Premiere „Vor dem Ruhestand“ von Thomas Bernhard am 21.2.2026 im Schauspielhaus/STUTTGART
Eine gnadenlose Anklage

Katharina Hauter, Therese Dörr, Matthias Leja. Foto: Toni Suter
Der Richter mimt den brutalen Soldaten. Der Regisseur Martin Kusej hat Thomas Bernhards Stück „Vor dem Ruhestand“ tatsächlich so bearbeitet, dass die AfD bei der nächsten Bundestagswahl den Sieg davonträgt. Und Alice Weidel wird dann doch noch Bundeskanzlerin! Ein verrücktes Szenario, das aber durchaus realistisch werden könnte! Familie Höller entführt das Publikum hier in eine Welt der Zwangsneurosen und Wahnvorstellungen. Alle Jahre wieder feiert der Gerichtspräsident Rudolf mit seinen beiden seltsamen Schwestern Vera und der im Rollstuhl sitzenden Clara in schwarzer Uniform und zu den Klängen von Beethovens fünfter Sinfonie den Geburtstag des ehemaligen NS-Reichsinnenministers und Hauptverantwortlichen des Holocaust Heinrich Himmler. Bei diesem bizarren Ritual möchte die Familie keine Zeugen, denn als Gerichtspräsident spielt Rudolf Höller im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle. Deutlich wird bei dieser Inszenierung, dass diese beiden Schwestern Teil eines Machtspiels an der Grenze zwischen Verklärung und Gewalttätigkeit sind. Dominanz und Unterwerfung spielen dabei eine fatale Rolle, weil Rudolf die behinderte Clara in brutaler Weise ausgrenzt. Dies wirft ihm dann auch Vera vor: „Du versündigst dich…“ Thomas Bernhard lässt in dieser drastischen „Komödie von deutscher Seele“ familiäre Bindung, Macht und Ideologie miteinander verschmelzen. Da sieht man dann im weiträumigen Bühnenbild von Annette Murschetz und den Kostümen von Heide Kastler tatsächlich das Originalfoto von Heinrich Himmler. Und im Hintergrund wird ein fast idyllischer Garten sichtbar. Das Schöne und Schreckliche stehen dicht beieinander. Und es erklingt im Hintergrund sogar Schumanns „Träumerei“, die von Vera versonnen am Klavier gespielt wird. Bernhard thematisiert hier mit sarkastischem Ton die eingeschriebenen Mechanismen des Nationalsozialismus. Seine bitterböse „Komödie“ wurde durch die fatalen Enthüllungen der NS-Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpäsidenten Hans Filbinger inspiriert. Filbinger hatte den damaligen Intendanten Claus Peymann zum Rücktritt gezwungen. Zuvor hatte Peymann noch „Vor dem Ruhestand“ in Stuttgart zur Uraufführung gebracht. Da er sich zudem zur RAF und insbesondere zu Gudrun Ensslin in Stammheim positionierte, geriet er in heftigen Konflikt mit der CDU-Landesregierung. Die groteske Figur des Rudolf Höller wird hier sehr eindringlich von Matthias Leja verkörpert, der das unheimlich Bigotte im Sinne Bertolt Brechts sowie die Gefährlichkeit der kleinbürgerlichen „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) grell in Nazi-Uniform zur Schau stellt. In Kusejs Inszenierung wird der Text zur gnadenlosen Anklage, denn auch Katharina Hauter als Vera und Therese Dörr als Clara bieten beklemmende, großartige Charakteranalysen. Man hat Thomas Bernhards Text immer wieder daran gemessen, inwieweit er eine angemessene politische Auseinandersetzung mit dem möglichen Wiederaufleben nationalsozialistischer Ideen darstellt. So wurde bemängelt, dass Bernhard eine „Farce“ und keine „Tragödie“ vorgelegt habe. Der Regisseur Martin Kusej relativiert dies, denn in seiner Inszenierung endet der Gerichtspräsident blutüberströmt und von Kugeln durchsiebt im Bett. Er hat sich mit der Pistole wohl selbst gerichtet, aber das bleibt in dieser Inszenierung im Dunkeln: „Ich gebe euch noch eine Chance...“ Monströsen Typen wie Höller wird dadurch keineswegs der Schrecken genommen.

Therese Dörr, Matthias Leja. Foto: Toni Suter
Thomas Bernhard versagt als Autor damit auch nicht vor der Realität des Themas. Man hat in diesem Zusammenhang auch von einer „Götterdämmerung zu dritt“ gesprochen. Und die gnadenlose Anklage spitzt sich bei dieser Aufführung immer weiter zu. Das kommt in einem großen dramaturgischen Bogen zum Ausdruck, den Martin Kusej stark ausspannt. Man hat Bernhard übrigens auch vorgeworfen, dass dieses Stück keinesfalls die angekündigte „Komödie von deutscher Seele“ sei, sondern nur ein Rundumschlag gegen Nazimonster, was Martin Kusej bei seiner Inszenierung entkräftet. Bei Kusej handelt es sich hier trotz kleinerer szenischer Schwächen tatsächlich um realistisches und politisches Theater. Wehleidigkeit, Sentimentalität und Größenwahn treten immer wieder schmerzhaft hervor. Die monomanische Thematik wie Verstörung, Untergang und Tod zeigt hier ihr wahres, schonungsloses Gesicht. Dem werden aber auch die drei Schauspieler in ausgezeichneter Weise gerecht, wobei Matthias Leja als Gerichtspräsident Höller immer mehr in den Mittelpunkt rückt. Ihn verbindet zudem mit seiner Schwester Vera eine inzestuöse Beziehung. Zwischen Nietzsche und Schopenhauer entfaltet sich dabei eine fahle Welt der absoluten Trostlosigkeit. Dass die „Totalität der Behauptung“ eine Schwäche dieses Stückes sein könnte, kommt dem Zuschauer dabei nicht unbedingt in den Sinn. Fakten werden benutzt und gleichzeitig verändert. Das gesamte Schuldverdrängungssystem steht am Pranger. Thomas Bernhard selbst hielt „Vor dem Ruhestand“ übrigens für sein bestes Stück: „Ich habe das Gefühl, dass ich und alle anderen mit allen verwandt sind. Dass auch ein Filbinger in mir ist wie in allen anderen“. Aber er lehnte es ab, seine „Komödie von deutscher Seele“ einfach als „Filbinger-Stück“ zu interpretieren. Man denkt in diesem Zusammenhang sogar an Thomas Manns Essay „Bruder Hitler“. Paradiesmythen in politischen Ideologien werden hier ad absurdum geführt, was Martin Kusej konsequent herausarbeitet. Groteske Rituale werden beim Höllerschen Festessen als Wiederholung, Stilisierung und fatale Ordnung bloßgestellt. Man denkt manchmal auch an Rolf Hochhuths Stück „Juristen“, das sich ja ebenfalls versteckt mit Filbinger beschäftigt, sprachlich aber schwächer wie Thomas Bernhards Text ist. Kusej möchte als Regisseur angesichts der besorgniserregenden Umfrage für die AfD „eine klare Kante“ zeigen, was ihm bei dieser Inszenierung durchaus gelungen ist. Und die beängstigende Stimmung wird auch mit der Komposition von Bert Wrede und zahlreichen Textüberblendungen facettenreich eingefangen. Er betont, dass es sich bei Bernhards Stück um einen großen Theatertext handelt. Monologe, Tiraden und endlose Wiederholungen laufen dabei aber nicht ins Leere. Die stark rhythmisierte Sprache Bernhards kommt überzeugend zum Ausdruck, sie ist außerdem musikalisch und wirkt zuweilen wie eine Partitur, so Kusej. Die Bühnen-Ästhetik orientiert sich an Grillparzer und Horvath. Die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer spielt für Martin Kusej keine Rolle. Er bezeichnet vielmehr den neuen Faschismus als die größte Gefahr, was er szenisch schockierend unterstreicht. Er zieht sogar Parallelen zu Sartres „Geschlossener Gesellschaft“. Die Sprachlosigkeit der von Rudolf Höller gepeinigten Clara ist furchtbar und wird von Therese Dörr packend verkörpert. Die Rolle der Bediensteten Olga spielen bei den Inszenierungen Rocio Crespo, Aniko Huber und Elif Özmen. Anuschka Herbst, Elif Özmen, Christian Schmittner und Phillip Schmolz stellen die Statisterie dar, wobei die Höller-Geschwister hier auch als Kinder zu sehen sind. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden manchmal eine beklemmende Einheit.
Viel Schlussbeifall und „Bravo“-Rufe.
Alexander Walther

