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STUTTGART/ Studiotheater: IM AUSNAHMEZUSTAND von Falk Richter

01.02.2016 | Allgemein, Theater

EINE SCHWIERIGE UTOPIE

Falk Richters Stück „Im Ausnahmezustand“ am 3. Februar 2016 im Studiotheater/STUTTGART

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Sebastian Schäfer, Barbara von Münchhausen. Copyright: Daniela Aldinger

Glück und Ängste bestimmen hier das Lebensgefühl hinter den Mauern von „Gated Communities“ in sich abgeschlossenen Wohnquartieren für zumeist Bessergestellte. Hannan Ishay (Ausstattung: Julia Kopa) hat dieses beklemmende Stück von Falk Richter als Kammerspiel zwischen Vorhängen und einer erhöhten Bühnendekoration durchaus eindrucksvoll inszeniert. Als ungewöhnliche Familie erscheinen dabei Frau, Mann und Kind. Sie leben in einer sicheren Siedlung, in einem sicheren Land und Kontinent. Alle wollen dort hinein, es entstehen riesige Schlangen vor dem Tor.

Die von Barbara von Münchhausen subtil dargestellte Frau ängstigt sich. Sie erkennt ihren Mann (mit stoischer Ruhe: Sebastian Schäfer) nicht wieder: „Irgendetwas ist anders mit dir. Das bist nicht etwa du, der das Tor offen lässt nachts?! Ich will keine Angst haben.“ Hier wird die Geschichte einer katastrophalen Utopie des Familienlebens in bestürzender, aber auch satirischer Weise erzählt.

Dafür sorgt vor allem auch Johannes Wieczorek, der für das Vorprogramm zuständig ist und die Arie des Sarastro „In diesen heiligen Hallen“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ anstimmt. Das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohtheit nimmt bei dem Ehepaar von Stunde zu Stunde zu, zumal sich ihm auch der eigene Sohn (packend dargestellt von Florian Wilhelm) immer wieder bedrohlich nähert: „Was willst du?!“ Die Umwelt wird dabei von den Bewohnern als feindlich erlebt, die eigene Realität muss verschlossen bleiben. Das ist ein Aspekt, den die Inszenierung plastisch verdeutlicht. Ressentiments, Wut und Hass vermischen sich mit extremer Anspannung der Glücklichen, die einen Arbeitsplatz bekommen haben. Bei Verlust des Arbeitsplatzes kann man sogar aus der Siedlung hinausgeworfen werden. Der Sohn rebelliert hier schließlich gegen die Eltern auf, die ihn am Fortgehen hindern wollen. Er reisst die Vorhänge herunter, verlangt Geld von seinem Vater. Es gelingt den Eltern nicht, ihr Kind zu bändigen und zu beruhigen. Philosophische Gespräche über Platon und Sokrates helfen der Familie auch nicht weiter. Das Leben in ewiger Angst zermürbt die sozialen Kontakte des in sich selbst gefangenen Ehepaares, was Barbara von Münchhausen und Sebastian Schäfer plastisch verdeutlichen. Die Dialoge gewinnen im Laufe des Abends immer mehr an Präsenz –  insbesondere bei den Wutausbrüchen der Frau: „Das ist nicht mehr mein Mann!“ Sie macht ihm Vorhaltungen, dass er es nicht mehr schaffe. Andere würden schon auf seinen Job warten.

Niemand kann zuletzt überhaupt noch sagen, wann das Leben hier begonnen hat. Tatsachen und Träume sind nicht mehr voneinander zu trennen, Wahrnehmungen und Behauptungen vermischen sich in unheimlicher Weise. Wenn Johannes Wieczorek als geheimnisvoller Fremder etwa einen Apfel isst, dröhnt dieses Geräusch Barbara von Münchhausen als Frau in unglaublicher Lautstärke und Intensität in den Ohren. Dadurch wachsen die Sorgen und Nöte ins Unermessliche. Die Frage steht schließlich im Raum, ob es überhaupt eine Wahrheit gibt. Welche Wirklichkeit entspricht der Wahrheit? Das Stück endet in der völligen Ratlosigkeit des Ehepaares. Das 2007 uraufgeführte Werk zeigt die Verunsicherung der Gesellschaft als bewegendes Kammerspiel.

Alexander Walther     

 

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