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STUTTGART/ Schauspielhaus: DIE DREIGROSCHENOPER von Brecht/Weill unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann. Premiere

Premiere „Die Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill am 7. Mai 2026 im Schauspielhaus/STUTTGART

Erst kommt das Gessen, dann die Moral

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Foto: Julian Baumann

Auch hier gewinnt der Unterweltboss Mackie Messer ein richtiges Charisma. Er verfügt über gute Kontakte zum amtierenden Polizeichef Brown. Deshalb bleiben er und sein Clan trotz vieler Verbrechen weiterhin auf freiem Fuß. Regisseur Viktor Bodo verlegt die gesamte Handlung in einen imaginären Gerichtssaal. Und auch privat hat der obskure „Gentlemanganove“ Glück. Er hat sich kurzerhand mit Polly Peachum vermählt. Sie ist die Tochter des legendären Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum, Besitzer der Firma „Bettlers Freund“. Mackie will dieses Geschäftsimperium an sich reissen, was die Schwiegereltern natürlich in Rage bringt. Mit Lucys Hilfe bricht Mackie aus, was ihren Vater Brown nur kurz freut. Denn Mackie macht ihm die Hölle heiß, weil er den Krönungs-Zug der Königin stören will. Seine sexuellen Eskapaden und Lügenkontakte bringen ihm aber Probleme und er landet schließlich vor Gericht: „Das Zusammentreffen einiger unglücklicher Umstände hat mich zu Fall gebracht.“ Die Justiz hat jedoch erkennbare Mühe, Mackie Messer zu überführen. So kommt es, wie es kommen muss: Mackie Messer wird wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Königin begnadigt ihn, nachdem zuvor die Telefonleitungen im Gericht heiß liefen. Und zuletzt erwürgt er sogar noch den Richter. Niedertracht, Korruption, Vetternwirtschaft, Kriegstreibereien und Profitgier hat Bertolt Brecht hier gnadenlos angeprangert: „Und der Haifisch, der hat Zähne...“ Selbst vor Verrat und Mord schreckt man nicht zurück. Die überdimensionale Bühne von Zita Schnabel, die Kostüme von Hanna Erös, die Choreografie von Eva Duda sowie das Video von Vince Varga entwerfen ein entlarvendes Sittenpanorama, das hier eigentlich zeitlos wirkt. Die ironische Desillusionierung wird auf die Spitze getrieben: „Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr.“ Mackie wird sogar in den erblichen Adelsstand erhoben, bekommt ein Schloss und eine ansehnliche Lebensrente. Eigentlich unfassbar, aber bezeichnend. Die erbitterten Rivalinnen Lucy und Polly versöhnen sich als Schwestern. Die Bettler Londons haben gewonnen. Sie rüsten sich immer wieder zur Demonstration ihres Elends. Das gilt auch für die Huren, die Mackie Messer verraten haben. Das „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ hallt nach: „Der Mensch lebt durch den Kopf/Der Kopf reicht ihm nicht aus/Versuch es nur, von deinem Kopf/lebt höchstens eine Laus.“ im zweiten Akt verkünden Mackie Messer und die mondäne Spelunken-Jenny: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

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„Tiger Brown“ im Gespräch mit Bettlerchef Peachum. Foto: Julian Baumann

Die marxistisch-agitatorische Haltung Brechts tritt hier zuweilen grell hervor – und dies sogar bei der „Zuhälterballade“. Das „soziologische Experiment“ des Gerichtsprozesses, den Brecht gegen die Verfilmung dieses Werkes anstrengte, wird in der gelungenen Inszenierung von Viktor Bodo zum Thema gemacht. Gegen die Zahlung einer hohen Entschädigungssumme verzichtete Brecht 1930 auf die Wahrnehmung seiner Autorenrechte an dem Film. Das Bänkellied der „Seeräuber-Jenny“ besitzt dabei knisternde Rhythmen. Das Werk entstand in Brechts „nihilistischer Schaffensperiode“ mit dem Kernthema der „unendlichen Vereinzelung des Menschen“. Die „Dreigroschenoper“ bezieht sich außerdem auf die radikale Modernisierung der englischen „Bettleroper“ aus dem Jahre 1728 von John Gay. Es handelt sich dabei um eine Parodie auf die heroische Oper überhaupt. Als „Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft“ stellt Bertolt Brecht gnadenlos jegliche bürgerliche Ordnung bloß. Hinzu kamen noch der „Neue Kanonen-Sing“ und die „Ballade vom angenehmen Leben der Hitlersatrapen“. Situationskomik und darstellerische Rasanz werden bei dieser Produktion groß groß geschrieben. Man lässt im Video sogar das Stadtleben Stuttgarts in sarkastischer Weise Revue passieren. Hervorragendes leisten an diesem Abend die überaus wandlungsfähigen Darsteller Klaus Rodewald als Bettler-Chef Peachum, Marietta Meguid als seine Frau, Josephine Köhler als ihre Tochter Polly Peachum, Marcel Heupermann als Mackie Messer und Sebastian Röhrle als undurchsichtiger Polizeichef Brown. Sonja Geiger überzeugt ferner als seine schlagfertige Tochter Lucy. Gelegentlich wird auch der Zuschauerraum beim Schlagabtausch mit einbezogen! In weiteren Rollen gefallen Gabor Biedermann als Polizist, Smith und Trauerweidenwalter, Felix Jordan als Hakenfingerjakob, Peer Oscar Musinowski als Münzmatthias, Simon Löcker als Sägerobert und Konstabler, Mina Pecik als Ede, Reinhard Mahlberg als Moritatensänger sowie Miriam Maertens als Spelunken-Jenny und Hure. Huren und Bettler tummeln sich zuweilen zombiehaft im Ensemble. Unter der musikalischen Leitung von Klaus von Heydenaber glänzt auch das Orchester mit Trompete (Johanna Hirschmann, Sabrina Buck), Posaune/Tuba  (Fabian Beck, Eberhard Budziat), Reed 1 und 2 (Ruth Sabadino, Heike Rügert, Angela Weiss), Gitarre (Stefan Großekathöfer, Philipp Tress), Drums (Eckhard Stromer, Sebastian Kiefer, Christoph Sabadino) sowie Kontrabass (Karoline Höfler, Judith Goldbach, Florian Dohrmann). Die Welt der Gauner, Huren und Sonderlinge wird durch knisternde Jazz-Anklänge immer wieder kräftig angeheizt.

Großer Jubel des Publikums. 

Alexander Walther

 

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