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STUTTGART/ Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS. Wiederaufnahme

03.06.2019 | Allgemein, Oper

 


Foto: A.T. Schaefer

 

Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ am 2. Juni 2019 in der Staatsoper/STUTTGART

Die Sprache der Leidenschaft

 Der Stuttgart-Bezug von Richard Strauss‘ Oper „Ariadne auf Naxos“ ist unübersehbar. Im Jahre 1912 wurde das „Kleine Haus“ der neu erbauten Königlichen Hoftheater in Stuttgart mit diesem Werk eröffnet. Auf diese besondere Verbindung zur Stuttgarter Oper nehmen die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito bei ihrer Produktion Bezug. In der Stuttgarter Inszenierung werden die beiden Teile in ihrer Entstehungsreihenfolge aufgeführt. Und dies mit ausdrücklicher Genehmigung der Rechtsnachfolger des Komponisten. Anna Viebrock zitiert auf der Bühne des Großen Hauses Elemente der im zweiten Weltkrieg zerstörten Uraufführungsstätte des Kleinen Hauses der Littmannschen „Doppelhausanlage“. Schwarz-Weiss-Fotografien und Farbskizzen aus dem Nachlass des Architekten ergänzen diesen Fundus.

Auf den Einakter „Ariadne auf Naxos“ folgt das „Vorspiel“, das so in mehrfacher Hinsicht zu einem interessanten Nachspiel wird – nämlich zu einer alptraumhaften Szene über die Situation der dem Markt preisgegebenen Künstler. Das Künstlerduo Richard Strauss/Hugo von Hofmannsthal hat die Koppelung der „Ariadne auf Naxos“ mit Molieres Ballettkomödie „Der Bürger als Edelmann“ im Jahre 1916 wieder gelöst. In dieser Form wurde das Werk im selben Jahr in Wien neu präsentiert. Das Haus des reichsten Mannes von Wien wird in all seiner Fin-de-siecle-Pracht opulent präsentiert. Während die von ihrem Geliebten verlassene Ariadne sich ihrem Schmerz hingibt, sind die drei Nymphen Najade, Dryade und Echo um Haltung bemüht. Ariadne wird auch von einer Gruppe ehemaliger Varietekünstler beobachtet – unter ihnen Zerbinetta und Harlekin. Zerbinetta schickt die Männer schließlich weg, um mit Ariadne alleine zu sein. So entsteht eine ungeahnte Nähe zwischen den beiden Frauen. Gleichzeitig erscheint der Jüngling Bacchus. In seinen Armen erfährt die verwirrte Ariadne ihre erneute Liebesfähigkeit – und Bacchus reift zum Mann.


Foto: Staatsoper Stuttgart/ Sigmund

Im Bühnenbild und den fantasievollen Kostümen von Anna Viebrock spielen Jossi Wieler und Sergio Morabito hier mit fantasievollen Metaphern. Der im zweiten Weltkrieg zerstörte Raum lebt wieder auf. Das hat auch etwas Melancholisches, das sich auf die Aufführung überträgt. Es ist ein Theater auf dem Theater. Die Inszenierung arbeitet aber auch die Überlebensmöglichkeiten und Fluchtmöglichkeiten aus dem Gefängnis der eigenen Psyche sehr deutlich heraus. Darin besitzt sie ihre besondere Stärke und ihren hohen künstlerischen Wert. Überhaupt gibt es in dieser Produktion nur ganz wenige szenische Schwächen. Dies betrifft die Umbauphase, die man vielleicht noch etwas mystischer hätte umsetzen können. Und doch gibt es auch hier einen roten Faden – nämlich den berühmten mythologischen „Faden der Ariadne“.  Dies zeigt sich vor allem dann, wenn der Raum unter der Regie des von TV-Talkmaster Harald Schmidt humorvoll gemimten Haushofmeisters schließlich total verändert wird. Ariadne und Zerbinetta spiegeln sich selbst, es entstehen unterschiedliche Hälften der Persönlichkeit im Rahmen der raffinierten Selbstbespiegelung. Dann verändern sich plötzlich die Hausfassaden – im Hintergrund nimmt man in einem Videofilm die Konrad-Adenauer-Straße vor dem Kammertheater und der Staatsgalerie in Stuttgart wahr. Enttäuschte Künstler übernehmen hier die Bestuhlung – sechzehn beschäftigungslose Sänger sind auf der Suche nach einer Oper. Sie reagieren mit Zynismus und Selbsthass auf ihre schwierige Situation. Das Vorspiel wird so zum Endspiel. In dem Stück wird die Ariadne-Oper eines jungen Komponisten demontiert.


Simone Schneider. Foto: Mathias Baus

Unter der einfühlsamen Leitung von Cornelius Meister musiziert das Staatsorchester Stuttgart hier ausgesprochen feinnervig. Richard Strauss wollte hier den „Wagnerschen Musizierpanzer“ ganz bewusst ablegen. Statt dessen triumphiert kammermusikalische Feingliedrigkeit. Die Sprache der Leidenschaft überträgt sich vor allem auf die Sängerinnen und Sänger. Und die kammermusikalische Durchsichtigkeit des Staatsorchesters besticht bei dieser überzeugenden Interpretation. Der Wechsel zwischen tragischem Pathos und ausgelassener Komik bis hin zu Commedia dell’arte-Einlagen ist unübersehbar und ausgesprochen reizvoll. Und der geschmeidige Parlandoton macht sich nicht nur bei den prachtvollen Kantilenen von Simone Schneider als Ariadne bemerkbar, sondern überträgt sich sogar auf die koloraturgespickten und äusserst filigranen Gesangskünste von Beate Ritter als Zerbinetta. So entstehen Klangfolgen, Arabesken und Kaskaden von geradezu überwältigender Fülle und mitreissender Klarheit. Die Terzette der drei Nymphen und das ekstatische Schlussduett von Ariadne und Bacchus (famos: David Pomeroy) erreichen harmonische Siedegrade, die sich in dynamischer Hinsicht ständig steigern. Es ist ein hymnisches Sternengeflimmer mit unendlichen melodischen Strömungen und fließenden Motiven. Cornelius Meister arbeitet dabei die klanglichen Besonderheiten der Straussschen Tonsprache in ausgezeichneter Weise heraus. Dazu gehört auch zarteste Intensität. Die Buffo-Ensembles werden so zu klangfarblichen Edelsteinen. Meister gelingt es aber auch immer wieder, eine wunderbare Ruhe bei dieser Musik zu beschwören. Das Heroische, Psychologische und Mythische dominiert. Dabei kommt es zu Assoziationen zur Seelenlandschaft Mozarts. Strauss‘ Musik erscheint dabei ausgesprochen glutvoll, es ist ein tönendes Leben, das die Sängerinnen und Sänger hier ausdrucksstark begleitet. So entdeckt man auch in den Partien des von Pawel Konik gesungenen Harlekin und des von Heinz Göhrig verkörperten Scaramuccio immer wieder neue Details. In weiteren Rollen agieren David Steffens als Truffaldin, Mingjie Lei als Brighella, Josefin Feiler als Najade, Ida Ränzlöv als Dryade und Carina Schmieger als Echo ausgesprochen klangschön und feinnervig. Harald Schmidt gibt der Rolle des Haushofmeisters ein ironisches Pathos. Grandios in ihren gewaltigen dynamischen Steigerungen ist Diana Haller als Komponist, der bis in den Orchestergraben hinein energisch um sein Recht kämpft. In weiteren Rollen gefallen noch Michael Ebbecke als Musiklehrer, Daniel Kluge als Tonmeister, Jasper Leever als Lakai, Elliott Carlton Hines als Perückenmacher und Moritz Kallenberg als Offizier.

Heftige Ovationen und große Begeisterung.  

Alexander Walther

 

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