Flensburg
FLENSBURG/ GALERIE O-39: Was ist Kunst?
Was ist Kunst?
Drei Ausstellungen in der Galerie O-39 und keine Antwort
Was ist Kunst? Ich stelle diese Frage nicht nur, wenn ich meine Bilder betrachte. Ich stelle sie mir jedes Mal, wenn ich eine Ausstellung vorbereite, einen Text schreibe oder jemanden dazu einlade, einen Moment lang innezuhalten.
Ist Kunst das große Pathos, der Marktwert, das Auktionshaus? Oder beginnt sie dort, wo jemand ohne Auftrag, ohne Honorar und ohne Garantie auf Resonanz eine Arbeit in die Welt setzt – und hofft, dass sie gesehen wird?
Meine bisherigen drei Ausstellungen in der Galerie O-39 von Torsten Schütt am Ochsenmarkt in Flensburg waren, glaube ich, genau so eine Versuchsanordnung: ein Spiel mit Bildern, mit Texten, mit Mythos und mit der Frage, wie Öffentlichkeit entsteht.
Montenegro – Sehen und Verweilen

„Montenegro“ war die Ausstellung, mit der alles begann. Auf den ersten Blick: Landschaften, Städte, Meer, Licht. Keine grelle Provokation, keine Ironie. Nur genaue Beobachtung und wenig Bildbearbeitung. Ich wollte dieses Land zeigen, so wie ich es selbst sehe: nicht als touristische Postkarte, sondern in Momenten der Ruhe, der Schönheit, der Aufmerksamkeit. Der Charme des Unvollkommenen spielte dabei eine große Rolle.
Später wurden einige dieser Bilder für ein Schulprojekt genutzt. Schülerinnen und Schüler arbeiteten mit meinen Bildern, interpretierten sie, reflektierten. Das war ein Moment, in dem mein Werk aus dem Galerieraum hinaus in ein neues Umfeld wanderte.
Vielleicht ist das ein guter Test für den Wert von Kunst: Sie endet nicht am Rahmen, sondern sie erwacht zum Leben, sobald andere sie aufnehmen.
24PicsByMarc – Kalaidoskop aus vielen Jahren meiner fotografischen Arbeit

Bei „24PicsByMarc“ ging es um Auswahl, Entscheidung und Struktur: vierundzwanzig Bilder aus unterschiedlichen Phasen meines fotografischen Schaffens bilden eine Abfolge, in der sie miteinander sprechen, einander widersprechen oder ergänzen. Auf den ersten Blick oft widersprüchliche Titel, die meist erst durch zusätzliche kurze erläuternde Texte Sinn ergeben, öffnen Interpretationsräume. Sie erzeugen einen Dialog zwischen Bild und Wort und lassen den Betrachter eigene Geschichten entwickeln.
Das Foto eines Fußes im Spitzenschuh trägt da zum Beispiel den Titel Thread – also Faden. Diesen sieht man erst bei ganz genauem Hinsehen. Erläuternd behandelt der Begleittext dazu die Frage, was Kunst eigentlich ist. „Ist es Kunst, eine Ballerina in Helsinki zum Fotoshooting zu bewegen? Ist ihr gestrecktes Bein die Kunst? Vielleicht liegt die wahre Kunst im kleinen, abstehenden Faden, den man nicht entfernt. Weil das Schöne erst lebendig wird, wenn das Unperfekte darin aufscheint – still, ehrlich und echt.“ heisst es da.
Ragnarok – was kommt nach dem Ende?

„Ragnarok“ ist die Arbeit, die alles zusammenführt. Großformatig, multimedial,Symbiose aus Text und Fotografie. Eine einsame Figur in einer Eislandschaft. Schwarzweiß. Streng komponiert. Ein vertikaler blauer Streifen durchzieht das Bild wie ein Schnitt durch Raum und Zeit.
Die Figur steht am Rand der Welt, nach dem Ende, zwischen Geschichte und Leere, zwischen dem letzten Echo göttlicher Ordnung und völliger Stille. Die Mystik, die ich hier montiert habe, ist keine religiöse Behauptung, sondern ein Spiel mit Motiven: Richard Wagners Wanderer und Caspar David Friedrichs einsamer Beobachter aus Wanderer über dem Nebelmeer inspirierten mich zu diesem Motiv.
Wenn alles verstummt – was bleibt? Vielleicht nur der Blick, vielleicht nur der Atem, vielleicht nur die Stille.
Für die Inszenierung haben wir zwei künstliche Eisblöcke von einer Hamburger Firma bekommen. Kostenlos. Manchmal entsteht Kunst durch kleine Wunder, die man bei der Konzeption gar nicht mit eingeplant hat.
Spiel mit den Medien als Teil der Kunst
Auch das Spiel mit den Medien ist Teil der Arbeit: Pressetexte erschienen in insgesamt drei Sprachen in lokalen Zeitungen, Blogs und internationalen Nachrichten-Portalen. Sie wurden veröffentlicht, gelesen, diskutiert – und erweitern so die Wirkung der Fotografien vom Bild in den Diskurs. Einiges wird wortwörtlich übernommen, anderes frei interpretiert oder von Dritten weiterentwickelt. Außerhalb meiner Kontrolle beginnt meine Kunst auf diese Weise tatsächlich zu leben.
Bad Art oder besser gar keine Kunst?
„Bad art is a great deal worse than no art at all.“ sagte einst Oscar Wilde.
Es ist ein Satz, der mich begleitet. Er ist grausam, und er ist ehrlich. Ich verdiene kein Geld mit meinen Arbeiten. Keine Verkäufe, keine Förderungen, kein Honorar. Im Gegenteil. Jede Präsentation kostet und es hätte immer irgendwie noch besser geworden sein können. Jede Präsentation ist eine Momentaufnahme des Bestmöglichen – und zugleich Ansporn für das nächste Projekt. Gerade habe ich eine gesellschaftskritische Weihnachtsausstellung konzipiert, aber leider ist „meine Stammgalerie“ in der infrage kommenden Periode bereits belegt.
Ist meine Kunst überhaupt etwas wert? Wenn man nach Marktwährung geht: vermutlich nicht. Aber Kunst misst sich nicht nur am Preis. Sie misst sich an dem, was sie auslöst. Wenn Schüler mit meinen Montenegro-Bildern arbeiten. Wenn ein Betrachter in der Hektik seines Alltags innehält, wenn eine Zeitung meine Worte abdruckt. Wenn jemand gar den Galeristen anruft, um sich über das Gesehene auszutauschen.
Vielleicht ist genau das ihr Wert. Vielleicht liegt er darin, dass sie entsteht, auch wenn niemand dafür bezahlt. Dass sie spricht, auch wenn sie leise ist.
Marc Rohde im Februar 2026
Die klangvolle Reise von HARISH SHANKAR
Wer Harish Shankar in seiner Wohnung in der Flensburger Altstadt besucht, begegnet keinem distanzierten Generalmusikdirektor, sondern einem Gastgeber, der die Welt in seinem Teeglas mit an den Tisch bringt. Schon seine Frage, wie es mir gehe, klingt nicht wie eine Höflichkeitsfloskel. Sein aufmerksames Zuhören lässt die förmliche Distanz, die sein altehrwürdiger Titel vermuten ließe, sofort schmelzen – ich fühlte mich ermutigt, persönliche Gedanken zu teilen, und seine Aufmerksamkeit löste in mir eine spürbare Entspannung aus. Wir sind schnell beim „Du“.

Harish Shankar dirigiert das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester (Foto: Henrik Matzen)
Der Dampf, der vom Tee aufsteigt, erfüllt den Raum wie eine leise Einladung: hier darf man innehalten, zuhören, wahrnehmen. Harish ist ein Sammler von Orten und Klängen. Geboren in Malaysia, aufgewachsen zwischen den Palmen seiner Heimat und den weiten Landschaften Neuseelands, führt seine Lebensreise wie eine verschlungene Partitur durch die Kontinente. Ob ein prägendes Studienjahr in Deutschland, eine erste feste Stelle in den Höhen von Peru oder ein Masterstudium im geschichtsträchtigen Weimar – Shankar hat überall Eindrücke aufgesogen. Über Stationen als „Junior Fellow of Conducting“ in Großbritannien, als Hausdirigent des Malaysian Philharmonie Orchestra und Positionen als Chordirektor oder Erster Kapellmeister an verschiedenen deutschen Opernhäusern hat ihn sein Weg nun in den hohen Norden geführt. Seit August 2024 hält er am Schleswig-Holsteinischen Landestheater den Taktstock in der Hand. Ein Nomade, der angekommen ist, ohne seine Wanderlust zu verlieren.
Tempelklänge und Schicksalsschläge: Die Geburtsstunde einer Berufung
Musik begleitete ihn von früh an. Wenn Harish von seiner Kindheit erzählt, hört man förmlich den Klang der Instrumente im Tempel. In einer streng religiösen Familie, in der dieser spirituelle Ort das Leben bestimmte, gehörten Gesang, Tanz und kleine Aufführungen zu jedem Gottesdienst. Musik durchdrang die Atmosphäre, sie war kein isoliertes Ereignis. Auch zuhause musizierte die Familie leidenschaftlich, ausschließlich innerhalb der indischen Tradition, obwohl kein Mitglied professionell ausgebildet war.
Shankar verfolgte früh zwei Wege gleichzeitig: Unterricht im indischen Gesang und Klavierunterricht, angeregt durch einen Schulfreund. Nach drei Jahren brach er den Gesangsunterricht ab – eine Entscheidung, die er heute bedauert. Die indische Musik prägte ihn jedoch weiterhin. Vor allem die karnatische Tradition Südindiens blieb ihm vertraut: „Sie ist mir im Ohr, im Körper, im musikalischen Gedächtnis präsent“, gesteht er, „auch wenn ich in der Theorie unsicher bin und Ragas nur selten eindeutig benennen kann.“
In Malaysia erlebte er Musik ohne strikte Trennung zwischen E- und U-Musik. Klavierspiel bedeutete dort nicht nur Beethoven, sondern auch Jazz, Pop oder Musical. Sein Kinderchor brachte jährlich ein Musical auf die Bühne, was seine Liebe zum Musiktheater festigte.
Ein Schlüsselmoment ereignete sich bei der Aufführung von Carmina Burana mit rund 300 Mitwirkenden. Als das erste ‚O Fortuna‘ wie ein donnernder Schicksalsschlag den Raum erschütterte, löste die pure Klanggewalt ein Beben in ihm aus. Unter dem Dirigat des charismatischen Roland Peelman wurde aus diesem Schauer die Gewissheit: Harish musste Musiker werden – und schließlich selbst ans Pult. Das intensive Zusammenspiel im Jugendorchester ergänzte das zuvor eher solistische Klavierspiel. Rückblickend vereinten sich in dieser Phase mehrere Impulse: die Kraft der Komposition, das gemeinsame Musizieren und die Begegnung mit dem Dirigenten.
Heimat im Gepäck: Die Freiheit der ständigen Bewegung
Auf die Frage, wo er sich zu Hause fühle, antwortet Shankar: „Überall und nirgendwo. Ich bin Nomade und werde es immer bleiben.“
Seine Kindheit war von ständiger Mobilität geprägt. Die Eltern reisten aus Neugier und Lust, nicht aus beruflicher Notwendigkeit. Der Vater arbeitete als Buchhalter, die Mutter als Englischlehrerin – Berufe, die überall ausgeübt werden konnten. Für ihn war die Mobilität kein Einschnitt, sondern ein Gewinn: „Ich liebte es, früh so viel von der Welt zu sehen.“
Wichtiger als einzelne Orte waren die ständigen Reisen. Häufige Ortswechsel ließen Harish ganz selbstverständlich mit neuen Ländern und Kulturen umgehen. Diese Offenheit prägte nicht nur seine Kindheit, sondern auch seine berufliche Flexibilität. Als Dirigent ist Beweglichkeit eine Grundvoraussetzungen des Berufs: „Ich kann mich auf neue Situationen einstellen, ohne mich ständig neu erfinden zu müssen.“
Geduldsfäden und Geschmacksexplosionen
Shankar kocht leidenschaftlich, doch er pflegt noch ein weiteres, überraschendes Hobby: „Stricken! Man könnte mich als Profi-Oma bezeichnen.“ Im Gegensatz zum Kochen, das ihn in einen Flow versetzt, wirkt Stricken meditativer. Dieselbe Bewegung tausendfach auszuführen, beruhigt und schafft etwas Bleibendes. „Gerade als Musiker, dessen Kunst im Moment vergeht, ist dieses Resultat besonders wertvoll.“ Während seine Hände am Pult des Landestheaters komplexe Partituren bändigen, formen sie in der Freizeit aus loser Wolle feste Maschen. Hier die flüchtige Note, dort das beständige Gewebe.
Beim Kochen treibt ihn ein missionarischer Impuls an. Malaysia sieht er als „blinden Fleck“ im internationalen Tourismus – teurer als Thailand, nicht so sauber wie Singapur, weniger exotisch als Indonesien. Gerade darin erkennt er die Besonderheit. Der Slogan „Malaysia Truly Asia“ treffe zu, sagt er, weil das Land „irgendwie ganz Asien“ in sich vereine und kulturell außergewöhnlich reich sei. Diese Vielfalt spiegelt sich vor allem in der Küche wider, die er als herausragend empfindet – ein Genuss, den er am liebsten „von den höchsten Gipfeln“ verkünden würde.
Mehr über seine Kochkünste erfahren wir in diesem Beitrag des Norddeutschen Rundfunks. oder im Bericht des Schleswig-Holstein Magazins. (bis 26.10.2026 online)
Volle Säle und neue Konzertformate
Für Shankar ist es ein Herzensanliegen, mehr Publikum zu gewinnen. Er arbeitet an Projekten, die neue Zugänge zur klassischen Musik eröffnen und die Grenzen zwischen E- und U-Musik aufheben.
Ein zentrales Projekt ist die Großproduktion des Liverpool Oratorio von Paul McCartney am 16. Juni 2026 in der Holstenhalle Neumünster, bei der rund 500 Chorsängerinnen und -sänger mitwirken werden. Ausgangspunkt war eine kleine Anfrage eines Männerchors, die sich schnell zu einem landesweiten Chorprojekt entwickelte. Für Shankar zählt weniger der Name des Prominenten Komponisten als die Wirkung des gemeinsamen Singens: „Ich möchte dem Publikum ein Ereignis ermöglichen, von dem man jahrelang zehrt.“
Weitere Kooperationen umfassen ein Weihnachtskonzert mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival im Dezember 2026 und eine Zusammenarbeit mit folkBALTICA im Mai 2027, um neue Publikumsschichten zu erreichen. Sein Leitgedanke lautet: Kooperation statt Konkurrenz. Gemeinsam entsteht etwas, „das mehr ist als die Summe der Einzelteile.“
Zudem plant er eine Konzertreihe in Flensburger Kirchen anlässlich des 500. Jubiläums der ersten reformatorischen Predigt, um abermals neue Zugänge, insbesondere auch für den sinfonischen Zyklus seines Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters, zu eröffnen.
Gegen das Diktat der Eile
Shankar beobachtet, dass Netflix, Smartphones und kurze Formate in Social Media Reels die Aufmerksamkeit verändern: „Die Fähigkeit zur Langsamkeit geht verloren. Das betrifft nicht nur klassische Orchester, sondern die gesamte Kulturlandschaft.“ Pop-Songs wie die von Taylor Swift, die er im übrigen großartig findet. funktionieren, weil sie in drei Minuten konsumierbar sind; eine Sinfonie verlangt eine völlig andere Konzentration.
Er fragt: „Wollen wir hinnehmen, dass Kinder diese Fähigkeit verlieren, oder wollen wir bewusst dagegenhalten?“ Musik schenkt etwas, „was Worte nicht leisten. Sie hält uns einen Spiegel vor und ermöglicht emotionale Tiefe, wo Worte nicht mehr weiterkommen.“ Swiftie zu sein und Schostakowitsch zu lieben schließt sich also keinesfalls aus.

Foto: Henrik Matzen
Rückenwind für unkonventionelle Töne
Shankar gestaltet künstlerische Programme mit großer Begeisterung. Doch ist die Aufgabe komplex – viele Parameter sind dabei zu beachten. Gerade diese Komplexität schreckt ihn nicht – im Gegenteil, er freut sich besonders über die ihm anvertraute künstlerische Planung. Darauf hat er sich von Anfang an in seiner Rolle als Generalmusikdirektor gefreut. Ein zentraler Faktor ist die Rückendeckung der Generalintendantin Dr. Ute Lemm, die ihm außergewöhnlich viel Spielraum gibt. Dieses Vertrauen empfindet er als besonders wertvoll, gerade angesichts der Programme, die er bewusst unkonventionell und jenseits etablierter Kategorien entwickelt. Seine Arbeit entspringt, wie er sagt, „der Feder eines Menschen, der die Grenze zwischen E- und U-Musik für nichtig erklärt hat“. Programme wie Guldas Cellokonzert wären sonst kaum denkbar.
Heilung durch Erkenntnis: Der Dirigent als Mensch unter Menschen
Krisen spricht er offen an, wobei die persönlichen nicht Bestandteil dieser journalistischen Arbeit sein sollen. Auch beruflich lief nicht immer alles glatt, doch schwierige Zeiten erwiesen sich als lehrreich. Dabei reflektiert er Machtstrukturen in Orchestern: „Ein Orchester kann sehr unmenschlich sein.“ Er erkannte, dass ein Orchester aus Individuen besteht – mit ganz eigenen Sorgen, Abhängigkeiten und Ängsten. „Es gibt doch nicht das Orchester als Einheit.“ Diese Einsicht trug wesentlich zu seiner persönlichen Heilung bei.
Sinnsuche statt Karriereleiter
Auf die Frage nach persönlichen Karrierezielen reagiert er distanziert zum klassischen Zielbegriff: „Das klingt sehr zielgerichtet – und das bin ich nicht.“ Konkrete Karrierepläne habe er nicht. Er wache nicht mit dem Wunsch auf, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu werden, würde aber bei einem entsprechenden Anruf „sicher darüber nachdenken.“
Stattdessen treibt ihn ein inneres Gefühl von Verantwortung: „Ich spüre einen Auftrag“, den Wunsch, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen und mit seiner Arbeit etwas mitzugestalten. Für ihn zählt weniger äußerer Erfolg als die Sinnhaftigkeit seines Tuns. „Ich möchte jederzeit das Gefühl haben, dass das, was ich tue, Bedeutung hat.“
Sein Selbstbild lässt Raum für Entwicklungen jenseits klarer Karrierepfade. Eine berufliche Zukunft in der Gastronomie oder in der Politik erscheint ihm nicht abwegig. Gleichzeitig kann er sich vorstellen, auch im hohen Alter noch zu dirigieren: „Wenn ich auch noch mit 70 dirigiere, kann ich mir vorstellen, dass ich trotzdem glücklich bin.“
Keine Kunst ohne das große Geheimnis
Shankar bezeichnet sich als gläubig: „Ich komme aus einer sehr gläubigen hinduistischen Familie, und obwohl ich den Glauben als Kind abgelegt hatte, spielt er heute eine große Rolle.“ Für ihn ist klar: „Man kann kein Künstler sein, ohne irgendwann das große Geheimnis zu berühren.“ Musik verlangt einen Bezug zu einem tieferen Mysterium; ohne diesen wirkt sie „fast schon wie Buchhaltung und ist keine Kunst mehr.“
Frischer Wind für alte Meister
Anlässlich der Produktion Ball im Savoy, die im Februar 2026 in Flensburg Premiere hatte, sagt Shankar über den Komponisten Paul Abraham: „genial“. Besonders beeindruckt ihn Abrahams Flexibilität. Sie lädt dazu ein, ein Werk immer wieder neu zu entdecken und bestehende Formen zu hinterfragen. Alte Stücke behandelt der Flensburger GMD nicht museal, sondern erfindet sie neu – ein zentraler Ansatz, der das Theater für ihn relevant macht.
Grenzlose Inspiration: Warum Flensburg der ideale Ort ist
Die Lage Flensburgs inspiriert Shankar. Erst hier, an der Grenze zu Dänemark, entdeckte er die Musik von Rued Langgaard. Er erlebt Flensburg als einen Ort, der anderen Kulturen und insbesondere dem skandinavisch-baltischen Raum „die Hand ausstreckt“. Diese Metapher spiegelt seine Tätigkeit wider: Er möchte nicht nur ein „Epizentrum von einem“ sein, sondern durch Vernetzung und das Überwinden von Grenzen wirken.
Dramaturgie und Dialog
Die dramaturgische Erzählung ist für Shankar die Essenz seiner Arbeit: „Genauso wie Gerichte besser oder schlechter zueinander passen, können Musikstücke komplementär oder widerborstig sein.“ Insbesondere der Dialog zwischen Alt und Neu eröffnet neue Perspektiven.
Sein Orchester schätzt er besonders für dessen Anpassungsfähigkeit: „Ich finde es schön, dass unser Orchester so flexibel ist und alle Mitglieder aufeinander hören – das ist keinesfalls selbstverständlich und zeichnet ein gutes Orchester aus.“
Harish ermutigt Orchestermitglieder, eigene Vorschläge einzubringen, und so hat sich in Anfang des Jahres ein kleines künstlerisches Gremium innerhalb des Orchesters zusammengefunden: „Mehr Köpfe, die gemeinsam planen, sind einfach besser.“ Zwar trägt er die letzte Verantwortung dafür, was am Ende auf das „musikalische Menü“ kommt, doch sein Führungsstil ist einer des Dialogs. Er schließt mit einem Gedanken der Sopranistin Jessye Norman: „Ein guter Dirigent weiß, wann man führt und wann man folgt. Ich lerne.“
Nach eineinhalb Stunden in der großzügigen Wohnküche des kosmopolitischen Dirigenten endet unser Gespräch. Während draußen die Flensburger Förde in der Wintersonne glitzert, kehrt Harish Shankar in seine Routine zurück: E-Mails beantworten, anschließend zur Probe für Ball im Savoy ins nahe gelegene Theater. Doch sein Kompass zeigt bereits wieder in die Ferne: Wenige Tage nach unserem Treffen wird er in London am Pult stehen. Ein Nomade, der die Welt bereist, um ihre Klänge nach Flensburg zu bringen.
Weitere Informationen über Harish gibt es auf seiner Webseite und auf der des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters.
Marc Rohde im Februar 2026
FLENSBURG/ Schleswig-Holstein Musik Festival: REBEKKA BAKKEN
SHMF: Robbe und Berking Werft, Flensburg
13.7.2025 REBEKKA BAKKEN „Always On My Mind“
Am Abend des 13. Juli 2025 verwandelte sich die Robbe & Berking Werft in Flensburg in einen außergewöhnlich stimmungsvollen Konzertsaal: Rebekka Bakken, die norwegische Sängerin mit der unverwechselbaren Stimme, gastierte dort im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit einem Soloabend unter dem Titel Always On My Mind. Schon lange im Voraus ausverkauft, war der Abend ein Ereignis, das die Erwartungen des Publikums nicht nur erfüllte, sondern weit übertraf.

Von der Sonne geküsst: Rebekka Bakken in Flensburg Foto: Marc Rohde)
Intimität in maritimer Kulisse
Die Wahl der Robbe & Berking Werft als Veranstaltungsort erwies sich als Glücksgriff. Der industrielle Charme des Gebäudes – mit seinen hohen Decken, den sichtbaren Stahlträgern und der beeindruckend klaren Akustik – bot den idealen Rahmen für ein Konzert, das auf Reduktion und Unmittelbarkeit setzte. Keine Band, keine ausgeklügelte Lichtshow – nur Bakken, ein Flügel und eine Stimme, die ganze Räume füllen kann. Vom edlen Steinway-Flügel aus blickte sie auf den Flensburger Hafen, während die sommerliche Abendsonne sie in ein warmes Licht tauchte. Mit Sonnenbrille und zurückhaltender Eleganz bewahrte sie den Überblick über Noten und Tasten.
Stimme und Klavier als gleichberechtigte Partner
Rebekka Bakken ist nicht einfach eine Sängerin – sie ist eine musikalische Erzählerin. Ihre über drei Oktaven reichende Stimme changiert mühelos zwischen samtener Verletzlichkeit, herbem Timbre und kraftvoller Expressivität. Dabei war sie an diesem Abend nicht nur Vokalistin, sondern ebenso ihre eigene Begleitung: Ihr Klavierspiel, geprägt von jazzigen Harmonien, sensiblen Läufen und klanglicher Raffinesse, erwies sich als gleichwertiger Partner ihrer Stimme.
Die Verbindung aus Gesang und Klavier erzeugte eine emotionale Dichte, die selten geworden ist. Jeder Ton schien mit Bedacht gesetzt, jeder gesungene Vers wirkte wie eine persönliche Botschaft. Man hatte das Gefühl, als würden sich die Lieder unmittelbar zwischen Interpretin und Zuhörenden entfalten – getragen von einem tiefen inneren Puls, der über den ganzen Abend hinweg spürbar blieb. Ein a cappella dargebotenes Kirchenlied unterstrich diesen Eindruck und verlieh dem Konzert eine beinahe kontemplative Note.
Songs neu gelebt
Das Programm basierte auf Bakkens gleichnamigem Album Always On My Mind, einer Sammlung neu interpretierter Lieblingslieder. Darunter Klassiker wie Forever Young von Alphaville oder der titelgebende Song,, der kurioserweise nicht auf dem Studioalbum zu finden ist.
Bakken bewies dabei, dass Neuinterpretationen mehr sein können als bloße Hommagen. Sie legte mit jeder Phrase, jeder harmonischen Wendung neue Bedeutungen frei. Die bekannten Songs wurden zu persönlichen Bekenntnissen, die zwischen Melancholie, zarter Ironie und hoffnungsvoller Zuversicht oszillierten. Eine besondere Note erhielt der Abend durch ein Stück, das ursprünglich als Free-Jazz-Arrangement mit der hr-Bigband entstanden war. In der Soloversion verzichtete Bakken auf instrumentale Begleitung und verwandelte die Passage in eine erzählerisch-musikalische Reflexion mit improvisatorischem Charakter – ein stilles, experimentelles Intermezzo, das überraschte.

Nahbarkeit und Humor
Zwischen den Liedern sprach Bakken mit charmanter Offenheit über ihre Gedanken, Erfahrungen und Erinnerungen. Ihre Mischung aus Englisch und Deutsch war ebenso ungekünstelt wie ihre Art, das Publikum zu adressieren. Sie provozierte augenzwinkernd, als sie das handballverrückte Flensburg mit der Bemerkung „Handball ist der langweiligste Sport der Welt“ herausforderte – und versöhnte mit einer Anekdote über ihren ersten Kusspartner, der „ungefähr so war wie ein Staubsauger“. Solche Zwischentöne gaben dem Abend Leichtigkeit, ohne seine Tiefe zu untergraben.
Das Publikum, ein facettenreicher Querschnitt aus langjährigen Fans, Jazzliebhabern, Pop-Aficionados und neugierigen Festivalbesuchern, reagierte mit großer Aufmerksamkeit und wohlwollender Zurückhaltung. Kein Rascheln, kein Hüsteln störte die stillen Passagen – ein Zeichen dafür, wie sehr Bakken den Saal in ihren Bann gezogen hatte. Nur ein einzelnes klingelndes Handy schien nicht ergriffen gewesen zu sein.
Ein Abend, der berührte
Rebekka Bakken gelang es, mit minimalen Mitteln ein Maximum an Ausdruck zu erzeugen. Ihr Konzert in der Robbe & Berking Werft war ein Seelenporträt – offen, verletzlich, kraftvoll. Es war ein Abend, der unter die Haut ging.
Marc Rohde
FLENSBURG/ Zirkus Charles Knie
FLENSBURG/ Zirkus Charles Knie:
100.000 Liter Emotionen … wenn Wasser zur Show wird !
8. Mai 2024
Wenn Sie denken, Sie haben in Sachen Zirkus schon alles gesehen, besuchen Sie in den Zirkus Charles Knie, der Sie schnell eines besseren belehrt. Direktor Sascha Melnjak vergleicht seine aktuelle Produktion gerne mit den großen stationären Musical Shows und kann da – und das auf Reisen durch die deutsche Provinz – absolut mithalten. Einzig am Sound ließe sich idealerweise noch optimieren, denn die Tonqualität lässt, zumindest von meinem Sitzplatz aus, Wünsche offen.

Die unvergleichliche Wassershow (Foto: Zirkus Charles Knie GmbH)
Es geht modern und rasant zu an diesem Premierenabend auf der Flensburger Exe. Statt auf eines Orchesters oder einer Band setzt der Zirkus Charles Knie auf ein Halbplayback mit exquisitem Live-Gesang (Liudmila Vrinceanu), einem brillant tanzenden Ballett und eine einzigartige Wassershow, die mit ihren bis zu 15 Meter hohen Fontänen und perfekt illuminierte einen eigenen künstlerischen Höhepunkt bildet. Der Font Màgica in Barcelona lässt grüßen. Alleine diese Performance wäre schon den Besuch wert, aber es gibt in der Show auch noch ganz ausgezeichnete Artisten.

Veronika mit der Water Bowl (Foto: Zirkus Charles Knie GmbH)
Nach dem Opener erleben wir Veronika in einem überdimensionalen Wasserglas und an den Strapaten. Sie versteht es, auch den letzten vielleicht vom verzögerten Einlass und der extrem langen Warteschlange noch leicht genervten Zuschauer in eine scheinbar unbeschwerte Welt zu entführen. Mit ihr erleben wir, musikalisch begleitet von einer Sängerin, einige sehr poetische Momente. Sergio Paolo begeistert beim Bounce-Juggling. Mit einer gehörigen Prise Humor hüpft, springt und tanzt er, während er Flummis auf den Boden wirft und diese gekonnt wieder auffängt. Das macht Laune! Nancy und Dimitri Stauberti gehören zu den wenigen Artisten, die sich an das extrem schwierige, gefährliche und kräftezehrende Genre der Perche-Artistik heran wagen. Dimitri balanciert dabei auf seinem Kopf eine bis zu fünf Meter lange Stange, auf welcher Nancy verschiedenste Kunststücke vollbringt. Für diese Performance erhielten die beiden 2018 den Silbernen Clown beim Zirkusfestival von Monte Carlo. Laura Urunova nutzt das spielerische Interesse ihrer Papageien für einige lustige Darbietung in der Manege und lässt die imposanten farbenfrohen Tiere auch mehrere Runden über den Köpfen der Zuschauer durch das Zirkuszelt kreisen. Im zweiten Teil sehen wir Laura später mit einer amüsanten Hundedressur wieder. Hoch unter der Kuppel präsentieren Julia und Kevin an roten Tüchern zum Livegesang der über dem Artisteneingang platzierten Sängerin eine Liebesgeschichte, bei der Kraft und Eleganz dominieren. Der Kontorsionist Lorenzo Bernardi versetzt das Publikum mit seiner extremen Beweglichkeit ins Staunen. Nur durch seine Bisskraft hält er sich schließlich mit den Zähnen in der Luft und hat dabei zwischen seine Zehen einen Bogen geklemmt. Mit dem anderen Fuß spannt er einen Pfeil und bringt mit einem gezielten Schuss einen Luftballon zum Platzen. Devin de Bianchi verzaubert mit seinen eleganten Meisterleistungen im permanenten Handstand und wird dabei optisch effektvoll von Wasserfontänen in Szene gesetzt. Die Gruppe Argendance fasziniert mit einer temperamentvollen südamerikanischen Tanzshow, bei der sie Trommeln und Bolas, einst Wurfgeschosse für die Jagd, effektvoll zum Einsatz bringt. Die Skating Ernestos sorgen mit ihrer rasanten Rollschuhdarbietung auf einen kleinen runden Podest für weiteren Schwung, bevor es beim Höhepunkt der Darbietung der Truppe Robles schließlich ganz still wird, denn für ihre einmalige 7-er Pyramide, in der sie das Hochseil in zehn Metern Höhe überqueren, können Störgeräusche und laute Musik die Kommunikation der Artisten beeinträchtigen. Ein sehr moderner Clown, der im Laufe des Abends immer wieder auftritt und auch das Publikum in seine Nummern mit einbezieht, ist Michael Cadima. Nicht zuletzt die verschiedenen Tanzeinlagen der Ballettgruppe in ihren prächtigen und äußerst phantasievollen Kostümen machen den Abend zu einem unvergleichlichen Erlebnis.

Eines von unzähligen höchst aufwendige Kostümen (Foto: Zirkus Charles Knie GmbH)
Noch bis November 2024 tourt diese Produktion durch die Lande. Weitere Informationen und Daten finden Sie hier: www.zirkus-charles-knie.de
FLENSBURG/ Stereo: DER SPELUNKENWIRT
FLENSBURG/ North German Performing Arts Youth Company:
DER SPELUNKENWIRT
Ein getanzter Krimi nach einer Idee von Benjamin Kühn und Denison Pereira da Silva
3. Mai 2024
Schwülwarm ist es im Club Stereo am Flensburger Hafen. Nebenan hat erst am vergangenen Wochenende eine der letzten Spelunken der Stadt für immer geschlossen und soll nach einer aufwändigen Sanierung des historischen Gebäudes in ein Café umgewandelt werden. Doch die North German Performing Arts Youth Company lässt in ihrem neuesten Projekt authentisches südamerikanisches Spelunkenfeeling aufkommen.
Aktuell zwölf Teilnehmende im Alter von zehn bis zwanzig Jahren aus fünf Nationen (Deutschland, Rumänien, England, Italien und Brasilien) werden in der NYC auf professionellem Niveau ausgebildet und erhalten so die Grundlage für eine berufliche Karriere in der Welt des Tanzes. Denison Pereira da Silva, Choreograph und künstlerischer Leiter, ist von der Motivation seiner jungen Kompagnie begeistert und findet es beeindruckend, mit welcher Hingabe und Freude die Jugendlichen trainieren und wie schnell sie sich weiterentwickeln. Sie alle haben einen ganz individuellen Background und harmonieren trotz der großen Altersunterschiede perfekt miteinander.
Ziel der als eingetragener Verein agierenden Organisation ist es, Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichsten sozialen und nationalen Hintergründen in ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung zu fördern. Letztendlich geht es auch darum, den künstlerischen Nachwuchs in Schleswig-Holstein zu unterstützen.
Die Veranstaltung ist bis auf den letzen Platz ausverkauft, denn die optisch schön gestalteten und mit ungewöhnlich wenig konkreten Informationen aufwartenden Plakate, die in der Stadt ausgehängt waren, machten neugierig. Mich ja auch.

Sänger Marius Rothe (links) mit dem begeisternden Ensemble (Foto: Grauton)
Immer öfter berichtet die Zeitung in einer Kleinstadt über mysteriöse Todesfälle (hinreißend: Louise Sitzwohl als kindlicher Zeitungsträger). Juwel Margot (Thea Nissen), eine attraktive argentinische Frau und ehemalige Tangotänzerin, zog vor Jahren in diese Stadt und eröffnete eine Bar mit dem Traum von finanzieller und persönlicher Unabhängigkeit. Doch nun ist ihr Geschäft zu einer Spelunke verkommen, zu deren Stammkundschaft auch der elegante, aber alkoholabhängige Typ (Allan Monti) gehört, der dort wiederholt seine streng religiöse Frau betrügt. Oder der Kellner Otto, höflich, zuvorkommend und seiner angebeteten Margot treu ergeben. Dass die Mordfälle auch immer wieder im Umfeld der Spelunke geschehen, ist wohl auch keine gute Werbung für das Lokal. Mit einer Cabaret-Show will Otto die Spelunke vor dem Bankrott retten: Sein Gesang, Margots Tanzdarbietungen und junge, hübsche Damen, die das Risiko dieses Arbeitsplatzes nicht scheuen, sollen Geld und neue Kundschaft bringen. Es wird eine turbulente Nacht, in der der Typ nicht nur der Bar-Chefin Margot Avancen macht, sondern auch der Tänzerin Ninette (Mette-Maria Jensen). Dies entfacht doppelte Konkurrenzgefühle: Zwischen den beiden Frauen, aber auch zwischen Margots Verehrer Otto und ihm selbst. Der Auftritt der eifersüchtigen Gattin des Typen, Hannelore (Majra Andresen, die auch mit einer Gesangsnummer aufwartet), sowie das Mädchen Löckchen (Alice Campelo), aufreizend, aber naiv, schaukeln das Geschehen zusätzlich hoch.
Nur gut, dass sich Kommissar Dudelsack (Alexandru Moldovan), auf der Suche nach dem psychopathischen Mörder, selbst unter die illustre Gesellschaft gemischt hat.
Doch auch er lässt sich von der charmanten Blumenverkäuferin Hanna (Ludovica Fano) von seiner Arbeit ablenken. Es wandern die Frauen, aber auch die Trinkgläser reihum und durcheinander. Als dann ausgerechnet die sogenannte „Diva der Nacht“ Juwel Margot selbst zum Opfer eines vergifteten Drinks wird, klicken endlich die Handschellen.

Schlussapplaus (Foto: Marc Rohde)
Die Tänzerinnen und Tänzer begeistern in rasanten Ensembleszenen und glänzen immer wieder solistisch mit ihrer individuellen Klasse. Neben diesem bemerkenswert professionell auftretendem Ensemble begeistert insbesondere der Bariton Marius Rothe in seiner Rolle als Spelunkenwirt Otto mit seinen zahlreichen Gesangseinlagen. „Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ aus dem Musical Cabaret zu Beginn der Tanzrevue weckt das Verlangen, auch dieses Bühnenwerk einmal mit so guten Sängern wie ihn erleben zu dürfen. Begleitet wird er am Klavier vom Korrepetitor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters Peter Geilich.
Die Show entstand nach einer Idee von Benjamin Kühn und Denison Pereira da Silva und wurde von Julia Gollner und Daniela-Alexandra Pascu-Bruhn arrangiert.
Das begeisterte Publikum feiert schließlich alle Akteure frenetisch und bezeugt, dass die North German Performing Arts Youth Company eine wertvolle Bereicherung des kulturellen Lebens für die Region darstellt.

Ungewöhnliche Location: Der Club Stereo in Flensburg (Foto: Marc Rohde)
Auch kann ich mir weitere kulturelle Veranstaltungen in dieser sonst zu später Stunde als Disco beliebten Location vorstellen. Ähnlich wie das hr-Sinfonieorchester in Frankfurt Kammerkonzerte in Bars und Clubs veranstaltet und auf diese Weise erfolgreich neue Publikumsschichten für seine Konzerte gewinnt, könnte ich mir auch in Flensburg und insbesondere in diesem Club in prominenter Hafenlage ähnliche Formate vorstellen. Die Organisatoren des Spelunkenwirts zeigen sich von der großartigen Unterstützung des Stereos in jedem Fall begeistert.
FLENSBURG/ Landestheater: DER GOLDENE BRUNNEN
FLENSBURG/ Landestheater: DER GOLDENE BRUNNEN
2. Vorstellung am 5. April 2024
Im Oktober 2023 fand als Koproduktion des Theaters Erfurt und des Pfalztheaters Kaiserlautern die Uraufführung dieser Familienoper nach einem Märchenspiel von Otfried Preußler statt. Exakt 100 Jahre nach dessen Geburtstag. Die Librettistin Friederike Karig führte sowohl in Kaiserslautern als auch bei der jüngsten Produktion am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg Regie.
Der Brunnen eines russischen Dorfes ist ausgetrocknet. Die Mädchen schleppen Wasser von weither herbei, während die Jungen versuchen, den Brunnen tiefer auszugraben, um an Wasser zu kommen. Die Großmutter ermahnt die jungen Leute, den Brunnen in Ruhe zu lassen. Er sei krank und brauche seine Zeit, um gesund zu werden. Sie weiß, wie der Brunnen geheilt werden kann: Jemand muss ihm eine Kanne Wasser vom goldenen Brunnen holen, doch der Weg dorthin ist voller Gefahren. Nur das Mädchen Maschenka ist bereit, diese auf sich zu nehmen. Die Großmutter gibt ihr drei Wunschhölzchen mit, die ihr in Gefahr helfen sollen.
In den schwarzen Wäldern nehmen die Häscher des Wolfskönigs zunächst Mischa Holzbein, einen alten Soldaten, und dann das Mädchen Maschenka in Gefangenschaft. Maschenka entzündet eines der Wunschhölzchen und wünscht sich, dass Mischa und sie das Reich des Wolfskönigs ungehindert verlassen können. Der Wunsch geht in Erfüllung! Bei einer Rast legt sich die erschöpfte Maschenka schlafen, während Mischa mit seinem Hunger kämpft. Er kann der Versuchung nicht widerstehen und spielt heimlich mit einem von Maschenkas Wunschhölzchen und entzündet versehentlich das Hölzchen. Stattdessen legt er ein ganz normales Streichholz in die Schachtel.

Im Nebelwald lauern schaurige Gestalten auf Mischa und Maschenka (Foto: Thore Nilsson)
Am nächsten Morgen ziehen die beiden weiter in den Nebelwald. Schrätzel, Onkelchen und Tantchen, drei böse Schrate, locken Maschenka und Mischa in eine Waldhütte, wo sie erfrieren sollen. Maschenka muss ein weiteres Wunschhölzchen entzünden, um Mischa und sich aus dem Nebelwald zu befreien.
Schließlich kommen Maschenka und Mischa zum goldenen Brunnen, der von einem Drachen mit zwei Köpfen namens Pimpusch und Pampusch bewacht wird. Im Angesicht des Ungeheuers möchte Maschenka das letzte Wunschhölzchen entzünden, doch es bleibt wirkungslos – Mischa gesteht und ist bereit, sich vom Drachen fressen zu lassen, damit Maschenka zum Brunnen gehen kann. Pimpusch und Pampusch stürzen sich schließlich auf Mischa. In diesem Moment gelingt es der mutigen Maschenka, den Drachen niederzustrecken. Der Weg zum goldenen Brunnen ist nun frei und schließlich gelingt es auch, den Brunnen um Dorf wieder zum Sprudeln zu bringen.

Dieser schreckliche Drache muss besiegt werden (Foto: Thore Nilsson)
Der 1987 geborene Komponist Peter Leipold hat eine authentische lautmalerische Tonsprache im Stil der Spätromantik gefunden. Seine Melodien erinnern an Engelbert Humperdinck und Leoš Janáček, vereinzelt musste ich auch an Philip Glass und Johann Strauß denken. Mit etwa 65 Minuten Spieldauer ist das Werk dabei kompakt und kindertauglich. Martynas Stakionis am Pult des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters sorgt für teils Filmmusik-artigen Sound und Spannung bis zum Schlussapplaus.
Gesanglich stechen aus dem spielerisch bestens aufgelegten Ensemble vor allem Małgorzata Rocławska mit ihrem klaren, beweglichen Sopran als Maschenka und Kai-Moritz von Blanckenburg mit seinem beeindruckenden Bariton als leicht einfältiger, aber liebenswerter Mischa heraus. Dabei glänzt dieser noch mit sehr guter Textverständlichkeit. Auch Evelyn Krahe als Großmutter vermag mit ihrem profunden Alt zu faszinieren. Optisch wirkt sie für eine Großmutter etwas zu frisch. In jeweils mehreren Rollen sind Anna Avdalyan (Nina/Schrätzel), die vor allem als Schrat komödiantisch in den Vordergrund tritt, Nadia Steinhardt als Njura / Tantchen, Timo Hannig als Kostja / Wolko / Onkelchen, Dritan Angoni als Petja / 1. Häscher / Pimpusch und Philipp Franke als Mitja / 2. Häscher / Pampusch im Einsatz.
Die Inszenierung von Friederike Karig setzt auf märchenhafte erzählerische Momente, die in historisch ländlichen und den teils sehr phantasievollen Kostümen und im stilisierten Bühnenbild von Stephan Anton Testi eine erfrischende Wirkung erzielen. Die zahlreichen Kinder im Publikum gehen ihrerseits auf die Handlung ein und rufen den Sängern schon mal gute Ratschläge auf die Bühne oder beginnen spontan zu applaudieren, als Maschenka den Drachen besiegt. Tatsächlich scheinen mit dieser Produktion einige Kinder zum ersten Mal ins Theater gelockt worden zu sein, wie die Frage eines kleinen Jungen an seine Mutter vermuten lässt. „Haben wir Plätze reserviert?“ erübrigt sich im Stadttheater ja zum Glück.
Ob die begleitenden Erwachsenen den Kindern einfach das schöne Märchenerlebnis gönnen, den ausgetrockneten Brunnen im Kontext mit aktuellen Klimadebatten thematisieren wollen oder neueste politische Ereignisse in Zusammenhang mit dem Ort der Handlung diskutieren mögen, bleibt ihnen überlassen.
FLENSBURG/ Stadttheater: OLGA SCHEPS
Bereits seit 1965 gastieren in Flensburg auf Einladung der Musikfreunde Flensburg e.V. regelmäßig namhafte Künstlerinnen und Künstler. So passiert es, dass die gefeierte Pianistin Olga Scheps ihr Recital mit Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven und Frédéric Chopin nicht nur im Prinzregententheater in München und in der Kölner Philharmonie zu Gehör bringt, sondern auch im beschaulichen Stadttheater Flensburg. Obwohl das Haus nur etwa 500 Plätze fasst, der Steinway Flügel offenbar aus dem 230 Kilometer entfernten Schwerin ausgeliehen wurde, und die Anreise der Künstlerin in Deutschlands Norden auch etwas beschwerlicher ist, gestalten sich die Eintrittspreise in Flensburg deutlich günstiger als in den größeren Städten. Großer Dank an den Veranstalter.

Ruhe vor dem Sturm: Pianistin Olga Scheps begeistert in Flensburg – © Marc Rohde
Im Zentrum der Romantik fühle sich Scheps immer besonders wohl, heißt es. Dementsprechend sorgt die Programmauswahl hoffentlich nicht nur für eine Wohlfühlatmosphäre beim Publikum, sondern auch bei der Künstlerin selbst, die in Flensburg allerdings auch mit allerlei Unruhe (Husten, Niesen, Bonbonpapierknistern, zuschlagende Türen) im Auditorium konfrontiert wird. Dies ließ ihre Konzentration zum Glück nicht erkennbar leiden.
Das Programm beginnt mit Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 „Pathétique“. Olga Scheps begeistert durch dramatische Intensität und Ausdruckskraft. Die düstere Atmosphäre, die durch den Einsatz von starken Dynamiken, kontrastierenden Abschnitten und leidenschaftlichen Ausdrucksmitteln erzielt wird, kommt exzellent zur Geltung. Leider ist während dieser Interpretation ein permanentes, von mir nicht eindeutig identifizierbares Störgeräusch (Lüftung?) im Saal präsent. In der folgenden, ebenfalls von Beethoven stammenden Klaviersonate Nr. 31 As-Dur, op. 110 besticht die Pianistin durch emotionale Tiefe und das intensive Ausloten tiefer spiritueller Dimensionen. Ob die Welt außerhalb dieses Theatersaales noch existiert, spielt in diesem Moment keine Rolle, so intensiv gelingen die Momente, die die Zuhörer mit der Kölner Musikerin erleben dürfen.
Auch die Werke von Chopin sind für die Künstlerin attraktiv, da sie ihr Klavier bei diesen ebenfalls wie eine menschliche Stimme erklingen lassen könne. Die vier Balladen bilden keinen zusammenhängenden Zyklus und doch gehören sie irgendwie zusammen, zumal sie zu den bedeutendsten Kompositionen Chopins zählen. Ich möchte das Programm, das ich sehr genossen habe, nicht sezieren und nenne daher kurz die Abfolge: Ballade Nr. 1, g-Moll, op. 23, Ballade Nr. 2, F-Dur, op. 38, Ballade Nr. 3, As-Dur, op. 47, Ballade Nr. 4, f-Moll, op. 52. Hierbei zeigt Olga Scheps immer wieder, dass sie nicht nur technisch in höchsten Maße versiert ist, sondern am Klavier wahrlich eine große Bandbreite an Emotionen durchlebt und jederzeit dazu fähig ist, musikalisch eine bewegende Geschichte zu erzählen. Von sanften und träumerischen Momenten erleben wir dabei eine dramatische Entwicklung bis hin zu triumphierenden Momenten, die dann alsbald in melancholische Reflexion übergehen.
Als Zugabe erklatscht sich das Flensburger Publikum das Precipato aus Sergej Prokowjews Sonate für Klavier Nr. 7 B-Dur op. 83. Die schnellen und rythmisch herausfordernden Passagen verlangen der Pianistin höchste technische Virtuosität ab. Die Musik treibt voran, oft mit einer pulsierenden Motorik, die den Eindruck von Geschwindigkeit und Dringlichkeit vermittelt.
Die harmonische Sprache ist charakteristisch für Prokofjews Stil, wobei dissonante Klänge und unerwartete Modulationen eine wichtige Rolle spielen und durch Olgas Hände zur akustischen Ekstase führen.
FLENSBURG/ Landestheater: DER FEUERVOGEL / FANTAISIE SYMPHONIQUE
Vergangene Spielzeit bekam ich von einem Freund im etwa 900 Kilometer entfernten Augsburg den Hinweis, dass es bei uns in Flensburg eine sehr sehenswerte Ballettaufführung gäbe. Terminlich hatte es damals bei mir nicht gepasst, aber zumindest das tänzerische Highlight dieser Saison wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Das Ballettensemble des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters in „Fantaisie Symphonique“ (Foto: Henrik Matzen)
Im ersten Teil des choreografischen Doppelabends übersetzt Emil Wedervang Bruland Kurt Weills 2. Sinfonie („Fantaisie Symphonique“) in eine zeitgenössische Choreografie. Weills bedeutendstes, viel zu selten gespieltes Orchesterwerk wird von Sarkasmus, Wut, Angst, schwermütiger Lyrik und auch Traurigkeit geprägt, die klar und brillant in der Partitur zum Ausdruck kommen. Bruland schafft ein etwa halbstündiges abstraktes Tanztheater für sein kleines aber feines Ballettensemble, das unglaublich gut mit der Musik harmoniert und in der jede Szene harmonisch in die nächste übergeht. Im ersten Satz dienen den elf Tänzern zwei Tische als Bühnenbild und Requisiten. Diese werden teilweise aktiv ins Geschehen eingebunden und wecken so auch schon mal kurz Assoziationen an einen OP-Tisch, auf dem zwei Menschen untersucht und dann weggekippt werden. Ob dies eine persönliche Assoziation des Rezensenten mit dem heutigen Umgang von Lebewesen ist, oder so gedacht war, bleibt ein Geheimnis. Im zweiten Satz hatte ich in einer Szene Gedanken ans ‚in sich gefangen sein und nicht vorankommen können“ und in einer anderen Sequenz an ein Strategiespiel, in dem Menschen wie Schachfiguren aufgestellt (und somit also manipuliert) werden. Dabei war die Darbietung auf der Bühne äusserst ansprechend und ästhetisch. Im dritten und letzten Satz schließlich meinte ich etwas wie Gottesanbetung und Ekstase wahrgenommen zu haben, was ich für mich als Happy End deute. Die Kostüme von Ausstatter Stephan Anton Testi bestehen für die gesamte Company aus kurzen schwarzen Hosen und schwarzen Shirts mit einem weißen Sakko, welches für jeden Tänzer und jede Tänzerin individuell durch mehr oder weniger starke schwarze Elemente bemalt ist.

Szene aus Emil Wedervang Brulands „Der Feuervogel“ in Flensburg – alternierende Besetzung (Foto: Henrik Matzen)
Nach der Pause kommt schließlich Igor Strawinskis „Der Feuervogel“ in der reduzierten Orchesterfassung von Henning Brauel zur Aufführung. Dieses Werk habe ich zuletzt vor dreißig Jahren im St. Petersburger Mariinski Theater gesehen und entsprechend neugierig war ich auf die Flensburger Version. Eine direkte Gegenüberstellung wäre weniger sinnvoll als Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, aber um es auf den Punkt zu bringen: Bruland ist eine sehr konzentrierte und mitreißende Interpretation des Werks gelungen, die seine aus nur elf Tänzern bestehende Company tänzerisch brilliant umsetzt. Jeder Tanzschritt und jede Bewegung trägt zur Erzählung bei und verleiht dem Stück eine zusätzliche Tiefe.
Der Feuervogel, ein prächtiges und rätselhaftes Wesen, ist fester Bestandteil russischer Volksmärchen und wurde zum künstlerischen Symbol des Fin de Siècle. Strawinskis berühmte spätromantische Version dieser Geschichte beeinflusste die Ballettwelt des 20. Jahrhunderts nachhaltig.
Das Bühnenbild (ebenfalls von Testi) besteht aus bemalten Stoffstreifen, die die Bühne umschließen. Zusätzlich gibt es einen kleinen Ring mit weiteren Stoffstreifen, die einen Käfig andeuten und aus dem die schöne Zarewna entsteigt. Die Kostüme des Feuervogels und seinem Gefolge sind in klassischem Rot gehalten, während Kastschei und die Dämonen schwarz gekleidet und weiß maskiert sind.

Perla Gallo vor dem Auftritt in ihrer Garderobe. Sie fasziniert in der Titelrolle (Foto: Instagram/privat)
Perla Gallo beeindruckt in der Titelrolle. Mit ihren anmutigen Bewegungen bringt sie die Magie und die Kraft des Feuervogels auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck. Ihr tänzerisches Können und ihre Bühnenpräsenz machen sie zur perfekten Besetzung für diese Rolle, in der sie sowohl solistisch als auch im fürsorglichen Zusammenspiel mit dem stattlichen Yun-Cheng Lin als Iwan Zarewitsch und im Konflikt mit Kastschei (dämonisch und furchteinflößend von Ben Silas Beppler interpretiert) brilliert. Zart und bezaubernd gestaltet Meng-Ting Wu die schöne Zarewna. Alternierend als Gefolge des Feuervogels und als Dämonen sind mit starker Bühnenpräsenz Anna Schumacher, Yi-Han Hsiao, Riho Otsu, Risa Tero, Chu-En Chiu, William Gustavo Barros, Matteo Andrioli und der Gast Emanuele Senese im Einsatz.
Das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester trägt unter der Leitung von Sergi Roca Bru durch seine konzentrierte Begleitung maßgeblich zum Gesamteindruck des Abends bei und entfaltet insbesondere im Feuervogel einen mystischen Klangteppich, wohingegen es in Weills Sinfonie auch mit schmissigen Rythmen aufwartet.
Standing Ovations im ausverkauften Haus dieser Repertoirevorstellung.
FLENSBURG/ Deutsches Haus: RAVNEN – Gastspiel der Jyske Opera
In Flensburg zählen sich etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung zur dänischen Minderheit. Darüber hinaus wohnen über 2.000 dänische Staatsbürger in der Grenzstadt. So verwundert es nicht, dass das kulturelle Leben stark von dänischen Einflüssen geprägt ist und die Dänische Landesoper (Den Jyske Opera) aus Aarhus regelmäßig in der Fördestadt zu Gast ist.
Von dem 1805 in Kopenhagen geborenen Komponisten Johann Peter Emilius Hartmann sind bestenfalls – und dies wohl auch weniger im deutschsprachigen Raum – einige Lieder und seine Oper „Liden Kirsten“ bekannt. In den Augen des Regisseurs Philipp Kochheim ist Hartmanns „Ravnen“ (=der Rabe) diesen berühmteren Werken musikalisch deutlich überlegen. Das Libretto von Hans Christian Andersen bietet einige dramatische Szenen, ist aber – vor allem in den gesprochenen Dialogen – bei weitem nicht auf dem gleichen Niveau. Es verwirrt mit einer Abfolge von stereotypen Szenen, unglaubwürdigen Situationen und oberflächlichen Charakteren. Nach heutigen Maßstäben wirke „Ravnen“ unaufführbar und gleiche einer Parodie auf die Absurditäten des Musiktheaters des 19. Jahrhunderts. Das Leitungsteam ist davon überzeugt, dass die wunderschöne Partitur eine Wiederbelebung verdient hat, und so entschloss man sich, der Handlung eine neue Deutung zu verleihen. Der Fokus im so veränderten und von Kochheim mit neuen Sprechtexten versehenen Werk liegt auf der Figur der Armilla, die als heimliches Selbstporträt des sexuell isolierten Hans Christian Andersen gelte. Um ihr psychologisches Dilemma noch weiter zu entwickeln und die Geschichte vollständig aus Armillas Perspektive zu erzählen, wurden dem Werk einige fesselnde Ausschnitte aus Hartmanns Balletten „Valkyrien“ und „Thrymsqviden“ als kurze Tanzassoziationen hinzugefügt.

Die reale Welt von Armilla ist einengend und farblos
Foto: Anders Bach
Armilla ist die Tochter des lieblosen Norando. Dieser ist enttäuscht darüber, dass sie aufgrund ihres Geschlechts sein Geschäft später nicht wird übernehmen können. Schlimmer noch: Sie ist körperlich behindert und daher für den Heiratsmarkt ungeeignet. Da sie seit dem Tod ihrer Mutter vor langer Zeit jeglichen Kontakt zu Frauen verloren hat, ist sie in einem kleinen, fensterlosen Raum eingesperrt, wo sie von gesichtslosen Schergen und Schlägern, die für ihren furchterregenden Vater arbeiten, gequält wird.
Ohne Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen oder ihren Körper auf irgendeine Weise entdecken zu können, klammert sie sich an ihre einzigen Begleiter: einen Stapel alter Bücher und ihre japanische Puppe. Angetrieben von einer lebhaften Fantasie träumt sie sich aus ihrem bürgerlichen Gefängnis heraus und erschafft sich eine Gedankenwelt, in der sie schön und klug ist und in einer romantischen Dreiecksbeziehung verstrickt ist. Ähnlich wie ihre berühmte Schwester im Geiste, Wagners Senta aus „Der fliegende Holländer“, stellt sie sich einen Mann vor, krank wie sie selbst, den nur ihre reine Liebe vor dem dunklen Fluch des toten Raben retten kann.
Das Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic erinnert bewusst an die melancholisch wirkenden Gemälde leerer Wohnungen des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi. Zu Beginn der Oper ist Armillas kleines, enges weiß und karg eingerichtetes Zimmer zu sehen, welches ebenfalls am Ende, quasi im Epilog, wieder zu sehen ist. Die eigentliche märchenhafte Geschichte spielt zwischen diesen Szenen in einem weit größeren, über die gesamte Bühnenbreite reichenden und phantasievoll ausgestatteten Raum ab. Überhaupt entzückt die detaillierte und phantasiereiche Inszenierung Philip Kochheims trotz der sprachlichen Barriere (Dialoge und Gesang in dänischer Sprache, dazu dänische Übertitel für den Gesang) ungemein. Auch das immer noch leicht angestaubt wirkende Sujet dieses Opernmärchens für Erwachsene mit seinen Meeresnymphen und Vampiren erfreut das Publikum auf herzerfrischende Weise. Die liebevoll gestalteten Kostüme von Ariane Isabell Unfried und die hervorragende Lichtregie von Anders Poll tragen das ihrige dazu bei.

Das farbenfrohe Reich der Phantasie erstreckt sich hingegen über die volle Bühnenbreite
Foto: Anders Bach
Die Koloratursopranistin Sibylle Glosted verkörpert die Armilla mit stets sicher geführter, reiner und fokussierter Stimme, sowie großartigen schauspielerischen Qualitäten. Die Transformation vom eingeschüchterten Mädchen zur Männer als Marionetten benutzenden selbstbewussten Frau in der Phantasiewelt gelingt ihr ausgezeichnet. Die Sängerdarstellerin trägt nicht zuletzt durch ihre Bühnenpräsenz maßgeblich zum äußerst gelungenen Abend bei. Als ihre männlichen Mitspieler buhlen der Bariton Teit Kanstrup als Prins Millo und Tenor Christian Damsgaard um ihre Gunst. Darstellerisch hinterlassen beide einen zurückhaltenderen Eindruck als die Protagonistin, aber vokal bleiben die Männer ihren Rollen nichts schuldig. Steffen Bruun als Norando wirkt stimmlich ein wenig blass und gibt eher den emotionsarmen Vater als einen wahren Bösewicht.
Als Tänzerin (bzw. japanische Puppe) sticht Keiko Moriyama solistisch hervor. Die kleineren Gesangspartien werden von Søren Ruby (Tartaglia), Mo Chara (Deramo), Estrid Molt Ipsen, Eline Denice Risager, Lina Valantiejute (Havnymfer) und Sophie Thing-Simonsen (Vampyr) gegeben.
Für mich ist es eine positive Überraschung, dass das Sønderjyllands Symfoniorkester zwar zu akustischen Ausbrüchen (etwa in der Gewitterszene) in der Lage ist, aber trotz zwischen Bühne und Zuschauern im Parkett platzierten Musikern (das Haus hat keinen Orchestergraben), zu zarten und leisen Tönen fähig ist und die Sänger nie übertönt. Dabei gelingt es den mit warmem Klang aufspielenden Musikern unter der engagierten Leitung von Christofer Lichtenstein die Sänger stets konzentriert und mit der nötigen Spannung zu begleiten. Großes Lob dafür, denn in Sinfoniekonzerten in diesem Hause habe ich schon mehrmals Angst um meine Trommelfelle gehabt.
Obwohl ich keine der Melodien kannte, hatte ich während der Vorstellung oft ein vertrautes Gefühl. Einiges in dieser 1830-1832 komponierten Oper erinnerte mich an Webers Freischütz, obwohl man Hartmann eine eher klassizistische Grundhaltung, die manchmal an Felix Mendelssohn Bartholdy gemahnt, oder mit Robert Schumanns Musik verwandt sei, nachsagt.
Einen Mitschnitt einer Aufführung dieser Serie können Sie hier auf der Internetseite von Danmarks Radio hören und sich gerne auch den Trailer zur Produktion ansehen:
FLENSBURG/ Landestheater: A STREETCAR NAMED DESIRE. Premiere
Ob der eher mäßige Vorverkauf dieser Premiere mit dem in der Region äußerst dürftigen öffentlichen Personennahverkehr zusammenhängt, lässt sich nicht genau sagen. Vermutlich ist es weniger der fehlende Bezug der Flensburger zur Straßenbahn (Streetcar), als die Skepsis gegenüber dem der breiten Masse eher unbekannten Komponisten André Previn.
Previn hat in seiner Partitur die Erfahrungen aus seinen eigenen Musicals und Soundtracks mit der spätromantischen und klassisch-modernen Formensprache verknüpft. Besonders emphatisch hat er hierbei das traumatisch gebrochene Bewusstsein der Hauptfigur Blanche DuBois herausgearbeitet.
Die Sopranistin Amelie Müller ist immer ein Garant für einen gelungenen Opernabend. In einem Interview mit der örtlichen Presse wurde sie kürzlich sogar schon als Opernstar gehandelt. Dies sagt allerdings mehr über die Qualität der Redaktion aus, als über den Bekanntheitsgrad der Sängerin. Das Potential zum Star hat sie ohne Zweifel und mit der Gestaltung der feinsinnigen, am Leben gescheiterten Südstaaten-Lady Blanche duBois am Schleswig-Holsteinischen Landestheater legt sie erneut eine gesangliche und darstellerische Meisterleistung ab. Es vergeht kaum eine Minute, in der sie in diesem Stück nicht auf der Bühne steht und so erleben wir an diesem Abend Müllers modulationsfähigen Sopran in einer schier unglaublichen Bandbreite von emotionalen Eruptionen bis hin zu verklärter seelischer Entrücktheit. Schauspielerisch findet die Sopranistin ebenfalls stets die richtigen Mittel für jede Situation.

Amelie Müller lässt als Blanche DuBois keine Wünsche offen – (c) Matzen
Die Schwester von Blanche, bei der diese Zuflucht vor ihrer eigenen Vergangenheit sucht, gestaltet die Sopranistin Malgorzata Roclawska. Dem devoten Charakter der Rolle entsprechend, gibt sie die Unterdrückte, die sich zwischen ihrer Schwester und ihrem Mann aufreibt und vermag dabei stimmlich stets den passenden Ton zu treffen.

Amelie Müller und Małgorzata Rocławska als ungleiche Schwestern – (c) Matzen
Ihren vulgären und gewalttätigen Gatten Stanley Kowalski spielt der gesundheitlich angeschlagene Bariton Philipp Franke. Seine Stimme verleiht dem an diesem Abend stumm agierenden Künstler der kurzfristig aus Wien angereiste Michael Mrosek, der diese Rolle bereits 2016 in Koblenz gesungen hat. Vokal bringt er kraftvoll die Brutalität und das Machogehabe des primitiven Arbeiters über die Rampe und lässt auch ab und an eine ordentliche Portion Verachtung mitschwingen. Leider wurde es versäumt, den Namen des Einspringers auf der im Theater ausgehängten Abendbesetzung zu ergänzen, so dass einzig die von der Operndirektorin vor der Vorstellung erfolgte Ansage Hinweise auf den Namen dieses exzellenten Sängers gibt.
Matthew Peña gestaltet Harold Mitchell, einen Pokerfreund von Stanley, anfangs rollengemäß zurückhaltend und blass. Er steigert sich im Laufe des Abends zu expressiven Ausbrüchen, in denen sein Charaktertenor eindringlich zur Geltung kommt und auch seine darstellerischen Qualitäten deutlich werden.
Von den kleineren Partien sei, nicht zuletzt wegen der maskenbildnerischen Meisterleistung, die mexikanische Blumenverkäuferin von Alma Samimi erwähnt. Sie verleiht dieser Figur auch vokal Charakter und verfügt dabei über eine bezwingende Bühnenpräsenz. Eva Schneidereit gestaltet die Nachbarin Eunice Hubbell mit Profil. Xiaoke Hu als Steve Hubell und Dritan Angoni als junger Kassierer komplettieren das Ensemble.
Die Sänger verstehen es in der Inszenierung von Cornelia Repschläger ausgezeichnet, den Flensburger Frühling mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und leichtem Schneefall in ein von schwüler Hitze und emotionalen Spannungen geprägtes New Orleans der 1940’er Jahre zu verwandeln. Die Regisseurin konzentriert sich eindrucksvoll auf die emotionalen Beziehungen der Protagonisten untereinander. Bis ins kleinste Detail zeichnet sie insbesondere den Charakter der Blanche, arbeitet aber auch die vielschichtigen Charaktere der anderen Figuren heraus. Diese sind einerseits Sinnbild für bestimmte Stereotypen, andererseits allesamt Individuen mit ihren ganz persönlichen Geschichten und Eigenheiten.
Die gesamte Oper spielt in der Zweizimmerwohnung von Stella und Stanley. Streng genommen bekommt das Publikum sogar nur eines dieser Zimmer zu sehen, denn das zweite ist lediglich durch eine Tür angedeutet. Die Wände bestehen in Angelika Höckners Bühnenbild aus lichtdurchlässigen Wellkunststoff-Elementen. Sie schaffen einerseits eine emotional unterkühlte Atmosphäre und schirmen gleichzeitig die sich ereignenden Dramen vor den Blicken der Außenwelt ab. Gleichsam wirkt das ganze Konstrukt aufgrund seiner Lumineszenz fragil, wie das Geflecht menschlicher Beziehungen an sich. Die werksgerechten, teils prächtigen Kostüme stammen von Ralf Christmann.
Die Szene, in der Stanley seine Schwägerin Blanche vergewaltigt, ist choreografiert (Nicola Mascia) und verliert dadurch ihre Brutalität. Dass Blanche unmittelbar vor diesem Akt durch die mit Nacktheit andeutender Unterwäsche bekleidete Stella ausgetauscht wird, mag eine wesentliche Aussage im Sinne Freuds sein, dient bei der ersten unbedarften Auseinandersetzung mit diesem Werk allerdings nicht unbedingt dem Verständnis. Gegen Ende der Oper wird eine Leuchtreklame mit der Aufschrift „DESIRED“ heruntergelassen, hinter der sich Blanche positioniert. Stellt Blanche das Objekt der Begierde da? Geht es in diesem Stück um ihre Wünsche und Sehnsüchte? Oder um (sich oft widersprechende) Wünsche und Sehnsüchte im Allgemeinen? Diese Fragen dürfen die Zuschauer mit auf den Weg nach Hause nehmen und ihre persönlichen Antworten darauf finden.
Ingo Martin Stadtmüller führt sein Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester sicher durch die emotionsgeladenen 2 3/4 Stunden und untermalt das Bühnengeschehen auf bestmögliche Weise. Er versteht sich dabei als wichtiger Partner der Sänger, die vokal stets vom Orchester getragen werden. Der Flensburger Generalmusikdirektor lässt Prévins Musik erstrahlen und in den richtigen Momenten beängstigend und bedrohlich wirken. Fragmente von Jazzmusik mit aufheulenden Klängen von Saxophon, Trompete und Klarinette charakterisieren die Südstaaten-Atmosphäre akustisch.

