Staatsoper Stuttgart
RIGOLETTO
Vorstellung am 21. Juli 2025
– im Gedenken an Beate Ritter
Opernintendant Victor Schoner begrüßte das Publikum – nicht um eine Indisposition oder gar Umbesetzung anzukündigen, sondern um an die im Juni mit nur 41 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorbene Sopranistin Beate Ritter zu erinnern, die seit 2018 als einer der leuchtenden Sterne das Ensemble der Staatsoper bereicherte und ganz besonders als Gilda, mit der sie damals auch ihren bejubelten Einstand feierte, Maßstäbe gesetzt hat.
Ihr diese Wiederaufnahme-Vorstellungen vor der Sommerpause gedenkend zu widmen, zeugt von einem menschlich intakten Klima am Haus, und war für Claudia Muschio sicher ein ganz besonderer Ansporn für ihr Gilda-Debut. Die aus dem Opernstudio hervor gegangene Italienerin machte sich die Partie ganz nach ihren stimmlichen Möglichkeiten zu eigen, indem sie auf ihre Stärken setzte – eine tragfähig durchgebildete Mittellage und Tiefe sowie einen durch ihr dunkel leuchtendes Timbre unterstützt reizvollen Obertonreichtum. Blühende Lyrismen und für sie optimal gesetzte Koloraturen bestimmen ihr Schwärmen für den armen Studenten Gualtier Maldé, herzhaft und schon dramatische Züge tragende Intensität ihr Beharren auf ihm wie auch ihren Opferwillen. Kluheit beweist sie hinsichtlich manchmal gehörter interpolierter Spitzentöne in einer gewissen Komfortzone zu bleiben anstatt sich mit Gewalt etwas abzutrotzen. Alles in allem eine gelungene Premiere!
Der andere Rollen-Debutant ist der so gut wie nur mit dem deutschen Fach assoziierte Martin Gantner, weshalb seine Ankündigung als Rigoletto zunächst verwunderte. Er wußte jedoch das häufige Schubladen-Denken wegzuwischen und mit einer ganz auf ihn abgestimmten vokalen und interpretatorischen Durchdringung als Gesamtpaket nicht nur zu überzeugen, vielmehr mit Stimmfülle und Flexibilität zu überraschen. Seinem hellen Bariton fehlen zwar für manche Passagen die baritonale Grundierung und Wärme sowie farbliche Nuancierung, doch kann er das mit differenzierter Tongebung und erfreulich weichem Legato-Einsatz ausgleichen. Seine Darstellung trifft eine spannungsreiche Mitte zwischen zynischem Narren und liebendem Vater, der manchmal vor seiner eigenen frechen Zunge zu erschrecken scheint, wie gelähmt verharrt und am Ende mit der toten Tochter total überfordert ist.
Atalla Ayan sorgte als strahlend emphatischer Duca mit lockerer Führung seines Belcanto geeichten kräftigen Tenors für Feuer und steigerte sich im dritten Akt noch zu einem blendend ausgekosteten „La donna e mobile“ und einem betörend phrasierten „Bella figlia dell’amore“. Ein Glücksfall, dass der Brasilianer dem Haus trotz seiner Meriten schon so lange treu geblieben ist.
Adam Palka repräsentierte als Sparafucile wieder das Ideal dieses Berufskillers aus bass-gesättigter und eindringlich finsterer Präsenz. Itzeli del Rosario lockt als dessen Schwester Maddalena mit verführerisch schmelzreichem Mezzosopran potentielle Opfer ins Haus. Alekasander Myrling sendet seine Flüche als Conte di Monterone markerschütternd ins Haus, wobei sein voluminöser gewordener, noch des Feinschliffes bedürfender Bass durch seine zentrale Position in der Mittelloge unterstützt wird. In den kleineren Rollen durchweg adäquate Leistungen: Joseph Tancredi (Borsa), Jacobo Ochoa (Marullo), Rosario Chavez (Giovanna), Elena Salvatori (Contessa di Ceprano), Shunya Goto (Conte di Ceprano), Nicolas Calderón Bosom (Page) und William David Halbert (Gerichtsdiener). Die Herren des Staatsopernchors (Einstudierung: Bernhard Moncado) leben ihren Spaß als Höflinge mit voller Sangeslust und wieder etwas überbetont orgiastischen Neigungen aus, die ihnen die Regie von Jossi Wieler und Sergio Morabito im erfreulich handlungstragenden Bühnenbild (Bert Neumann) und rollendeckenden Kostümen (Nina von Mechow) vorgibt.
Der Impuls der sich zum Schluss hin immer mehr steigernden Stimmung im Haus ging auch von Andriy Yurkevych temperamentvoller, die Solisten kontinuierlich stringent führender Leitung aus. Diese Inspiration übertrug sich auch auf das Staatsorchester Stuttgart, das Verdis fortschrittliche Errungenschaften sowie einige Höhepunkte der Partitur effektiv auf den Punkt brachte.
In fast südländischer Begeisterung mit chorischen Ovationen endete diese somit ehrenvolle Gedenk-Vorstellung.
Udo Klebes