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STUTTGART/ Schauspielhaus: PFISTERS MÜHLE von Wilhelm Raabe – die unaustilgbare Sonne

07.12.2014 | Allgemein, Theater

Pfisters Mühle“ von Wilhelm Raabe im Schauspielhaus Stuttgart: DIE UNAUSTILGBARE SONNE

„Pfisters Mühle“ nach Wilhelm Raabe am 7. Dezember 2014 im Schauspielhaus

stuttgart
Foto: ju_ostkreuz

Wilhelm Raabes „Pfisters Mühle“ gilt als der erste Umweltroman der deutschen Literatur. Regisseur Armin Petras hat dieses sehr poetische Werk für die Bühne bearbeitet. Wilhelm Raabe schrieb den Text 1884 in Braunschweig. Die Publikation stieß auf Widerstand, sein Braunschweiger Verleger lehnte den Text schlichtweg ab. Erst im „Grenzboten“ wurde er veröffentlicht. Von dort reichen die Spuren allerdings bis nach Stuttgart, wo der Schriftsteller lebte. Bezüge zu Stuttgart finden sich auch in Armin Petras Inszenierung, die das Neckarufer zu einem Hauptschauplatz industrieller Beschleunigung macht. Die in Biedermeierkleidung auftretenden Protagonisten tragen idyllische Gemälde von Stuttgart vor sich her, während das „helle Mühlwasser“ allmählich nach Verwesung zu riechen beginnt. Dafür findet Petras alptraumhafte Bilder mit riesigen piranhaähnlichen Fischen – überdimensionalen Barschen oder Heringen. Die Menschen vermischen sich zuletzt mit diesen Fischen zu wahren Ungeheuern.

Das sind beeindruckende Bilder. Eisenbahntrassen und Fabriken versinken hier rettungslos in einem dreckigen Flussabschnitt, der die Menschen regelrecht auffrisst. Sie stürzen förmlich in die Grube und sind rettungslos verloren. Im Zentrum des Geschehens steht der von Peter Kurth mit nie nachlassendem Elan verkörperte Vater Pfister, der das unaufhaltsame Ende seiner Zuckerfabrik Krickerode nicht aufhalten kann und darüber verzweifelt: „Alle haben mir gekündigt!“ Bühne und Musik von Martin Eder unterstreichen das fatale Geschehen drastisch. Alle Versuche Pfisters, gegen das industrielle Sterben vorzugehen, sind zum Scheitern verurteilt. In der Mitte der riesigen Bühne ist ein Propeller zu sehen, der das Mühlenrad verdeutlichen soll. Nebelschwaden untermalen diese gespenstische und trostlose Atmosphäre (Mitarbeit Bühne: Julian Marbach). Aus den Mitstreitern werden Unternehmer. „Das alte romantische Land“ geht unter.

Diese Bühnenadaption von „Pfisters Mühle“ verlagert das Geschehen von der Romantik in die Gründerzeit. Die weiteren Ereignisse gehen in erschreckender Geschwindigkeit an den Augen der Zuschauer vorüber: Der Tod des Müllers und das fatale Ende des von Michael Klammer facettenreich gemimten Dichters Felix Lippoldes gehen unter die Haut. Der von Manuel Harder und Sebastian Wendelin als alter und junger Eberhard Pfister suggestiv dargestellte Titelheld collagiert die Bilder seines „Lebensbilderbuches“. Der Verlust und die Verwüstung der Vergangenheit stehen bei dieser Inszenierung immer wieder beklemmend im Mittelpunkt. So werden die Utensilien wie etwa das Bett, Tische oder Stühle einfach in die Versenkung hinabgestoßen. Das Ende ist so unaufhaltsam. Svenja Liesau stellt Pfisters Frau Emmy als verzweifelt gegen ihr bitteres Los ankämpfende Frau dar, die aber auch ihrer inneren Gefangenschaft nicht entfliehen kann. Sie droht in den durchsichtigen Vorhängen fast zu ersticken. Eine fast schon komödiantische Leistung bietet Holger Stockhaus als Adam August Asche, der Pfister gnadenlos Konkurrenz machen will: „Ich werde die Zukunft sein, ich werde ein wohlhabender Mann sein…“ Man ist sich einig, dass „die Tage in unserer Mühle immer schlimmer wurden“. Der Mensch mache eben immer wieder Fehler. Man kann sich in Pfisters Mühle nicht mehr behaglich fühlen. Und die Bedrängten schicken flehende Gebete zum Himmel: „Gott bewahre uns in seiner Güte“.

Trotz mancher szenischer Schwächen kann die Inszenierung insgesamt aufgrund ihres aufwühlenden Charakters fesseln und überzeugen. Dazu tragen auch die weiteren Darsteller Julischka Eichel als Albertine Lippoldes, Maja Beckmann als charakterlich starke Christine und Manolo Bertling als Riechel und Architekt bei. In Wilhelm Raabes Roman ist auch von der „unaustilgbaren Sonne“ die Rede. Auch diese Sequenz hat Armin Petras packend auf die Bühne gebracht – hier wird sie allerdings zum verzehrenden Feuer, das alles auslöscht.

Nach zwei Stunden folgt bei der Aufführung eine Pause. Die alte Welt ist untergegangen, es folgt eine neue, lautet die Botschaft. Der zweite Teil dauert nur zwölf Minuten: Über dem Wasser sieht man eine riesige Traube aus herabhängenden Kleiderfetzen, die langsam hochgezogen werden. Eine unheimliche Atmosphäre bemächtigt sich der Bühne, Lemuren kriechen hervor. Und dennoch ist die neue, heilere Welt in eine greifbare Nähe gerückt – davon kündet schon der Kinderwagen. „Mein Mädchen, ich rufe dich, komm‘ zu mir!“ lautet zuletzt die Botschaft. Die musikalischen Passagen wirken aber zuweilen allzu grell und aufgesetzt. Der Wahrheit über dieses „Sommerferienheft“ kommt man aber trotzdem in geheimnisvoller Weise auf die Spur. „Wo bleiben alle die Bilder?“ bemerkte Raabe. Einige Bilder dieser ungewöhnlichen Inszenierung bleiben stark in Erinnerung. Zwischen Schaukelpferd und Weihnachtsbaum tun sich ungeheure Abgründe auf.

 
 Alexander Walther

 

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