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STUTTGART/ Schauspielhaus: GOD WAITS ON THE STATION von Maya Arad mit dem Habima National-Theater Tel Aviv

27.06.2015 | Allgemein, Theater

God Waits at the Station“ mit dem Habima National Theater Tel Aviv im Schauspielhaus Stuttgart

DEM ALPTRAUM ENTFLIEHEN

„God Waits at the Sation“ mit „The Habima National Theater Tel Aviv“ am 27. Juni 2015 im Schauspielhaus

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Copyright:Elohim Mehake Ba Tahana

Es ist sehr gut, dass die junge Autorin Maya Arad Gott in den Mittelpunkt ihres Stücks rückt. Angesichts des grauenvollen Geschehens im Werk ist das wohl der einzige Trost. Acht Schauspieler versuchen hier, die Splitter von Leben und Tod, die eine Selbstmordattentäterin hinterlassen hat, wieder zusammenzubauen. Die Frage nach dem unergründlichen Wesen dieser Selbstmordattentäterin führt zu einer schwierigen Spurensuche, die alle Darstellerinnen und Darsteller herausfordert. Man sucht fieberhaft wie bei einem komplizierten Puzzle. In der subtilen Regie von Shay Pitowsky kann sich „The Young Company“ des Habima National Theaters in Tel Aviv gut entfalten. Die Frage, ob die betreffende Frau eine werdende Mutter war, wird bejaht und verneint. Die wandlungsfähigen Schauspieler Naama Armon, Oded Ehrlich, Elinor Flaxman, Lea Gelfenstein, Oshrat Ingedashet, Harel Morad, Shahar Raz und Yuval Shlomovitch versuchen, die Katastrophe zu rekonstruieren. Im Augenblick der Explosion fällt jedoch das mühsam zusammengefügte Bild wieder in sich zusammen.

Dies gelingt dem Regisseur Shay Pitowsky weitgehend fesselnd. Die Bühne von Niv Manor mit rotem Boden sowie seltsamen Stäben und Stühlen wird von Video-Projektionen bereichert, die das Geschehen drastisch einfangen. Man spürt, wie sehr den Protagonisten daran gelegen ist, diesem Alptraum zu entfliehen. In dieser Welt gibt es tatsächlich viele Wahrheiten: „Es gibt keinen Grund, Angst zu haben“. Die Frage nach Friedensgesprächen wird offen gestellt. „Eine Frau sollte sich um jemanden kümmern, so hat Gott sie erschaffen…“ lautet die Erkenntnis. Die Menschen werden zu leidenden Märtyrern, die sich wie in Trance schwarze Blätter aus dem Bauch holen. Die Körper scheinen bei lebendigem Leib zu verbrennen. Die Grenze zwischen Täter und Opfer ist so fließend geworden. Der endlose  Kreislauf von Gewalt und Vergeltung eskaliert in erschütternder Weise. Ein junger Mann im Rollstuhl lenkt alle Blicke auf sich. Er stellt die Fragen nach dem Sinn des Lebens in ganz unverwechselbarer Weise. Stellenweise agieren die Darsteller wie in Zeitlupe, ihre tranceartigen Zustände verdichten sich zu beklemmenden Szenen zwischen Traum und Wirklichkeit. Fahle Gesichter erscheinen plötzlich auf Glasplatten: „Sie soll für sich beten, dass Allah ihr einen Ehemann schickt!“ Eine weitere Frau jammert verzweifelt: „Sie haben meinen Sohn getötet!“ Und die obligatorische Frage folgt sofort: „Warum, Gott, warum?“ Maya Arad lässt ganz versteckt deutlich werden, warum es zur Katastrophe kommen muss. Die Menschen haben Gott nicht um seine Meinung gefragt. So trifft sie der Zorn Gottes in elementarer Weise. Er reisst alles aus den Fugen. Die Welt steht Kopf. Und die Menschen sind dem Terror hilflos ausgeliefert. Den Schauspielern gelingt es hier in bemerkenswerter Weise, die körperliche und seelische Verletzlichkeit der Protagonisten zu verdeutlichen. Das Opfer wird dem Täter dabei auch ein Mittel zur zwanghaften Kommunikation. Das Trauma wird bei dieser Inszenierung zu einer kollektiven Wunde, die tiefe Spuren hinterlässt. Auch der Überwachungszwang innerhalb der Gesellschaft wird unter die Lupe genommen. Gelegentlich spürt man, wie der Regisseur Shay Pitowsky das Geschehen in einen anderen Zusammenhang bringen will.

Sharon Gals suggestive Choreografie trägt viel zum optischen Gelingen dieser Aufführung bei. Man denkt zuweilen fast schon an eine Operninszenierung. Interessant ist zudem die abwechslungsreiche Musik von Alberto Schwartz. So machte auch diese israelische Produktion im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals „Terrorisms“ in Stuttgart nachdenklich.

 Alexander Walther

 

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