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STUTTGART: SHADES OF WHITE

03.01.2019 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Königreich der Schatten – repräsentativer Einstand: Ciro Ernesto Mansilla + Corps de ballet    Copyright: Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett

„SHADES OF WHITE“ 

30.nachmittags+31.12.2018 
Träume in Weiß zum Jahresausklang

Ein neuer Corps de ballet-Tänzer, der nicht aus der Cranko-Schule hervor gegangen ist, sondern von außerhalb in die Compagnie aufgenommen wurde und statt eines üblichen meist wenig beachteten Einstands in den Gruppen-Einsätzen der Handlungsballette mit dem technisch anspruchsvollen Solo-Part des Solor im „KÖNIGREICH DER SCHATTEN“ aus „La Bayadère“ (Choreographie: Natalia Makarova) startet – mit dieser Ankündigung überraschte das Stuttgarter Ballett für die zweite Aufführungsserie des fast ganz in Weiß gehaltenen Ballettprogramms rund um Weihnachten und den Jahreswechsel.

Ciro Ernesto Mansilla heißt der Argentinier, den dem Vernehmen nach Ballettintendant Tamas Detrich beim Einstudieren von Crankos „Onegin“ beim National Ballet of Uruquay entdeckt und jetzt nach Stuttgart geholt hatte. „Ein guter Fang“ darf angesichts seiner dritten Vorstellung ohne Zweifel behauptet werden. Mit einnehmender Erscheinung, gut proportionierten Körpermaßen und mit seinem ersten Auftritt spontan zum Tragen kommender Präsenz wirft er sich mit Tatendrang und Emphase in seine Rolle. Phasenweise sogar fast etwas zu viel zu Lasten einer exakteren Koordinierung im Aufbau seiner Soli, aber mit einer Steigerung und Entwicklung, die in weiten Manegen und geradezu heldenhaft  imposanten Abschluss-Posen gipfelt, die den Applaus richtig antreiben. Auch im Partnern mit Hyo Jung Kang, die ebenso wie Elisa Badenes in der Silvestervorstellung wieder als feine Spitzenkunst bietende Nikija besticht, beweist Mansilla eine bereits vorhandene Erfahrung als Solist an seiner vorherigen Wirkungsstätte mit einigen großen Partien des Repertoires. Dass er nun als Gruppentänzer eingestuft ist, wird den jungen Mann sicher um so mehr anstacheln, auch in Stuttgart bald zum Solisten zu werden. Beim Publikum hat er sich jedenfalls auf Anhieb als solcher eingeprägt. Wie verschieden eine gleichfalls vollgültige Leistung als Solor aussehen kann, zeigte am Folgeabend wieder David Moore mit mehr Eleganz und Gleichmaß im klassischen Kanon, dafür weniger Ansatz zur spektakulären großen Form und  temperamentvollen Auslebung. Ein großes

Kompliment wiederum den 24 Bayaderen, die ihre Balance-Akte und Arabesquen in vorbildlicher Einheit und nuancengenau abgestimmt auf die mit Verzögerungen und Beschleunigungen wirkungsvoll akzentuierte Musik von Ludwig Minkus umsetzten.

Unter den neuen Besetzungen dieser Serie fällt einer gleich zweifach auf: Gruppentänzer Timoor Afshar beherrscht sowohl einen der beiden Hauptparts in Crankos „KONZERT FÜR FLÖTE UND HARFE“ und noch ausgeprägter den Solopart des dritten Satzes von Balanchines „SINFONIE IN C“ auf so lockere und selbstverständliche Weise, als ob das ein längst gewohnter Spaziergang wäre. Sprünge und Drehungen weisen eine Zentrierung zwischen Kraft und Leichtigkeit auf, die in einer natürlichen Ausstrahlung aufgehen. In ersterem an der Seite der sich zur funkelnd präsenten Ballerina entwickelt habenden Ami Morita, in letzterem mit der viel Freude verbreitenden Hyo Jung Kang. Er dürfte einer der nächsten Aufsteiger der Compagnie sein.

Friedemann Vogel ehrt mit seiner herausragenden Bewegungs-Qualität in beiden genannten Stücken auch diese beiden Vorstellungen, ebenso Alicia Amatriain in den selben Werken mit ihrer bewundernswerten Körperspannung, ganz besonders im langsamen zweiten Satz bei Balanchine, wobei der Gesamteindruck hier auch auf der fürsorglichen Stütze von Partner Roman Novitzky grundiert.

Alle Solisten und das Corps zogen zum Jahresausklang an einem Strang und ermöglichten in optimaler Form in unterschiedlichsten Kombinationen mit Sinn für Symmetrie und  synchrone Einsätze ein Freudenfest der Harmonie, zu dem auch die musikalische Seite in der animierten und beflügelten Wiedergabe durch das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz ihren Teil beitrug.

Ein Transparent mit guten Wünschen für das Neue Jahr sowie bunte Luftballons und Luftschlangen entließen das von Stück zu Stück begeisterter reagierende Publikum bestens gestimmt in die Silvesternacht.

 Udo Klebes   

 

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