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STUTTGART/ Staatsoper: DER BARBIER VON SEVILLA

Hektik und Theaterdonner

08.12.2018 | Allgemein, Oper


Petr Nekoranec (Almaviva) und Jarrett Ott (Figaro). Copyright: Martin Sigmund/ Oper Stuttgart

„Der Barbier von Sevilla“ am 7. Dezember 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

HEKTIK UND KANONENDONNER

 Zur Entstehungszeit des „Barbiers von Sevilla“ war der 24jährige Gioacchino Rossini schon ein berühmter Opernkomponist. Witz, Charme und Esprit prägen auch die Inszenierung von Beat Fäh, wo die Protagonisten nach und nach den Instrumentenkästen entsteigen. Die Elemente der Commedia dell’arte spielen bei dieser spritzigen Aufführung natürlich ebenfalls eine große Rolle. Dusselige ältere Herren verlieben sich wie selbstverständlich in schöne junge Damen, die ihnen die Köpfe verdrehen.

Im Zentrum des Geschehens steht bei dieser in jeder Hinsicht gelungenen Produktion die grandiose Mezzosopranistin Diana Haller, die als gewiefte Rosina das Publikum mit ihren in kontrapunktischen Höhenflügen geradezu schwelgenden Koloraturexplosionen völlig in ihren Bann zieht. Als Mündel des schrullenhaften Doktors Bartolo (mit des Basses Grundgewalt: Matthew Anchel) wird sie von Musikanten geweckt, die mit ihren Arabesken und Kantilenen auf Ersuchen des Grafen Almaviva (mit strahlkräftigem Tenor: Petr Nekoranec) das schöne Mädchen wecken. Bald wechselt die schwarze Kulisse in eine rote Aura, was fast einer optischen Täuschung gleichkommt. Bühnenbild und Kostüme von Volker Pfüller weisen auf M.C. Eschers Konstruktionen hin. Es könnte ein Aussichtspavillon in einer norditalienischen Landschaft sein. Holzschnitt, Holzstich und Lithografie lassen grüßen. Die Motorik des Stückes wird bei dieser Inszenierung nie außer Acht gelassen, zumal letztendlich sogar die Musiker die Bühne betreten, um zu musizieren.

Der klangfarbenreiche, strahlkräftige Tenor Jarrett Ott brilliert hier als Figaro bei seiner Kavatine „Ich bin das Faktotum der schönen Welt“ in tausend Farben. Der Graf vertraut ihm allerdings an, dass er Rosina zu seiner Frau machen möchte. Im Inneren des wie ein seltsames Labyrinth wirkenden roten Hauses klagt Rosina über ihre Gefangenschaft: „Frag ich mein beklommnes Herz“. Durch Rosinas Musiklehrer Basilio (mit ebenfalls leuchtendem Bass: Adam Palka) erfährt Bartolo (der selbst an Rosina interessiert ist), dass Graf Almaviva Rosina nachstellt. So nehmen die Irrungen und Wirrungen bei dieser turbulenten Inszenierung ihren rasanten Lauf. Basilio möchte den unerwünschten Nebenbuhler durch Verleumdung loswerden: „Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen„. Adam Palka gelingt hier das Kunststück, den vielschichtigen Charakter des Basilio mit voluminösen Kantilenen bloßzustellen. Der Kanonendonner geht durch Mark und Bein. Bartolo ist nun der Überzeugung, dass gegen ihn intrigiert wird. Im zweiten Akt treibt Beat Fäh das szenische Verwirrspiel in raffinierter Weise weiter auf die Spitze. Almaviva gibt nicht auf und sucht nach einer neuen List, was Rosina schließlich fast zur Verzweiflung treibt. Als Vertreter des angeblich erkrankten Basilio erscheint er im Hause Bartolos, um Rosina Gesangsunterricht zu erteilen. Doch in dem Augenblick, wo Figaro dem Doktor den Bart rasieren will, tritt der krank geglaubte Basilio ins Zimmer. Die Enttarnung der Intrige verursacht bei dieser von Philine Tiezel souverän geleiteten Wiederaufnahme ein unglaubliches Tohuwabohu, dessen Unübersichtlichkeit gar nicht mehr aufzuhalten ist. Zwischen Hektik und Gewitter steigen der Graf und Figaro auch noch ins Haus ein, um Rosina zu entführen. Schließlich bekommt Graf Almaviva Rosina doch noch zur Frau.


Das gesamte Ensemble. Copyright: Martin Sigmund/ Oper Stuttgart

Musikalisch ist die Aufführung ebenfalls ein absoluter Leckerbissen. Dafür sorgt vor allem auch der unsichtige Dirigent und Rossini-Spezialist Antonino Fogliani, der die thematischen Zusammenhänge dieses Werkes in raffinierter Weise entschlüsselt. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen, zumal das Staatsorchester Stuttgart mit Grandezza aufspielt. Der mediterrane Geist wird hier erfolgreich beschworen, auch die Ostinato- und Crescendo-Passagen gelingen immer vortrefflich. Antonino Fogliani lässt das Staatsorchester Stuttgart mit einer geradezu berückenden Leichtigkeit und Leuchtkraft musizieren. Der unvergleichliche Charme der Allegro-Ouvertüre wird hier facettenreich beschworen, auch Mozarts „Figaro“-Thema meldet sich ganz versteckt. Atemlos und ungestüm wirkt das hereinbrechende Hauptthema, das sich in bester Weise entfalten kann. Und die lustige Melodie der Bläser reisst die Hörer hier sofort mit. Grazie und Schwung überträgt sich auch im Nu auf die weiteren Sänger Jasper Leever als Almavivas Diener Fiorello, Catriona Smith als Bartolos alte Haushälterin Berta, Stephan Storck als Offizier und Gerd Barteit als Notar.

Das sind Sänger, denen Rossinis umwerfend komische und gewitzte Musik sofort in Fleisch und Blut übergeht. Prickelnde Rhythmen und zündende Marschthemen beflügeln sie bei ihren Schnellsprech-Attacken, die sich zu hervorragender Brillanz und Schlagfertigkeit steigern. Stellenweise agieren die Protagonisten wie willenlose Marionetten, die Beat Fäh in ihrer Tollpatschigkeit gnadenlos bloßstellt. Dynamik und Dramatik des Werkes gehen so nicht verloren, sondern ergänzen sich in sinnvoller Weise gegenseitig. Rossinis Klangfülle, Feinfühligkeit und umwerfender Witz kommen auch bei den Herren des Staatsopernchores Stuttgart in der Einstudierung von Bernhard Moncado in ausgezeichneter Weise zum Vorschein. Man spürt dabei förmlich den Geist des Gourmets und Feinschmeckers Rossini, dessen Kochkünste als „Schwan von Pesaro“ auch im Alter sehr populär waren (Hammerklavier: Dorothea Schwarz).

Riesenjubel für das gesamte Team für diese opulente Aufführung (Dramaturgie: Peter Ross). 

Alexander Walther            

 

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