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STUTTGART/ Staatsoper: TOSCA – und schließlich war es die Fünfte!

Staatsoper Stuttgart

„TOSCA“ 10.2.2021 – und schließlich war es die Fünfte!

Die Besetzung der Titelrolle dieser Vorstellung kam auf mehreren Umwegen zustande, weshalb Opernintendant Victor Schoner zur Erklärung vor den Vorhang trat. Viele hatten auf die ursprünglich für diese ganze Serie vorgesehene Catherine Naglestad (sie bestritt bereits die Premiere 1998) gewartet, doch die hier einst zum Publikumsliebling gereifte Sopranistin hat sich wohl in die USA zurück gezogen und meidet vorläufig weite Reisen. Als Ersatz war zunächst die bislang besonders als Salome gepriesene Newcomerin Elena Stikhina gemeldet – Probleme mit Reisedokumenten verhinderten aber offensichtlich ihre Mitwirkung. Daraufhin wurde mit Malin Byström eine Lösung gefunden, für diese eine Vorstellung gab es jedoch Terminüberschneidungen. Danach war auf der Homepage der Staatsoper Maria Agresta genannt, die eine Aufführungsserie im letzten Herbst bestritten hatte. Als ob dieses wiederholte Pech das künstlerische Betriebsbüro nicht schon genügend Nerven gekostet hätte, schlug diesmal das Pech in Form einer Erkrankung zu. Am Vortag schließlich löste sich das Problem in Gestalt von Carmen Giannattasio aus Neapel als rettendem Engel.

Die als Tosca international gefragte Italienerin hatte auch mit einer Reihe von Einspielungen diverser Belcanto-Raritäten auf sich aufmerksam gemacht. Erfahrung mit diesem Repertoire fließt hörbar auch in ihre Herangehensweise bei Puccini ein, so dass wir es mit einer bei aller geforderten expressiven Vehemenz sehr kultiviert phrasierten Wiedergabe zumal in den lyrischen Momenten zu tun haben. Ihr nicht auffallend individueller, aber farblich gut gemischter Sopran bewegt sich bruchlos durch die Register, das ihr in fülligen Tiefen, einer tragenden Mittellage bis hin zu schlackenlosen, genau ins Mark treffenden Spitzentönen ohne Einschränkungen zur Verfügung steht. Die sich jedes Mal aufs Neue als dankbar repertoiretauglich erweisende Inszenierung von Willy Decker in den schlichten Bühnenräumen und historisch angenäherten Kostümen von Wolfgang Gussmann ermöglichte es ihr auch mit situationsbedingt kurzer Probeneinweisung ihre persönliche Gestaltung einzubringen, die sich an einigen Schlüsselstellen wie der Auseinandersetzung mit Scarpia, dessen Ermordung und anschließendem Verzeihen sowie dem finalen Selbstmord-Entschluss spontan bemerkbar machte. Bei letzterem setzte sie nicht vehement zum Sprung an, schien eher noch kurz abzuwägen, wodurch eine Verzögerung zum einkomponierten Fall entstand. Doch was solls, es war trotzdem spannend.

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Lucio Gallo. Foto: Martin Sigmund

Nachdem er die besuchte Vorstellung im Herbst nicht singen konnte, kam es jetzt doch noch zur Begegnung mit Lucio Gallo. Sein Scarpia unterstreicht ganz klar den Baron und ist betont herrisch angelegt, weniger raffiniert in der Kombination von Verführungskunst und abstoßender Bösartigkeit. In erster Linie lässt er seine Umgebung durch seinen unermüdlich zuverlässig, druckfrei, kernig, vollmundig und speziell bei den perfekt sitzenden Höhenausbrüchen sehr offen geführten hellen Bariton erzittern.

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Martin Muehle. Foto: Martin Sigmund

Nach der erneuten Absage von Ivan Magri gelang es wie schon im Herbst Martin Muehle als Cavaradossi zu gewinnen. Der Brasilianer müsste hinsichtlich seines vokal attraktiven Materials, das er technisch bestens fundiert mit viel Gefühl und geschmackvoller Phrasierung, genau und strahlkräftig sitzenden Hochtönen einsetzt, sowie seiner hier ideal der Rolle anstehenden Künstler-Erscheinung inzwischen bis an die bedeutendsten Bühnen reichendes Renomée genießen anstatt immer noch als Geheimtip gehandelt zu werden.

Unter den Randfiguren ist Heinz Göhrigs Spoletta nach wie vor eine schillernde Charakterstudie mit ebenbürtiger tenoraler Ausstattung. So maßgeblich die drei Protagonisten den Gehalt einer ganzen Aufführung bestimmen, so sehr kann der Dirigent doch auch Wesentliches beeinflussen. Killian Farrell, der sich als Assistent des GMDs Cornelius Meister erstmals vor Kurzem mit Prokofieffs „Liebe zu drei Orangen“ sehr gewinnbringend präsentiert hatte, reizt auch bei Puccini alles aus, was diese stimmungsmalerische Partitur hergibt. Da wird seitens des Staatsorchesters Stuttgart einerseits mit viel Liebe zum Detail gemalt und andererseits in den Ausbrüchen rhythmisch exakt zugepackt, ohne die Sänger in Bedrängnis zu bringen. Farrell atmet genau mit ihnen, was sich besonders bei der eingesprungenen Tosca auffallend vorteilhaft bemerkbar machte. Warum er bei sonst wohl abgewogenen Tempi ein auch dank des Staatsopernchors Stuttgart gewaltig im Raum stehendes Te Deum so überstürzt mit sich überschlagenden Tutti-Akkorden zu Ende brachte, dass die Musik noch vor dem szenischen Ende abschloss, irritierte umso mehr. Was er damit wohl beabsichtigt hat?

Alles in allem war diese 122. Vorstellung ein an- und aufregendes Erlebnis, das doch etwas stärkere und längere Begeisterung erwarten ließ als dann tatsächlich erfolgt war.

  Udo Klebes

 

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