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STUTTGART/ Schauspiel Nord: UNTERM RAD nach Hermann Hesse – Lebenslanges Leiden am Leben. Premiere

12.07.2015 | Allgemein, Theater

Unterm Rad“ nach Hermann Hesse im Schauspiel Nord

LEBENSLANGES LEIDEN AM LEBEN Premiere von „Unterm Rad“ am 11. Juli 2015 im Schauspiel Nord/STUTTGART
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Copyright: Julian Marbach
 
„An mir hat die Schule viel kaputtgemacht, und ich kenne wenig bedeutendere Persönlichkeiten, denen es nicht ähnlich ging…“, meinte Hermann Hesse in einem Brief im Jahre 1904. Seine Erzählung „Unterm Rad“ trägt deswegen auch autobiografische Züge. Darin hat sich der Autor von seinen eigenen schlimmen Erfahrungen im Maulbronner Seminar seelisch befreit.

Hans Giebenrath besteht das Landexamen in der Residenzstadt im Schwarzwald als zweiter und wird in die Klosterschule Maulbronn aufgenommen. In der Regie von Frank Abt (Bühne: Michael  Köpke; Kostüme: Annelies Vanlaere) wird diese Geschichte eines begabten Kindes auf ganz eigentümliche Weise nacherzählt. Man befindet sich in einem kahlen Raum mit schwarzen Wänden, auf dem Boden ist ein großes Wasserbecken zu sehen, das die überzeugenden fünf Schauspieler Christian Czeremnych, Matti Krause, Andreas Leupold, Sebastian Röhrle und Florian Rummel szenisch in Bann zieht. Man begreift, dass das Prestigebedürfnis des Vaters für den Jungen nicht zu erfüllen ist. Er scheitert an sich selbst und an der ständigen Angst, doch noch zu versagen: „Nur nicht matt werden, sonst kommt man unters Rad.“ Der gnadenlose und grausame Druck der Schule besiegt hier den normalen Menschen. So beginnt das lebenslange Leiden am Leben und an der Gesellschaft. Die Gruppe klammert sich als gepeinigte Klasse schreiend aneinander, der Lehrer droht immer wieder mit wahrhaft drakonischen Strafen und nimmt selbst das Publikum ins Visier.

Die Frage „Wie will ich leben und was tue ich dafür?“ steht tatsächlich im Zentrum von Frank Abts Bühnenbearbeitung von Hermann Hesses Erzählung über Hans Giebenraths Kampf und Scheitern. Die Schauspieler treten dabei als Clowns auf, die sich über die Regeln der Schule aber auch lustig machen und diese regelrecht persiflieren. Da erreicht die rasante Inszenierung ihre größte dramaturgische Dichte. Der Schüler Giebenrath kann zuletzt nicht immer nur fleißig sein, sondern bricht während einer Lateinstunde an der Tafel weinend zusammen. Der drohende Selbstmord ist praktisch vorprogrammiert – der Schüler geht aus Verzweiflung ins Wasser.

Interessant ist bei dieser recht gelungenen Aufführung, dass der Regisseur Frank Abt die tragische Figur des Hans Giebenrath von allen fünf Schauspielern virtuos spielen lässt. Es kommt so zu einer wahrhaft beklemmenden Persönlichkeitsspaltung: „Warum hab‘ ich nicht aufgepasst?!“ Außerdem fällt hier die Lust am Zauber des Improvisationstheaters positiv auf. Einmal wird sogar John Cranko erwähnt. Die Schauspieler bekommen so ausgiebig Gelegenheit, sich mit ihren vielfältigen Talenten zu entfalten. So ergibt sich der berühmte Refrain „O du lieber Augustin, alles ist hin“ geradezu zwangsläufig. Der Selbstmord Hans Giebenraths wird für die Gruppe zum beklemmenden kollektiven Erlebnis: „Als man uns fand, trug man uns heim.“ Zunächst stellen sich alle Darsteller im Seminar mit „Hallo Maulbronn!“ recht burschikos und ironisch vor. Aber auch hier spürt man schon den mörderischen Existenzkampf, den der Regisseur Frank Abt im Laufe dieser atemlosen Inszenierung geschickt auf die Spitze treibt. Den Schauspielern wird erhebliches physisches Geschick und Können abverlangt, es kommt zu bemerkenswerter Seil-Akrobatik und einer Kletterpartie auf der Mauer. Der Lehrer entwickelt sich zu einem unsympathischen Tyrannen – ganz im Sinne des Professor Unrath: „Wasserflaschen und junge Frauen möchte ich in diesem Kloster nicht sehen!“ Disziplin wird unwirsch angemahnt. Die Schulbehörde bestraft die jungen Männer, die ihre Aggressionen in einer wüsten Balgerei ausleben. Der Geist Hermann Hesses wird dabei zwar nicht immer getroffen, doch es kommt zu spannenden Dialogen und Streitgesprächen, die explodieren. Der Zuschauer wird Zeuge, wie dieser zart veranlagte Knabe an der Schule im wilhelminischen Kaiserreich schließlich zum Tode reift. Da gibt es zuletzt keine psychologischen Zwischenräume mehr. Die eigenen bitteren Nöte Hesses und seine heimlichen Träume und Wünsche kann Frank Abts Inszenierung aber durchaus plastisch einfangen (Musik: Torsten Kindermann). Die Einsamkeit des empfindsam-ästhetischen Dichters Hermann Hesse wird bei dieser Inszenierung in zahlreichen Personenkonstellationen deutlich: „Bist du noch nie einem Mädchen hinterhergelaufen?“ Auf der anderen Seite lässt Frank Abt aber auch deutlich werden, dass es eigentlich niemand schlecht meint mit Hans Giebenrath. Der Junge kann einfach dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten und zerbricht daran. Man hat keine Sicherheiten mehr und muss darum alles geben, um überhaupt eine Chance zu haben. Für Frank Abt muss es aber Alternativen geben, das merkt man seiner Inszenierung deutlich an. Die Schauspieler stemmen sich geradezu gegen das ungerechte Leistungssystem. Es geht hier keineswegs nur um eine Teenagergeschichte. In dem Moment, wo eine Figur nicht mehr weitermachen möchte, übernimmt einfach ein anderer Schauspieler die entsprechende Rolle. Von dieser Intention lebt diese Aufführung in der subtilen Regie von Frank Abt, die sich glücklicherweise nicht in Einzelheiten verliert. Man spürt als Zuschauer, wie hier alle Darsteller aufeinander angewiesen sind und sich so gegenseitig in sinnvoller Weise ergänzen. Alles ist möglich ohne Hierarchien, lautet die Botschaft. Dadurch entsteht ein neues Wir-Gefühl im Theater, das nicht unwichtig ist.

Für das gesamte Ensemble gab es starken Schlussapplaus mit „Bravo“-Rufen, wenngleich sich die Zuschauer vor den gewaltigen Wasserspritzern oftmals in Schutz nehmen mussten (Dramaturgie: Anna Haas). 

 
Alexander Walther

 

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