürlich auch Fischbrötchen, dänische Hot Dogs, Softeis und zahlreiche Restaurants.

 

Originale Fälschungen

(c) Marc Rohde

Malskat nach Marc Chagall

Im Südergraben befindet sich ein imposanter Backsteinbau im Stile der preußischen Einschüchterungsarchitektur: der Altbau des Landgerichts. Nach Voranmeldung können Einheimische und Touristen gegen eine kleine Spende die gerichtshistorische Sammlung des Hauses besichtigen. Unter anderem sind hier „echte“ Lothar Malskat-Fälschungen, die in Zusammenhang mit dem Lübecker Bildfälscherprozess (1954/1955) stehen, zu sehen. Das Bild „Russische Braut“ ist besonders eindrucksvoll geworden und wurde sogar in einem ebenfalls ausgestellten Brief von Marc Chagall als eigenhändig von ihm gemalt anerkannt. Neben dieser einmaligen Sammlung dürfen Gäste auch die kunsthistorisch bedeutsamen Teile des Gebäudes von 1882 bestaunen. Hierzu zählt der mit Wandmalereien verzierte Treppenaufgang im Stil des Historismus, ein Standbild des Kaisers Wilhelm I. und der weitgehend original erhaltene Schwurgerichtssaal.

 

Die andere Seite – das Ostufer

Es lohnt sich auch der Weg hinüber auf die Ostseite des Hafens. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die wunderschöne Altstadt und kann beim Spaziergang am Wasser entlang die Überbleibsel des einst umtriebigen Industriehafens erkunden.

(c) Marc Rohde

Industriehafen am Ostufer des Hafens

An den mächtigen Silos treffen sich abends Autoliebhaber mit mehr oder weniger getunten Fahrzeugen. Manchmal sitzen sie nur in ihren Wagen und starren in ihre Handys, hin und wieder fachsimpeln sie auch in kleinen Grüppchen mit anderen. Inmitten der Industrieanlagen liegt im alten Gebäude der Waage das mediterrane Lokal Hafenjunge Pedro. Die gemütliche Tapas-Bar mit Lounge-Bereich ist leicht zu übersehen und gilt als echter Geheimtipp. Am Ende des Harniskais gelangt man schließlich zum Piratennest, einer Freiland-Kneipe, über die der Betreiber einst in einem Interview sagte: „Wenn einer kommt, dann mache ich auf.“ Von dort aus hat man einen exzellenten Blick auf das gegenüberliegende Gelände der Flensburger Schiffbaugesellschaft. Auf der anderen Seite erspäht man in der Ferne den Sportboothafen Sonwik (ehemals Torpedostation der Marine – im Juli eröffnet hier ein neues Hotel mit Rooftop Pool) und das heute noch als Marineschule genutzte „Rote Schloss am Meer“, das nach dem Vorbild der Marienburg des Deutschen Ordens erbaut wurde. Den touristisch attraktiven Gang durch die Sankt-Jürgen-Straße sollten Sie auf dem Rückweg auf keinen Fall versäumen. Sie bildet das Herz des historischen Kapitänsviertels mit seinen unzähligen denkmalgeschützten kleinen Häuschen.

 

(c) Marc Rohde

Jugendstilfassade im Südergraben

Themen-Spaziergänge

Neben der ebenfalls unbedingt sehenswerten Rum und Zucker Meile und dem Kapitänsweg gibt es seit 2020 eine weitere kulturhistorische Route. Der Jugendstil-Weg verbindet zwanzig architektonische Perlen dieser Epoche miteinander. In der rasant wachsenden Förderstadt entstanden um 1900 herausragende Beispiele der Jugendstilarchitektur, die heute noch ganze Straßenzüge prägen.

 

Maritimes aus dem Netz

Wenn Sie jetzt Lust auf mehr Meer bekommen haben und sich zur Einstimmung auf Ihren Besuch im Norden ein kleines maritimes Accessoire für zu Hause bestellen wollen, schauen Sie doch mal in diesen -zugegebenermaßen nicht Flensburger– Online-Shop der Manufaktur für maritime Kleinigkeiten „klitze-mini-bisschen“.

 

Flensburg und die schönste Förde der Welt freuen sich auf Ihren Besuch! Offizielle Informationen finden Sie auf diesen Seiten.

 

(c) Marc Rohde / Mai 2020

 

 

 

 

 

 

 

IAÇANÃ CASTRO – Odette/Odile in Deutschlands Norden

Kurz nach der umjubelten Flensburger Schwanensee-Premiere und kurz vor ihrem eigenen Debüt als Odette/Odile traf ich die aus Rio de Janeiro stammende Balletttänzerin Iaçanã Castro zum Interview.

Iaçanã Castro © Andreas Zauner

Ihre erste Begegnung mit dem Ballett lief nicht ganz so wie geplant, denn bei den ersten Ballettstunden war Iaçanã im Alter von vier Jahren von den anderen Mädchen, die lieber spielen als tanzen wollten, genervt und brach das Experiment daher sehr schnell wieder ab. Erst mit 13 Jahren gab es eine erneute Begegnung mit dem heute geliebten Beruf:  

Ich begann meine Ausbildung 2010 an der staatlichen Maria Olenewa Ballettschule in Rio. Im selben Jahr nahm ich an einer Audition der Ballettschule des Bolschoi-Theaters in Santa Catarina im Süden Brasiliens teil. Dies ist die einzige Schule des Bolschoi Theaters außerhalb Moskaus. Im Alter von 14 Jahren bin ich mit meiner Großmutter dorthin umgezogen. Es gibt in der Bolschoi-Schule natürlich auch Wohnmöglichkeiten für die Studenten, aber meiner Mutter gefiel der Gedanke nicht, dass ich alleine dort wohnen sollte. So war ich sehr glücklich, dass meine Oma sich zur Erfüllung meines Wunsches zur Verfügung gestellt hat. Ich stieg also in der vierten Klasse dort in die Ausbildung ein und blieb bis zum Abschluss vier Jahre später.

Ende 2013 kam Peter Breuer, der Ballettdirektor des Salzburger Landestheaters, in unsere Schule, um 15 Studenten für seine Schwanensee-Produktion nach Österreich einzuladen.  Auf diesem Wege kam ich im Alter von 17 Jahren nach Salzburg, wo ich vier Monate blieb. Dies war mein allererster Besuch in Europa und ich war mir sofort sicher, dass ich wiederkommen wollte. Damals war mein Studium noch nicht abgeschlossen, deshalb ging ich zunächst nach Brasilien zurück. Mein Ziel war es jedoch seitdem, nach Europa auszuwandern.

Gegen Ende der Ausbildung erhielten einige der Studenten das Angebot, als Nachwuchstänzer für die Ballettschule zu arbeiten und mit der Company durch Brasilien zu touren, aber Iaçanā war klar, dass das für sie nicht der richtige Weg war.

In Brasilia gibt es jedes Jahr einen Tanzworkshop, den ich ebenfalls besucht habe. Dort habe ich den deutschen Professor Hans Tappendorf kennengelernt, der mich dem Ballett St. Pölten empfohlen hat. Im Dezember 2015 habe ich meinen Abschluss gemacht und im Januar 2016 war ich wieder in Österreich. Dort haben wir in Bahnhöfen, teilweise an sehr kleinen Bühnen, manchmal aber auch an sehr großen Bühnen getanzt. Viele der Orte, an denen wir aufgetreten sind, waren äußerst ungewöhnlich. Ich habe in dieser Zeit eine ganze Fülle an Bühnenerfahrungen machen dürfen. Ich war auch an einer Opernproduktion der Salzburger Festspiele beteiligt. Einiges an dieser Zeit war schön, andere Dinge waren weniger schön. Wir haben mit 13 Personen in einem Haus gewohnt und das Zusammenleben war nicht immer ganz einfach.

Wie kamen Sie dann schließlich von Österreich in Deutschlands äußersten Norden?

Als ich das erste Mal von Flensburg hörte, war ich mir nicht mal sicher, ob die Stadt noch zu Deutschland gehört. Beim ersten Besuch habe ich mich sofort in die Stadt verliebt. Die Förde und die direkte Anbindung ans Meer haben mich an zu Hause erinnert und ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt. Während meiner ersten Audition bei Ballettdirektorin Katharina Torwesten konnte sie mir noch keinen Vertrag anbieten, weil keine Stelle frei war. Sie bat mich also im folgenden Jahr wieder zu kommen. Im Oktober 2017 besuchte ich Flensburg erneut und zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass jemand zum Ende der Spielzeit das Ensemble verlassen würde. In der Zwischenzeit kam ich erneut nach Salzburg, denn Peter Breuer lieh sich für seine Cinderella Produktion am Landestheater fünf Paare aus St. Pölten aus. Ich war die einzige Tänzerin, die in Schwanensee dabei war und auch in Cinderella erneut bei ihm gastierte.

Iaçanã Castro und ihr Partner Denison Pereira da Silva als Prinz Siegfried (ganz rechts im Bild) posieren kurz vor der Aufführung in Flensburg für den Neuen Merker © Marc Rohde

War es für Sie schwer, sich von der südamerikanischen Lebensart auf Ihr neues Leben in Europa umzustellen?

Zwischen Brasilien und dem deutschsprachigen Raum gibt es große Unterschiede. Aus meiner Sicht ist hier alles viel besser.  Schon in Salzburg habe ich die Erfahrung gemacht, dass alles gut organisiert war, es viel zu lernen gab und ich mich auf Abmachungen verlassen konnte. Als ich noch mal die eineinhalb Jahre nach Brasilien zurückkehrte empfand ich dort alles als weniger schön, als langweiliger und auch als relativ chaotisch. Kulturell sind mir gar nicht so viele Unterschiede aufgefallen. Ich selbst bin für brasilianische Verhältnisse ein eher kühler Typ und kann nicht behaupten, dass die Leute hier in Norddeutschland weniger warmherzig als die in Brasilien sind. Für mich gab es kaum einen Kulturschock, sondern ich habe mich sowohl in Österreich als auch in Deutschland sofort wohlgefühlt.

Können Sie mir noch etwas mehr über den Bolschoi-Ableger in Brasilien erzählen?

Die erste Generation Lehrer an der Bolschoi-Schule waren alle Russen und es galten und gelten immer noch strenge Regeln. Es gab kein „vielleicht“, sondern klare Anweisungen, die wir Schüler einzuhalten hatten. Vielleicht hatte ich da schon eine eher deutsche Ausrichtung mit auf den Weg bekommen, denn andernorts gibt es in Brasilien immer einen Weg, etwas zu mauscheln oder zu improvisieren. Durch die strenge Schule tickte ich von Anfang an schon sehr europäisch. Inzwischen ist die Bolschoi-Schule schon mehr als 20 Jahre alt und es unterrichten auch ehemalige Schüler, also Brasilianer. Diese sind aber durch die russische Schule gegangen und haben alle ein Praktikum in Moskau absolviert.

In St. Pölten habe ich nach der sehr klassischen Ausbildung am Bolschoi auch zeitgenössischen Tanz gelernt und bin dadurch deutlich vielseitiger geworden, so dass ich ganz gut ins Flensburger Ensemble passe. Direkt nach meinem Abschluss hätte ich vermutlich nicht die Dinge am Schleswig-Holsteinischen Landestheater tanzen können, die ich momentan hier mache.

Iaçanã Castro als Odette © Marc Rohde

In Flensburg tanze ich jetzt wahrhaftig Odette / Odile obwohl ich bei meiner Größe von nur 1,60 Metern und meinem etwas dunkleren Teint von Anbeginn meiner Karriere davon überzeugt war, niemals diese Rolle verkörpern zu können. Ich war sehr überrascht als Katharina mich fragte, ob ich es machen möchte. Ich dachte mir, wenn sie mir dieses Vertrauen schenkt, gibt es auch eine reelle Chance, dass ich diesen Charakter gut auf der Bühne umsetzen kann. Es geht ja nicht nur um die körperliche Konstitution, sondern auch um meine Seele, um das was ich bereits erlebt habe und um das, was ich Dank dieser Komponenten zum Ausdruck bringen kann.

Ich liebe an der Arbeit mit Katharina, dass sie uns Tänzern immer eine Erklärung dafür gibt, warum was wie zu erfolgen hat. Odette ist nicht einfach Odette, weil sie Odette ist. Sie ist Odette, weil in ihrer Vergangenheit etwas passiert ist, das sie zu der Persönlichkeit gemacht hat, die sie ist. Auch Rotbart hat in seiner Kindheit eine Art Trauma erlebt, das ihn zum bösen Gegenpol hat werden lassen. In der Schule haben wir Unterrichtseinheiten in Ballettliteratur gehabt und natürlich gelernt, dass Rotbart ein böser Magier ist, aber wir haben dort nie thematisiert, warum dies so ist.

Ich werde mein Bestes geben, dass ich dem Publikum die Geschichte gut vermitteln kann und dass ich diese Emotionen mit ihnen teilen kann (lacht).

Dass dies gelungen ist, bewiesen die Standing Ovations nach Iaçanā Castros Debüt.

 

Marc Rohde 10/2019

 

FLENSBURG/ Schleswig-Holsteinisches-Landestheater: RIGOLETTO, Premiere

Es war eine besondere Premiere, die da am Schleswig-Holsteinischen Landestheater stattfand: Zum einen handelte es sich um die erste Musiktheaterproduktion der Saison, spannender machten den Abend aber die Faktoren neuer Generalmusikdirektor und scheidender Generalintendant. Diese besondere Atmosphäre und nicht zuletzt die künstlerischen Leistungen des Abends belohnte das Publikum schließlich mit stehenden Ovationen.

Beginnen wir beim scheidenden Generalintendanten. Peter Grisebach ist seit der Spielzeit 2010/2011 Generalintendant des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters und Sinfonieorchesters. Damals stand das Haus kurz vor der Insolvenz und er trug durch seine Neuausrichtung des Musiktheaters, des Schauspiels und des Balletts maßgeblich dazu bei, dass Deutschlands nördlichste Region heute überhaupt noch ein eigenständiges Dreispartenhaus hat. So galt ein Teil des Jubels sicher der Gesamtleistung des Intendanten und nur zum Teil der an diesem Abend gesehenen Inszenierung. Diese sollte modern sein, was durch Kostüme und Bühnenbild auch klar zum Ausdruck kam, war aber doch eher unaufgeregt. Das rauschende Fest zu Beginn deutet Ausschweifungen eigentlich nur an. Die auf Konsumgut reduzierten Damen sind auf der kleinen Flensburger Bühne züchtiger gekleidet, als manche Abiturientin beim Shopping in der Fußgängerzone. Rigoletto hat bei Grisebach keinen Buckel, sondern eine Gehbehinderung, die ihn in einigen Szenen in einem extravaganten Rollstuhl über die Bühne gleiten und ihn in anderen Bildern an Krücken gehen lässt. Das Bühnenbild von Michele Lorenzini zeigt den Palast des Herzogs als moderne und gleichsam architektonisch kühle Villa, Rigolettos Haus als Käfig, in dem er seine Tochter Gilda vor Gefahren aus der Außenwelt beschützt, sie aber in der Konsequenz gleichzeitig ihrer Freiheit beraubt und Sparafuciles Heim lässt er gar zur Rotlichtbar mutieren. Die Kostüme sind tendenziell unauffällig und zeitgemäß, umso klarer stechen der farbenfrohe blaue Anzug des Duca und auch die einfallsreiche Rollstuhlkonstruktion Rigolettos ins Auge.

Rauschendes Fest beim Duca di Mantua © Henrik Matzen

Kimbo Ishii am Pult sorgte am Premierenabend für ein konzentriert und harmonisch aufspielendes Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester, das Verdis Partitur sehr geschmeidig und an den nötigen Stellen auch dramatisch umsetzte. Der absolut bewundernswerten Leistung, dass alle Sänger stets ohne brüllen zu müssen sehr gut zu hören waren, gebührt ein Sonderlob.

Chul-Hyun Kim (Duca di Mantua) hatte durchaus die Phonstärke, um sich auch gegen unsensibler aufspielende Musiker Gehör zu verschaffen. Insbesondere im zweiten und dritten Akt tat er sich schwer damit, seine vokalen Kräfte zu zügeln. Wenn es ihm doch gelang, klang sein Tenor strahlend und schön. Kai-Moritz von Blanckenburg gestaltete einen intensiven Rigoletto. Er verstand es, den Charakter des ausgegrenzten und um seine Tochter sorgenden Hofnarren darstellerisch optimal zu verkörpern und wartete dabei mit einem schönstimmigen Verdi-Bariton auf. Manchmal meinte ich, eine gewisse Nervosität herausgehört zu haben, aber falls dies keine Einbildung war, sollte sich das in den kommenden Vorstellungen schnell legen. Einen uneingeschränkt positiven Eindruck hinterließ Amelie Müller als Gilda. Ihr Sopran überzeugte mit einem bezaubernden silbrigen Klang, der sowohl in den Koloraturen als auch in den lyrischen Passagen wunderbar zur Geltung kam und dessen Timbre wunderbar zur Rolle passte. Sie verstand es vorzüglich die Wandlung von der behüteten Tochter zur emanzipierten Frau zu durchleben und punktete auch durch ihr ausdrucksstarkes Spiel. Sparafucile gab das neue Ensemblemitlgied Roger Krebs und machte Lust auf weitere Begegnungen mit dem Sänger. Eva Maria Summerer als Maddalena zeigte ebenfalls Profil. Auch die weiteren Rollen waren gut besetzt und auch der Chor unter der Leitung von Bernd Stepputtis trug seinen Teil zum Erfolg des Abends bei.

Emotionale Protagonisten in nüchternem Ambiente: Kai-Moritz von Blanckenburg und Amelie Müller © Henrik Matzen

Auch für diese Produktion lohnt sich ein Ausflug zu Deutschlands nördlichstem Opernhaus. Nicht nur Touristen, sondern auch Opernliebhabern und Agenten auf der Suche nach sehr guten Sängern sei die Reise an die dänische Grenze ans Herz gelegt.

Marc Rohde 09/2019

FLENSBURG/ Schleswig-Holsteinisches Landestheater: SCHWANENSEE, Premiere

Es gehörte eine große Portion Mut dazu, den großartigen Ballett-Klassiker auf die kleine Flensburger Bühne zu bringen. Mit nur zwölf Tänzerinnen und Tänzern im Ensemble und einem überschaubaren Budget, das immerhin für vier Gäste reichte (am Ende wurden es wegen Ausfällen in der eigenen Company sogar sechs Gäste), hätte durchaus peinlich enden können. Der klugen Choreografie und Inszenierung von Katharina Torwesten und der jeglichen Kitsch vermeidenden, aber dennoch Eleganz vermittelnden Ausstattung von Julia Scheeler ist es zu verdanken, dass genau das Gegenteil der Fall war. Minutenlanger Jubel und Standing Ovations im restlos ausverkauften Flensburger Stadttheater waren der Dank für diese gelungene Interpretation.

Der Beginn wirkt ungewöhnlich, wenn sich sechs Schwanenküken aus ihren Eiern schälen und vom Magier Rotbart dabei beobachtet werden wie sie sich gegenseitig bekämpfen. Er greift schließlich selbst ein und entscheidet mit Genuss über Leben und Tod. Odette schlüpft als siebtes Küken und wächst überbehütet und streng kontrolliert unter Annäherungsversuchen ihres Vaters auf.

Dabei wahrt die Choreographin stets den Respekt vor Tschaikowskis Meisterwerk und bei aller Modernität hat man stets das Gefühl, gleichzeitig auch den Klassiker zu erleben. Humoristische Szenen, wie beispielsweise die Kaugummi kauenden Freunde des Prinzen oder die sich Prinz Siegfried herrlich anbiedernden Brautkandidatinnen verstärken den ausgewogenen Gesamteindruck und sorgen für entsprechende Erheiterung im Publikum. Vielleicht ist es diese Symbiose aus düsterem und heiterem, die die Flensburger Aufführung so sehenswert macht. Neben Spitzentanz spielen Elemente des Modern Dance eine große Rolle.  Auf diese Weise übersetzt die Company die Geschehnisse in eine für heutige Sehgewohnheiten zeitgemäße Bewegungssprache. Tanztheater at it’s best.

Timo-Felix Bartels ist als Drosselbart Dreh- und Angelpunkt der bestechenden Flensburger Aufführung (Foto: Henrik Matzen)

Risa Tero brilliert als Odette/Odile und durchlebt die Methamorphose von der beziehungsunfähigen Tochter zur schließlich doch liebenden Gefährtin Siegfrieds. Enkhzorig Narmandakh wird als emotionaler Prinz Siegfried gefeiert. Als Muttersöhnchen pariert er stets, wenn Alexandra Pascu als Königin es verlangt. Sie vermag es, durch energische und würdevolle Bewegungen die standesgemäße Überlegenheit zu verkörpern. Die deutlich aufgewertete Gestalt des Magiers Rotbart wird von Timo-Felix Bartels perfekt ausgefüllt. Er beherrscht nicht zuletzt durch seine starke Bühnenpräsenz den Abend und wenn man heute einen Protagonisten besonders herausstellen wollte, müsste man ihn wählen. Die Schwäne und auch die Freunde des Prinzen werden von den übrigen Ensemblemitgliedern verkörpert. Sie treten nie als uniforme Gruppe auf, sondern jede Tänzerin und jeder Tänzer behält stets Raum für eine individuelle Interpretation. Wie selbstverständlich werden die Premiereninterpretinnen der Odette/Odile und der Königin an anderen Terminen kleinere Ensemblerollen als Schwäne übernehmen. Dies zeugt davon, dass der überwältigende Erfolg eine echte Ensembleleistung ist. 

Ingo Martin Stadtmüller leitet das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester, welches das Geschehen auf der Bühne nahezu optimal begleitet. Einzig und allein die Ball-Szene wirkte auf mich eine Spur zu hastig dahergespielt. Dieses Detail ändert nichts an der Tatsache, dass die Produktion in sämtlichen Belangen und in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Mittel optimal realisiert worden ist. Sie kann als eigenständiges Kunstwerk neben den zahlreichen wunderschön-kitschigen Produktionen klassischer Ballettkompagnien bestehen.

Marc Rohde

FLENSBURG / Landestheater: MANON LESCAUT

Manon Lescaut ist die dritte Oper aus der Feder von Giacomo Puccini und gleichzeitig jene, mit dem ihm der umjubelte Durchbruch gelang. Zwar fehlen die ganz großen Hits, dennoch spürt man den Instinkt und Klangsinn des Komponisten von Anfang bis zum Ende der vieraktigen Oper. Am bekanntesten mag einem das Intermezzo sinfonico erscheinen, welches unverkennbar auch John Williams bei der Komposition des „Star Wars Theme“ inspiriert haben muss. Die Damen in der Reihe hinter mir waren sogar so begeistert, dass sie bei der lauter werdenden Musik selbst auch in ansteigender Phonstärke darüber referierten, wie gut es ihnen gefällt.

Die vier unterschiedlichen Schauplätze sind von Ausstatter Michele Lorenzini durch verschiedene Wolkenkonstellationen am hinter der Bühne befindlichen Rundhorizont und wenige Aufschluss gebende Requisiten intelligent und optisch äußerst ansprechend visualisiert worden. Die ebenfalls wunderschönen Kostüme erinnern an die Entstehungszeit der Oper. Lediglich im zweiten Akt, der im pompösen Boudoir des Hauses von Geronte spielt, dominiert Rokoko.

Dieser zweite Akt ist von Regisseur und Generalintendant Peter Grisebach amüsant überspitzt inszeniert, die anderen drei Akte erinnern eher an statisches Rampensingen, bei der eine stringente Personenführung leider ein wenig zu kurz kommt. Oft war ich mehr vom ausdrucksstarken Spiel der auf Bühnenhöhe platzierten Harfenistin Julia Gollner fasziniert als vom Treiben auf der Bühne. Die opulente Ausstattung und vor Allem die Qualität der Sänger lassen über dieses kleine Manko jedoch sehr leicht hinwegsehen.

Farbenprächtige Inszenierung in großartiger Besetzung: Kai-Moritz von Blanckenburg, Chul-Hyun Kim und Anna Schoeck mit Opernchor und Statisten.

Anna Schoeck in der Titelrolle verzaubert mit reichen Farben und goldenen Höhen. Das naive junge Mädchen nimmt man ihr weniger ab als die leidenschaftlich Liebende. Chul-Hyun Kim als Des Grieux begeistert mit einem strahlenden höhensicheren Tenor, der hin und wieder zu voluminös für das kleine Flensburger Theater ist, aber stets Wohlklang verströmt. Darstellerisch können beide Protagonisten ihre durchaus erahnbaren Qualitäten leider in dieser Produktion nicht voll ausspielen.

Marian Müller als Manons Bruder Lescaut trumpft mit einem wohlklingenden Bariton auf und kann sich auch schauspielerisch gut präsentieren. Christopher Hutchinson, den ich kurz zuvor noch als Tassilo in der Operette Gräfin Mariza erlebt habe, kann auch Verismo. Hut ab vor der Vielseitigkeit  dieses lyrischen Tenors, der als Edmondo zu hören ist. Markus Wessiack besticht mit profundem Bass als Geronte de Ravoir.  Kai-Moritz von Blanckenburg als Wirt / Kommandant, Eva Eiter (Musiker) und Fabian Christen  (Tanzmeister / Laternenanzünder) komplettieren das homogene Ensemble, welches Lust auf mehr Oper in Flensburg macht. Die dänischste Stadt Deutschlands lädt nicht zuletzt wegen des hochklassigen Opernensembles zu einem Kurzurlaub ein.

Der von Bernd Stepputis einstudierte Opernchor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters trägt zum positiven Gesamteindruck bei und – ich vermag nicht zu sagen ob es am Dirigenten oder an der Akustik auf meinem Platz in der neunten der insgesamt nur zwölf Parkett-Reihen lag – unter der musikalischen Leitung von Borys Sitarski kamen alle Stimmen stets gut über das süffig und oft energiegeladen aufspielende Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester, ohne dabei angestrengt zu klingen.

Marc Rohde

FLENSBURG / Landestheater: GRÄFIN MARIZA

Mut zum Klamauk bewies Regisseur und Operndirektor Markus Hertel an diesem Abend schon vor der Ouvertüre von Emmerich Kálmáns Meisterwerk: da die Interpretin der Fürstin Božena Cuddenstein zu Chlumetz kurzfristig erkrankt ist und keine Sängerin gefunden werden konnte, die rechtzeitig zur Vorstellung in Flensburg hätte sein können, entschied sich Hertel, die Rolle heute selbst zu übernehmen. Als Fürst Boris machte er schließlich im Stück auch auf der Bühne eine blendende Figur. Als Regisseur hatte er den Mut, das Stück ernst zu nehmen und auch so manche Plattitüde in den Dialogen mit Respekt aufführen zu lassen, so dass der Abend äußerst lustig, aber nie peinlich wurde. Insbesondere muss man dem Regisseur hoch anrechnen, dass er mit viel Liebe zum Detail die originale Geschichte erzählt und keine gewaltsamen interpretatorischen Neudeutungen aus dem Ärmel zauberte. Die Ausstattung von Sibylle Meyer war optisch schön anzusehen und vermochte es, die jeweiligen Sujets optisch vorzüglich auf die Bühne zu bringen. Unter der musikalischen Leitung von Peter Geilich vergingen die drei Stunden Spieldauer wie im Flug. In dem kleinen Flensburger Theater wirkte das Orchester teilweise knallig, aber Sänger, Chor und Orchester waren weitestgehend gut ausbalanciert.

Dreh- und Angelpunkt war Amelie Müller als Gräfin Mariza. Bei großer schauspielerischer Begabung ließ sie auch stimmlich keine Wünsche offen. Ihre Stimme verzaubert vom sinnlich-schwälgerischen, fast schon rauchigen Unterton in manch melancholischer Passage bis hin zu strahlenden Höhen, die stets ohne Schärfe gelingen. Christopher Hutchinson als Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg blieb – nicht zuletzt wohl auch der Rolle entsprechend – etwas blasser, vermochte aber ebenfalls mit seiner Stimme für sich einzunehmen. Gemeinsam kann man die beiden Protagonisten als Traumpaar der Operette bezeichnen.

von links: Mit Markus Wessiack, Amelie Müller, Fabian Christen, Christopher Hutchinson, Alma Samimi und Ensemble

Fabian Christen lieferte als Baron Kolomán Zsupán eine gute Figur ab. Stets bereit, eine Dame mit einer Minisalami, die er stets in seiner Sakkotasche dabei hat, zu becircen. Lisa wurde charmant von Christina Maria Fercher dargestellt. Alma Samimi hatte die perfekte Erscheinung für die Darstellung der Zigeunerin Manja. Fast aristokratische Ausstrahlung verlieh Schauspieler Jürgen Böhm dem Kammerdiener Penižek, der stets ein zur Lage passendes Shakespeare-Zitat auf den Lippen hatte und die Rolle deutlich aufwertete. Neben Markus Wessiack als Fürst Moritz Dragomir Populescu seien noch die in wechselnder Besetzung auftretenden Bühnenmusiker erwähnt, die nicht nur für musikalische Stimmung, sondern für eine ordentliche Portion ungarische Atmosphäre in der deutsch-dänischen Grenzstadt sorgten.

Mein subjektiver Eindruck: ungarische Operette kann man hier am Schleswig-Holsteinischen Landestheater authentischer erleben als im Budapester Operettenhaus.

Marc Rohde

Amelie Müller

Amelie Müller
Foto: J Escher Photography

Allein meine Anreise in Deutschlands hohen Norden geriet schon etwas abenteuerlich. Dank Verspätung auf der Strecke nach Hamburg verpasste ich den eigentlich anvisierten Zug nach Flensburg. Für die 50 Minuten, die ich unerwartet und ohne Mehrkosten am Hamburger Hauptbahnhof verbringen durfte, teilte Amelie Müller – noch unbekannterweise –  einen kulinarischen Tipp per WhatsApp mit mir. Gestärkt und optimistisch setzte ich meinen Weg schließlich fort, um dann in Neumünster zu stranden. Die Deutsche Bahn schenkte mir unverhofft noch einen kleinen Ausflug nach Kiel, so dass ich Flensburg schließlich mit etwa 2 ½ Stunden Verspätung erreichte. Die Zeit, die ich für das Interview mit der aus Berlin stammenden Sopranistin eingeplant hatte, war also leider schon vorüber, bevor ich die Stadt überhaupt erreicht hatte. Ich hatte schon vorher in einem Zeitungsartikel gelesen, dass sie keine Zicke ist und tatsächlich einigten wir uns kurzerhand auf einen Ersatztermin am nächsten Morgen.

Seit der Spielzeit 2017/2018 ist sie Ensemblemitglied am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, dessen Musiktheater in Flensburg angesiedelt ist. Im Jahr 2014 wurde das Theater wegen drohender Insolvenz in die Rote Liste Kultur des Deutschen Kulturrates aufgenommen. Sparmaßnahmen, gesteigerte Einnahmen und nicht zuletzt Finanzierungszusagen der aus 10 Städten, Kreisen und Gemeinden bestehenden Gesellschafter weisen nun zum Glück auf eine gesicherte Zukunft in den nächsten Jahren hin.

Amelie Müller als Lina Lamont
Foto: Henrik Matzen, www.photomatzen.de

Auf kuriose Weise wurde ich auf Sopranistin Amelie Müller aufmerksam. Beim Besuch des Musicals „Singin’ in the rain“ im Oktober dieses Jahres konnte ich mich nicht nur vom hohen künstlerischen Niveau des Hauses überzeugen, sondern mich auch von der Bühnenpräsenz und Spielfreude Müllers mitreißen lassen. In diesem Stück stellte sie die Stummfilmdiva Lina Lamont dar, die aufgrund ihrer quietschigen Stimme leider zum Gespött des Tonfilms wurde. Wie ist es für eine junge Sängerin, ausgerechnet durch dieses Attribut im Mittelpunkt zu stehen? „Gar nicht so einfach! Als man mir die Rolle anbot, habe ich mich sehr gefreut, weil ich den Film als Kind ungefähr fünfzig Mal gesehen habe. Anfangs dachte ich, dass man Lina Lamont mal so eben singen könnte, aber das stimmt überhaupt nicht. Ich kann das machen ohne mich zu verletzen, aber ich muss mich total konzentrieren und auf spezielle Weise aufwärmen. Es ist eine Show, die sehr gut läuft und bei der eine tolle Dynamik im Publikum herrscht. Je mehr klassische Konzerte und Partien ich aber singe, desto schwerer fällt mir das Switchen. Mein Gesangslehrer hat mir zehn Minuten Entspannungsübungen für die Stimme nach jeder Vorstellung verordnet.“

Man hört fast überall, dass Künstler aus nah und fern nach Berlin ziehen. Amelie Müller ist in Berlin aufgewachsen und hat dort an der Universität der Künste studiert. Sie ging danach den umgekehrten Weg, verließ Berlin und landete schließlich über das Opernstudio Niederrhein in Deutschlands äußerstem Norden. Wie kommt das? „Über meinen Agenten. Er hat mir einerseits das Vorsingen hier verschafft und mir das Haus andererseits auch sehr empfohlen, da er es wegen seines guten Niveaus und der interessanten Projekte schätzt. Meine Mutter kommt aus Bremerhaven und schon allein von der Sprachmelodie her fühle ich mich in Norddeutschland heimisch. Die Nähe zum Meer und die tolle Natur direkt in Stadtnähe tun ein Übriges dazu, dass ich mich hier sehr wohl fühle. Schon zu Beginn meiner Arbeit am Landestheater habe ich sofort gemerkt was für ein freundliches und kollegiales Ensemble wir hier sind. Ich habe mich auch im Kollegenkreis sofort heimisch gefühlt. Auch in der Spielzeit 2019/2020 werde ich noch hier am Haus sein und voraussichtlich Rollen singen, die perfekt zu meiner Stimme und zur Karriereentwicklung passen werden. Aus heutiger Sicht kann ich nur jedem jungen Sänger raten, Berlin zu meiden. Die Konkurrenz dort ist so groß, dass einem als junger Künstler kaum Raum zur Entfaltung bleibt. Für etablierte Sänger und Stars macht es hingegen sicher Sinn, den Weg in die Hauptstadt zu gehen.“

Amelie Müller als GePoPo
Foto: Henrik Matzen, www.photomatzen.de

Am Landestheater steht im Januar 2019 Amelie Müllers Debut als Gräfin Mariza auf dem Spielplan. Als Koloratursopran hat man doch eigentlich eher andere Herausforderungen im Kopf, oder nicht? „Ich finde, dass Operette nicht nur qualitativ unterschätzt wird. Es wird auch unterschätzt, wie schwer das Genre überhaupt zu singen ist. Wir haben heute oft große Orchesterbesetzungen und dazu sehr textlastige Gesangspassagen, bei denen oft auch lyrische Stimmen Probleme haben, über das Orchester zu kommen. Kálmán ist berüchtigt für seine dicken Instrumentierungen. Meines Erachtens werden Operetten heute häufig zu leicht besetzt. In meinem Fall werden wir noch herausfinden, ob die Stimme zu leicht ist, oder gerade schwer genug. Ich bin ganz zuversichtlich, dass ich das hinkriege, aber ich bin bestimmt nicht die typische Mariza. Vor kurzem habe ich noch Olympia und GePoPo (Le Grand Macabre) gesungen und in dieser Spielzeit nun die Mariza. So etwas wäre an einem größeren Hause kaum möglich. Wenn man damit richtig umgeht und mit den Kräften haushält, dann lernt man sehr viel fürs Leben.“

Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch die Traviata für später auf der Wunschliste der zu singenden Rollen stehen könnte. „Das ist eine der Rollen, die ich jetzt noch als große Herausforderung einstufe, aber auf die ich total Lust hätte. Vor Traviata gibt es ja noch einige italienische Damen wie beispielsweise Lucia, die auch richtig super wären. Ich habe sehr gerne Rossini gesungen. Seine Musik entspricht ziemlich meinem eher gut gelaunten Naturell. Es hat mir richtig Spaß gemacht, die Koloraturen abzufetzen. Auch Oscar in Maskenball hat mir riesige Freude bereitet. Die Musik von Verdi ist grandios, dennoch kann ich nicht wirklich einen Lieblingskomponisten nennen. Ich konzentriere mich immer auf das, was ich gerade singe und in diesem Moment ist der Komponist des jeweiligen Werks dann auch mein Lieblingskomponist.“

In Flensburg wird durch auf Kinder zugeschnittene Opernproduktionen das Publikum von Morgen an die Kunstform Oper herangeführt. In einer Adaption der Cenerentola steht die Berliner Sopranistin oft vor Kindern auf der Bühne. „Der Zulauf ist sehr gut und oft haben wir Kindergruppen in der Vorstellung, die vor Begeisterung ausflippen. Das Konzept ist darauf ausgelegt, dass die Kinder dazwischen rufen und mit uns Sängern interagieren. Schwieriger wird es bei den Nachmittagsvorstellungen, in denen oft einzelne Kinder mit zwei Erwachsenen im Publikum sitzen. Da sorgen die Eltern dann meistens dafür, dass sich ihre Sprösslinge gesittet benehmen. Unsere Version richtet sich an Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Wir haben eine Stunde Spielzeit, davon ist eine halbe Stunde Musik durch die die Kinder an klassische Kompositionen herangeführt werden. Auf der Bühne wird auch viel getanzt.“

Atalanta in Grein
Foto: Reinhard Winkler

Bei den Donaufestwochen im österreichischen Grein trat Frau Müller in diesem Sommer in der Händel Oper Atalanta auf. „Die Presse“ widmete ihr in ihrer Rezension sogar eine eigene Zwischenüberschrift und attestierte ihr unter anderem einen klanglich fülligen, aber tadellos agilen Sopran mit außergewöhnlich sinnlicher, modulationsfähiger Strahlkraft. „Das war eine spannende und technisch aufwendige Inszenierung mit vielen Videoproduktionen. Wir haben in Kameras gesungen und das daraus entstehende Bild wurde in Echtzeit für die Zuschauer in einen computeranimierten Film projiziert. Ich habe die Zeit in Österreich sehr genossen und auch das dortige Publikum sehr schätzen gelernt. Obwohl wir nicht an einem der bekannten Opernhotspots aufgetreten sind, war die Aufmerksamkeit der Medien phänomenal und auch die Zuschauer sind sehr sachkundig und haben sich größtenteils gewissenhaft auf die Oper vorbereitetet. Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Stadt hinter der Organisation der Festwochen steht und Kultur in Österreich einen extrem hohen Stellenwert hat.“

Als ich davon erzähle, dass ich gerne zum Flensburger Konzert von Annette Dasch kommen würde, sprudelt aus Amelie Müller pure Begeisterung heraus: „Ich liebe Annette Dasch, sie ist nicht nur klug und witzig, sie singt auch schön und ist für mich eine große Inspiration. Sie kommt wie ich aus Berlin und ist neben der großen Joan Sutherland eines meiner Vorbilder. Ich finde sie extrem sympathisch. Ich möchte, dass sie meine beste Freundin wird. Schöne Grüße an Annette!“ 

© Marc Rohde, Dezember 2018