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STUTTGART/ Schauspiel Nord: RAND / Das letzte Einhrn von Kiki Miru Miroslava Svolikova.

11.02.2026 | Allgemein, Theater

„Rand“ im Schauspiel Nord am 10. Februar 2026/STUTTGART

Das letzte Einhorn

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Foto: Björn Klein

Menschen, die einfach an den Rand gedrückt werden, stehen im Mittelpunkt dieser szenischen Miniaturen von Kiki Miru Miroslava Svolikova. Tetrissteine bilden dabei immer neue Ränder, sie schieben sich ineinander und gehen darin auf. Dabei werden sie dann von scharfzüngigen und penetranten Soziologen wissenschaftlich betrachtet und begutachtet. Sie sind vor allem auf der Jagd nach dem letzten Einhorn, das ebenfalls ein Leben am Rand führt. Dann gibt es bei dieser vielschichtigen Inszenierung von Magdalena Schönfeld und im Bühnenbild von Valentin Baumeister sowie den Kostümen von Clara Rosina Straßer auch die Welt der Astronauten ohne den Kontakt zur Erde. Und jenseits des Bühnenrandes lauert als unbeteiligter Beobachter noch ein zaghafter Terrorist, der später an einer Geiselnahme scheitert. Zuletzt gibt es hier eine Art Weltuntergang, den auch der Priester der Kakerlaken nicht verhindern kann. Im Stück „Rand“ werden die subjektiven Ränder der Wahrnehmung und der Vorstellungskraft ebenso zur Spielfläche wie die Ränder der Gesellschaft im abstrakten und die Ränder des Bühnengeschehens in einem ganz konkreten Sinn. Die Schichten überlagern sich auch hier wie bei den Tetrissteinen. Die Figuren entstammen dabei der Popkultur, verschiedene Reibungsflächen zwischen Gruppe und Individuum werden sichtbar. Die grausamen Soziologen reduzieren ihre Mitmenschen auf Forschungsobjekte. Und der Priester wird aus religiösem Fanatismus gewalttätig. Aber das alles nützt nichts: Die überlebensfähigen Kakerlaken scheinen den Untergang ganz bewusst herbeizuführen. Denn sie haben wirklich gelernt, wie man überlebt.

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Foto: Björn Klein

Das macht dieses ungewöhnliche Stück trotz mancher dramaturgischer Schwächen dann doch zu einem spannenden Abenteuer. Und es kommt zuletzt zu einer großen Überraschung: Die Zukunft stülpt sich plötzlich über das Ganze und alles verändert sich schlagartig! Die Astronauten entführen das Publikum zuvor an die Ränder des guten Willens. Doch die Rettungskräfte sind weitgehend hilflos. Philosophische Überlegungen stehen hier immer wieder im Zentrum des Geschehens. Wer wird an den Rand gedrängt und wer flüchtet sich dorthin? Das Publikum wird dabei aufgefordert, seine Sichtweisen zu hinterfragen. In dieser Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart überzeugen vor allem die Darsteller Mara Suter als das letzte Einhorn, Mika Pavle Kuruc als Priester sowie Vittoria Mensah als Mickey Mouse und Nico Voigtmann als liebeshungriger Terrorist. Aber auch Eva Habenicht, Mika Pavle Kuruc, Mara Suter und Annalisa Weyel als Tetrissteine („wollen wir kuscheln?“) sowie Vittoria Mensah, Leonie Wegner, Philip Süs als einige Soziolog*innen und Lotte Henning, Mika Pavle Kuruc sowie Annalisa Weyel als einige Astronaut**innen tragen zu einem ungewöhnlich vielschichtigen Stimmungsbild bei: „Ich glaube, dass alle tot sind, wir sind die letzten, da ist niemand mehr.“

Ungewöhnliche darstellerische Präsenz erreicht ferner der dämonisch wirkende Chor der Kakerlaken mit Eva Habenicht, Lotte Henning, Philip Süs, Nico Voigtmann und Annalisa Weyel. Diese Kakerlaken tragen im Schutz der Dunkelheit die Widerstands- und Überlebensfähigkeit über Generationen weiter: „Wir sind jetzt hier. Wir sind jetzt da.“  Und die emeritierte Professorin echauffiert sich: „Ich weiß, was ich mache, ich lasse mir meine Forschungsergebnisse nicht zerstören.“ Der hilflose Priester will die Ränder seines Weltbildes natürlich in göttlicher Mission sauber und voller Weihrauch gestalten, was ihm aber nicht gelingt. Mickey Mouse sucht verzweifelt nach Käse – und ein Einsatzkommando von Polizei, Feuerwehr und Rettung mit Lotte Henning, Philip Süs und Mara Suter verkündet dann den Weltuntergang. Das ist trist – doch der Zuschauer wird durch eine optimistische Aufbruchsstimmung mit Zukunftsvisionen plötzlich wieder aus seiner melancholischen Trägheit gerissen. Sehr poetisch und am besten gestaltet werden bei dieser Inszenierung übrigens die sensiblen Szenen mit dem letzten Einhorn, das von Mara Suter sehr gut gespielt wird. Da entwickelt auch der Text eine literarische Qualität: „Am Rand, da wird man gejagt. Am Rand, da sind sie hinter einem her.“ Das Fazit lautet: „Sie haben mir alles genommen.“ Die Musik von Jan Paul Werge unterstreicht dabei die bedrohliche Stimmung durchaus passend. Zuletzt „Bravo“-Rufe und viel Applaus für das junge Ensemble. 

Alexander Walther

 

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