Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY – ein differenziertes Seelendrama

23.12.2014 | Allgemein, Oper

Stuttgart/ Staatsoper: „Madame Butterfly“ von Puccini in der Stuttgarter Staatsoper. EIN DIFFERENZIERTES SEELENDRAMA

Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ am 22. Dezember 2014 in der Staatsoper Stuttgart

32533_09_madame_butterfly_wa_2014_15_c_a.t._schaefer____12.14_37
Karine Babajanyan. Foto: A.T.Schäfer

 Obwohl das japanische Kolorit hier in der subtilen Regie von Monique Wagemakers nicht im Mittelpunkt steht, vermag diese Inszenierung den Kern der japanischen Tragödie gut zu erfassen. Die stimmlich sehr wandlungsfähige und zu großen Differenzierungen fähige, ausgezeichnete Sopranistin Karine Babajanyan kann als Cio-Cio-San das Publikum sofort für sich gewinnen. Sie steht auch mit dem Brautkleid wie verloren auf der riesigen, kahlen Bühne, auf der in geisterhafter Entfernung imaginäre Personen zu schweben scheinen. Karl Kneidls Bühne zeigt ein karges Seelengerüst, das aber für nuancenreiche Personenkonstellationen reichen Platz lässt. Ludivine Petit hat diesen Aspekt bei der szenischen Einstudierung der Wiederaufnahme berücksichtigt. Silke Willretts Kostüme machen auf die Kontroverse einer Kultur mit einer anderen Kultur aufmerksam. Und die Regisseurin Monique Wagemakers zeichnet Cio-Cio-San als eine Frau, die sich zu sehr für Leutnant Pinkerton (voluminös: Rafael Rojas) entschieden hat. So hat sie keine andere Wahl mehr, es entstehen keine weiteren Zwischenräume und die Situation spitzt sich gnadenlos zu. „Butterfly“ Cio-Cio San hat eine große Verletzung durch den Tod ihres Vaters erlitten, der sich auf Befehl des Kaisers umbringen musste. Sie sieht in Japan keine Perspektive mehr und richtet ihre ganze Konzentration auf Amerika. Deswegen möchte sie Pinkerton unbedingt heiraten. Sie hat als Geisha ihre Würde verloren und wird von ihrer Sippe brutal verstoßen. Diese Szene gehört zum dramatischen Höhepunkt dieser Aufführung: Mark Munkittrick als Priester und Onkel Cio-Cio Sans sowie ihr weiterer Onkel Yakuside (auch mit robuster Stimme: Daniel Kaleta) treiben einen niedersausenden gesellschaftlichen Keil zwischen die Menschen. Monique Wagemakers möchte Cio-Cio San nicht als sentimentales Opfer, sondern als starke Frau schildern, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Aufgrund der schlichten Bühnenausstattung konzentriert man sich automatisch fast ausschließlich auf die handelnden Personen, was auch ein Vorteil sein kann. Das Kind (Sunna Koenen) ist bei dieser Inszenierung eigentlich gar nicht vorhanden und wird erst zum Schluss auf einer durchsichtigen riesigen Leinwand ganz präsent. Diese Schluss-Szene ist der Regisseurin überhaupt am besten gelungen, da gewinnt die szenische Aktion Größe. Auch die Blumenszene mit ihrer Dienerin Suzuki (hervorragend: Helene Schneiderman) erschüttert das Publikum ungemein, denn die beiden Frauen wachsen nicht nur beim berühmten „Blumenduett“ ganz zusammen. „Butterflys“ Abschied von Land und Heimat wird hier besiegelt. Suzuki gibt sich fast selbst auf, um Cio-Cio San in ihrer Verzweiflung zu trösten – denn „Madame Butterfly“ muss erkennen, dass sie von Leutnant Pinkerton wegen dessen Frau Kate (eher undurchsichtig: Pia Liebhäuser) verlassen wurde. Kate Pinkerton wird sogar als sensationsgierige Person dargestellt, die es nur darauf abgesehen hat, ihre Rivalin Cio-Cio San in ihrem seelischen Elend mit der Kamera zu filmen. Cio-Cio San ist aufgrund ihrer Einsamkeit und ihres Verlassenwerdens durch Pinkerton eigentlich total verrückt geworden, vernachlässigt sogar das Kind und unterdrückt krampfhaft ihre Ängste und ihre Verzweiflung. Karine Babajanyan ist es bei der oftmals beklemmenden Aufführung in fesselnder Weise gelungen, den von Michael Ebbecke fulminant verkörperten amerikanischen Konsul Sharpless abzuweisen, der sie vergeblich beschwört, den Heiratsantrag des reichen Fürsten Yamadori (mit sonorem Tenor: Dominik Große) anzunehmen, um Pinkerton endlich zu vergessen. Der Empfang Yamadoris durch Cio-Cio San ist bei der Inszenierung grotesk, sie macht ihn lächerlich. Das Kind sieht seinen Vater zuletzt nur noch auf dem Fernsehbildschirm. Die Menschen haben sich entfremdet. Obwohl die kahle Bühne visuell ein Gefühl der inneren Leere hinterlässt und man sich oftmals ein noch stärkeres szenisches Leben gewünscht hätte, dominieren doch immer wieder die starken Lichteffekte, die den Betrachter nicht mehr loslassen (Dramaturgie: Klaus Zehelein). Insbesondere wird der sich auffaltende Himmel zu einer unmittelbaren Botschaft des folgenden Freitodes von „Madame Butterfly“. Unter der sehr impulsiven und präzisen Leitung von Giuliano Carella musiziert das Staatsorchester Stuttgart wie aus einem Guss. Insbesondere die Blechbläser ragen bei der letzten Szene imponierend hervor. Da ist Puccini dann ganz der geborene Musikdramatiker. Die Kraft der japanischen Melodie und der Zauber impressionistischer Harmonik werden sehr gut getroffen. Holzbläser, Harfe und Glocken begleiten Butterfly sehr dezent bei ihrer Ankunft mit dem Gefolge. Kurze melodische Momente lockern das musikalische Geschehen wiederholt beträchtlich auf, wobei Giuliano Carella nie den Überblick für den gesamten Spannungsbogen verliert. Außerdem gestaltet er mit dem Orchester die Intervallspannungen mit glühender Intensität und schillernder Farbigkeit. Die Klänge der pentatonischen Leiter werden ausgesprochen geheimnisvoll gedeutet – das Staatsorchester Stuttgart musiziert dabei mit einer erstaunlichen Durchsichtigkeit und geradezu sphärenhaften Leichtigkeit. Bitonale Passagen und Vorhaltsakkorde zeigen ein exotisches Flair, alles gerät in fließende Bewegung und reisst die Zuhörer mit. Die tragische Katastrophe mit der dem h-Moll-Akkord zugefügten Sexte G besitzt bei dieser Wiedergabe eine große Wucht. Das Unisono des gesamten Orchesters zeichnet das pentatonische Thema zuletzt mit gnadenloser Härte nach. Die japanische Tempelmusik entfaltet ihre ganze Macht. Überzeugend ist bei dieser Produktion aber auch der Staatsopernchor unter der Leitung von Christoph Heil – und dies nicht nur beim Summchor als Ausklang des Mittelaktes. Das Warten steigert sich bis zur Unendlichkeit. Giuliano Carella arbeitet diese „unendlichen“ Passagen mit dem Staatsorchester sehr einfühlsam heraus. So kann man die konsequente harmonische Fortschreitung in der Basslinie und der Akkordsubstanz gut nachvollziehen. Und die Veränderung des „Butterfly“-Themas in Melodieführung und harmonischer Basis lässt sich so am besten wahrnehmen. Auch zarteste Stimmungsakzente werden nicht verleugnet. In weiteren Rollen gefallen Heinz Göhrig als Goro, Nakodo, Siegfried Laukner als kaiserlicher Kommissar, Yehonatan Haimovich als Standesbeamter, Teresa Smolnik (Mutter Cio-Cio Sans), Noriko Kuniyoshi (die Tante) und Larisa Bruma (die Kusine). Ovationen erhielt vor allem Karine Babajanyan für ihre phänomenale Leistung als „Butterfly“, denn bei ihr verschmelzen darstellerische und stimmliche Genauigkeit zur Einheit.          

 Alexander Walther

 

Diese Seite drucken