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STUTTGART/ Studiotheater: BETON von Thomas Bernhard . „Eine unglückliche Frau“

25.01.2014 | KRITIKEN, Theater

Beton“ von Thomas Bernhard im Studiotheater Stuttgart. EINE UNGLÜCKLICHE FRAU. 24.1.2014

„Beton“ von Thomas Bernhard am 24. Januar 2014 im Studiotheater

In der facettenreichen Inszenierung des israelischen Regisseurs Hannan Ishay (Ausstattung: Paul Lerchbaumer) wird der Roman „Beton“ von Thomas Bernhard in der Ich-Persepktive erzählt und unter den drei Schauspielern Barbara von Münchhausen, Boris Rosenberger und Sebastian Schäfer durchaus virtuos aufgeteilt. Der innerlich aufgewühlte Erzähler versucht hier seit mehr als einem Jahrzehnt, eine Arbeit über Mendelssohn Bartholdy und andere Komponisten zu schreiben. Er trägt deswegen Unmengen von Material zusammen, scheitert aber schon am Anfangssatz. Die für Bernhard typische monomanische Thematik von Verstörung, Untergang und Tod findet auch hier recht drastisch ihren Niederschlag. Die Gedanken an den Besuch seiner Schwester steigern sich zum Verfolgungswahn. Er glaubt, dass ihm die erfolgreiche Maklerin die Arbeit zerstören will. Er flüchtet nach Mallorca und lernt dort die junge Anna kennen, die für ihn wie Beton ist: „Tatsächlich richten wir uns an einem noch unglücklicheren Menschen sofort auf.“ Musik, Tod, Geschwister-Hass-Liebe kreisen dabei um den unfreiwilligen Einzelgänger dieses schwieirgen Romans, der mit seinen Gedanken völlig alleine ist: „Die Frage ist eigentlich nur, wie wir möglichst schmerzfrei den Winter überstehen. Und das noch viel grausamere Frühjahr…“

Die um sich selbst kreisenden Tiraden werden von der Schauspieltruppe auch rhythmisch passend umgesetzt. Die ständige Angst vor der Schwester lähmt dabei die Körperbewegungen. Das wirkt oft unfreiwillig komisch. Schließlich möchte sich der Protagonist von seiner Schwester befreien – was auf dem beengten Raum dieser Inszenierung unmöglich ist. Dieses Gefühl der Platzangst inszeniert der Regisseur Hannan Ishay voller Emotionen und Intensität. Zuletzt wird sogar dem Hund die Existenzberechtigung abgesprochen – Tierliebe habe sogar Weltkriege verursacht. Hier treibt die Inszenierung Bernhards grausam-absurde Welt auf die Spitze. Bücherberge werden zum Alptraum, Weingläser benutzt man als Ventil für psychische Probleme. Zum Höhepunkt dieser Inszenierung wird jedoch der Auftritt der von Ulrike Rindermann voller Ausdrucksreichtum gemimten Anna, die den tödlichen Unfall ihres Mannes nicht verkraftet und selbst daran zugrunde geht. Zuvor hat sie auf den Grabstein auch ihren Namen geschrieben. Mit drastischen Lichteffekten geht diese Szene unter die Haut. Thomas Bernhard wächst über sich selbst hinaus, zeigt Gefühl für seine Figuren. Und Ulrike Rindermann vermag das in bewegender Weise über die Rampe zu bringen. Danach sterben die Figuren in der zunehmenden Dunkelheit. Der Regisseur hat diesen bedeutenden Roman Bernhards erstmals für die Bühne bearbeitet. Er hat bereits für die „Wiener Festwochen“ inszeniert und arbeitet zum ersten Mal für das Studio Theater.

Alexander Walther

 

 

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