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STUTTGART/Staatsoper: TOSCA – Wiederaufnahme

18.05.2014 | KRITIKEN, Oper

„Tosca“ von Puccini in der Staatsoper Stuttgart. EINE STIMMLICHE ENTDECKUNG

Wiederaufnahme von Willy Deckers „Tosca“-Inszenierung am 18. Mai 2014 in der Staatsoper/STUTTGART

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Foto: A.T.Schaefer

Willy Decker legt in seiner eher konservativen Inszenierung von Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ auf die Entwicklung zur Musiktragödie großen Wert. Im Gegensatz zur lyrischen „La Boheme“ werden die Sängerinnen und Sänger hier direkt herausgefordert. Große Veränderungen hinsichtlich des Bühnenbildes und der Kostüme von Wolfgang Gussmann hat es nicht gegeben. Die überdimensionale Marien-Statue und das Porträt der Gräfin Attavanti beherrschen total die Szene mit schwarzem Hintergrund, auf der sich das Liebesdrama zwischen dem Maler Cavaradossi und der Sängerin Tosca gut entfalten kann. Die große katholische Prozession mit dem Erscheinen des durchaus dämonischen Polizeichefs Scarpia wirkt zwar immer noch monumental, aber keineswegs aufgesetzt.
Im zweiten Akt nimmt das schräge Bühnenbild die Blicke der Zuschauer gefangen, weil sich Toscas innere Scheinwelt und ihr ungeheures seelisches Drama hier sehr gut entfalten können. Maria Jose Siri aus Uruguay ist als Tosca stimmlich in jedem Fall eine Entdeckung, denn sie gewinnt dieser explosiv aufgeladenen Rolle fesselnde und bewegende szenische Momente ab. Die Szenen mit dem sie voller Liebesglut bestürmenden Scarpia (den Scott Hendricks allerdings mit eher schlankem Bariton verkörpert) geraten so zu bestürzenden Momenten, die niemanden kalt lassen. Allerdings hätte man sich dabei mehr dämonische Akzente von Seiten Scarpias gewünscht. Vieles bleibt dabei an der Oberfläche. Rafael Rojas ist ein stimmgewaltiger und ungemein höhensicherer Mario Cavaradossi, der von der Regie sogar noch mehr herausgefordert werden könnte. Das gleiche gilt übrigens für Maria Jose Siris Tosca, die vor allem im dritten Akt bei der Erschießungsszene Cavaradossis nochmals ganz große Momente hat. Unbeteiligte Geschäftigkeit ist bei dieser Erschießungsszene allerdings nicht herauszulesen. Auch Cavaradossis berühmte Arie „Und es blitzten die Sterne“ gerät eher zu einer pathetischen Hymne als zu einem verzweifelten Aufschrei. Solche Passagen sind aber im stürmischen zweiten Akt zu vernehmen, wo Maria Jose Siri bei „Vissi d’arte“ („Nur der Schönheit weiht‘ ich mein Leben“) ungewöhnliche Klangschattierungen mit geschmeidigem Timbre entlockt. Die Stimme besitzt kein störendes Vibrato, sondern passt sich etwa dem Streichersatz überzeugend an. So ist alles in einem beglückenden harmonischen Fluss, der sich auch auf die gesamte Inszenierung überträgt. Scarpias Ermordung lässt an geballter dramatischer Wucht nichts zu wünschen übrig.

Auch das gut disponierte Staatsorchester Stuttgart leistet zusammen mit dem Kinderchor der Oper Stuttgart (Einstudierung: Christoph Heil) unter der konzentrierten Leitung von Simon Hewett ausgezeichnete Detailarbeit. Die Funktion des Orchesters in Puccinis „Tosca“ wird hier trotz mancher Intonationsschwächen und störender Rubato-Passagen insgesamt hervorragend herausgearbeitet. Das zeigt sich vor allem im dritten Akt, wo der harmonische Charakter zwischen Verdi und Wagner grell hervorblitzt. Simon Hewett lässt den anderen Sängerinnen und Sängern wie Ashley David Prewett als Cesare Angelotti, Karl-Friedrich Dürr als Mesner, Daniel Kluge als Polizeiagent Spoleta, Stephan Storck als Gendarm Sciarrone sowie Kristian Metzner (Schließer) und Carolin Lauster (Hirt) genügend Atempausen und vokalen Spielraum. So gerät niemand ins Schwitzen oder fühlt sich überfordert, was bei den packenden szenischen Aktionen und ständigen neuen Überraschungen ungemein wichtig ist. Auch die kantable Melodie wird insbesondere von der kultiviert singenden Tosca von Maria Jose Siri sehr schön hervorgehoben. Die Begleitakkorde mit ihrer Tendenz zur Vollstimmigkeit werden von Simon Hewett aber nicht übermäßig betont. Ihre rhythmische Auflockerung durch Synkopen verdeutlicht das Staatsorchester sehr präzise. So kommt nirgends schulmäßige Gelehrsamkeit zum Vorschein, es dominiert vielmehr die rasante und „theatralische“ Vielfalt von Motiven und Themen. So verliert man aber auch die formalen Zusammenhänge nie aus den Augen. Wie stark die Leitmotiv-Technik bei „Tosca“ dominiert, wird von Hewett als Dirigent immer wieder bestechend herausgestellt. Dies zeigt sich sogar in der feinen Zerlegung zahlreicher psychischer Vorgänge – vor allem im besonders gelungenen zweiten Akt, wo die dramaturgische Dichte am besten funktioniert. Da hat auch Willy Decker als Regisseur auf schauspielerische Präsenz besonders großen Wert gelegt. „Liebesthema“ und „Scarpia“-Motiv kollidieren dabei in erschütternder Weise. Natürlich könnte man dabei noch größere szenische und musikalische Genauigkeit verlangen, aber die Intentionen des Komponisten kommen doch recht plastisch zum Vorschein. Spannend hat Simon Hewett beispielsweise nachgezeichnet, wie die Verknüpfung eines musikalischen Symbols mit einer Person erfolgt. Diese harmonischen gehen dann in zahlreiche szenische Verknüpfungen über. Im dritten Akt ist eine bessere Zukunft in einem seltsam beleuchteten Fenster nur angedeutet. Tosca wird an dieser Stelle in den Tod springen. Gut verdeutlicht Maria Jose Siri außerdem Toscas pathologisch anmutende Eifersucht, die die Abwesenheit Cavaradossis als Beweis für seine Untreue ansieht. Hewett betont zudem die Ankündigung von Ereignissen in bemerkenswerter Weise, denn Tosca verschafft  Scarpia unfreiwillig die Möglichkeit, den Unterschlupf des Flüchtlings Angelotti in Erfahrung zu bringen. Interessant ist übrigens, dass sich Giuseppe Verdi (der sich selbst mit dem Gedanken einer „Tosca“-Vertonung beschäftigte) über Puccinis Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach Victorien Sardou positiv äusserte: „Puccini hat ein großartiges Libretto! Ein glücklicher Meister, der so etwas in Händen hält!“ Fazit: Puccinis dramaturgischer Spürsinn kommt bei dieser Produktion keineswegs zu kurz, sondern blüht zuweilen regelrecht auf. Das zeigt sich gerade bei den zahlreichen „Störungen“ während der aufreibenden Handlung, Monologe und Dialoge werden von einer ungestüm hereinbrechenden neuen Handlung sofort beherrscht. Der Kampf um Freiheit und Leben steht in jedem Fall im Zentrum des Geschehens, die Intensität dieser Erkenntnis steigert sich während der gesamten Vorstellung ganz erheblich.

Rafael Rojas hat hier als aufbegehrender Cavaradossi seine besten Momente. Das macht die Qualität von Willy Deckers Inszenierung aus. Da besitzt sie kaum Schwächen, die herrische Welt der Königin Maria Carolina (einer Schwester Marie Antoinettes) sticht beklemmend hervor. Man begreift, wie stark sie hinter Scarpia steht – gerade aus der Angst heraus, das gleiche Schicksal wie ihre Schwester zu erleiden. Das Bühnenbild spricht insofern eine „monarchistische“ Sprache. In psychologischer Hinsicht könnte man die Auffühung bei der Personenführung sogar noch verfeinern. Die Sängerinnen und Sänger erhielten allerdings begeisterten Schlussapplaus, der auch die Herrenstatisterie der Oper Stuttgart mit einschloss. 

 Alexander Walther

 

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