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STUTTGART/ Theaterhaus: GAUTHIER DANCE „AFTER EIGHT“

09.03.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Gauthier Dance Stuttgart (Theaterhaus) „AFTER EIGHT“ 8.3. 2o12(Premiere 7.3.) – Weiter auf Erfolgskurs:


Eric Gauthier – Erfolg als Direktor, Choreograph und Tänzer. Copyright: Maks Richter

Lange im voraus ausverkaufte Vorstellungen, Zusatztermine, große Begeisterung und lang anhaltende stehende Ovationen von einem bunten Publikum aller Generationen – der enorme Erfolg der von Eric Gauthier vor fünf Jahren gegründeten Tanz-Kompanie ist unbeschreiblich und fast zu schön um wahr zu sein. Entsprechend motiviert sind der rührige, stets mit einer launigen Ansprache vors Publikum tretende Kanadier und seine zehn Tänzerinnen und Tänzer, was sich wiederum in Darbietungen niederschlägt, in denen die stark individuell geprägten Tanzkünstler spü0und Seele bei der Sache sind. Diese Fakten in Verbindung mit auf anspruchsvoll unterhaltsame Weise behandelten Themen und Geschichten bewirken wohl den so breit auf die Zuschauer überspringenden Funken.

So auch jetzt bei dem eigens für die über 35000 Mitglieder starke Stuttgarter Kulturgemeinschaft zusammengestellten Programm, das außer einer Uraufführung einen Querschnitt durch das bisherige Repertoire der Kompanie bietet. War hinter dem Titel „After Eight“ gemäß dem bisherigen Verlauf zunächst ein Abend mit acht Stücken zu vermuten, so bezog er sich letztendlich auf die Beginnzeit nach 8 Uhr, genauer gesagt 20.01 Uhr! Von den sieben gezeigten Choreographien sind fünf vom Chef selbst, so dass beinahe von einem Gauthier Special die Rede sein könnte.

Nach dem traditionellen japanischen Schlaginstrument „TAIKO“ hat er sein neuestes Werk benannt, in dem das Männer-Trio William Moragas, Rosario Guerra und Florian Lochner in weiten schwarzen Hosen und freien Oberkörpern seine ganze Energie entfacht, in dem es mit Holzstäben in Richtung der symbolisch aufgehängten Instrumente im Rhythmus des von Stephan M. Boehme komponierten Trommelgewitters schlägt. Selbst diese kraftgeladene Aktion ist noch in klassisch grundiertes Ballett-Vokabular verpackt – eine Staunen machende und wirkungsvolle Kombination.

Zu Gauthiers voll überzeugenden Schöpfungen gehört auch das Duo „PUNK LOVE“, in dem Garazi Perez Oloriz und Armando Braswell  zu einschneidend metallischen Klängen (ebenfalls von Boehme) Tattoos als Statuszeichen zwischen liebevoller Kunst und Verstörung in rasantem Tempo huldigen.

Die Demonstration der 101 Positionen des klassischen Balletts bis zur körperlichen Explosion („BALLET 101“) zu verfolgen, sorgt immer wieder für Bewunderung, aber auch gute Laune, zumal wenn es mimisch so humorvoll exerziert wird wie von Rosario Guerra.

Die Fortsetzung seiner als dreiteiliger Zyklus im Januar gestarteten „PIANO PARTICLES“ wirbelte die physikalischen Elemente zu weiteren wissenschaftlichen Erläuterungen der Kraftgesetze in diesem zweiten Abschnitt noch mehr auf, auch weil die wieder von den Komponisten Steffen Wick und Simon Detel live am Piano gespielte und per Synthesizer rhythmisch und klanglich verarbeitete Musik diesmal zu größeren Wogen anschwoll. Wie fremdbestimmt durchmessen die vier Tänzerinnen und vier Tänzer den Raum und lassen sich durch die dramaturgisch eingesetzten Lichtkreise und –schneisen verfolgen, ehe sie am vorläufigen Schluss harmonischer zusammenfinden.

Das Machtspiel zwischen Dirigent und Musikern in „ORCHESTRA OF WOLVES“ hat auch nach mehrmaligem Sehen nichts von seinem spannenden Vergnügen verloren. Wie hier das pochende Schicksal von Beethovens 5. Sinfonie körperlich umgesetzt wird, indem die Instrumentalisten den sich als zu leichter und gutmütiger Vogel entpuppenden Orchesterleiter  regelrecht rupfen, mag er auch noch so sehr seinen zum Fechtmittel auswachsenden Dirigentenstab einsetzen, verblüfft bei aller ernsten Gefahr durch Pointenreichtum.

Ein interessanter Vergleich ergibt sich zu Paul Lightfoot & Sol Leons „SUSTO“, wo eben dieselbe Schicksalsmusik die Kulisse für ein Spiel gegen die (ab)-laufende Zeit bildet und sich zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer nach vergeblichem Widerstand mit der unerbittlich rinnenden Sanduhr abfinden, wobei die im Licht entstehenden Staubwolken der leichten Gischt einer Wasserfontäne ähneln.

Dass sich neben allen diesen Kreationen „THE OLD MAN AND ME“, der dreiteilige Versuch der Wiederannäherung eines reifen Paares, als geschlossenstes Gesamtkunstwerk erweist, zeigt ganz zu Recht, dass hier eben ein erfahrener Meister wie Hans van Manen steckt, dessen 80 .Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Und dass Eric Gauthiers riesiger Erfolg im Prinzip noch mehr in seiner charismatischen Tänzerpersönlichkeit als in seinen choreographischen Qualitäten begründet liegt. Speziell dieses Duo hat van Manen nicht ohne Grund an kaum eine andere als die seine und nun an Gauthier vergeben, obwohl er für die Rolle eines 60jährigen noch viel zu jung ist. Doch bei ihm genügen ein Blick, ein Schritt, um die Situation glaubhaft zu erfassen, und dasselbe gilt auch für seine Partnerin Anna Suheyla Harms, die jüngst zum Ensemble gekommene Australierin, bei der Erscheinung, Charakter und Ausdruckskraft hinreißend verschmelzen.

Udo Klebes

 

 

 

 


 

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