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STUTTGART: ROMEO UND JULIA – Ballett. „Kostbare Liebe“

19.12.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „ROMEO UND JULIA“ 18.12.2012 – Kostbare Liebe


Von Schönheit und Leidenschaft erfülltes Paar: Sue Kin Kang (Julia) und Filip Barankiewicz (Romeo). Copyright: Leslie E.Spatt

Es ist jedes Mal wieder eine Offenbarung, wie sich Stuttgarts dienstälteste Primaballerina Sue Jin Kang mit einer Rolle identifiziert. Als Julia schöpft sie ungeachtet ihres Alters alles an natürlicher Darstellungsgabe aus, was diese Liebende aller Liebenden doppelt liebenswert macht. Und das mit einer Glaubwürdigkeit und Intensität, als ginge es um ihr eigenes Schicksal. Egal ob sie mit Anmut und Freude auf ihr erstes Ballkleid reagiert, ihre Amme zum Spielkameraden macht, bei der ersten Begegnung mit Romeo von Scheu und aufflammender Zuneigung zugleich ergriffen wird, dem romantischen Zauber von Romeos nächtlichem Werben am Balkon erliegt, sich ihm in der letzten gemeinsamen Nacht mit Wehmut und Umklammerungen hingibt, vor der Schlaftrunk-Einnahme zwischen unstillbarer Sehnsucht nach dem Geliebten und dem Betrug an den Eltern zerrissen ist oder in der Gruft entschlossen zur ewigen Vereinigung im Tod Selbstmord begeht – diese Julia lebt, liebt und leidet in jeder Faser mit der jeweils bestmöglichen instinktsicher dosierten Leidenschaft. Dass sie in ihrer unerbittlichen Disziplin keine Haltung verschlampt und immer noch eine ausgesprochen schöne zauberhafte Linie erreicht, komplettiert ihr Wirken zum puren Glück.

Solch einer empfindsamen und doch auch stark hingebungsvollen Interpretin kann ein Romeo nur mit der zärtlichen Fürsorge begegnen, die ein so kostbarer Schatz verdient hat. Die bereits in anderen Rollen-Kombinationen gewachsene und auf größtest gegenseitiges Vertrauen gestützte Partnerschaft mit Filip Barankiewicz ermöglicht genau das und auch hier ein reichhaltiges Geben und Nehmen, ein jenseits von technischen Dingen kompromissloses Aufeinandereingehen in jeder Situation, gegründet auf der Basis einer gesunden Chemie. Neben seiner schwärmerischen Ausstrahlung und tief emotionalen Gestaltung ist es auch diesmal wieder die gleichmäßig hohe Effizienz seiner Rondes des jambes, die Perfektion und Geschwindigkeit seiner Drehungen, die nach wie vor verblüfft und staunen lässt.

Ein ebenbürtiges Paar, dessen unendliche Liebe auf Erden nicht lebbar ist.

Rund um die beiden setzte Arman Zazyan Glanzpunkte als Mercutio mit musikalischer Genauigkeit, effektiv hingelegten weichen Sprüngen und Überschlägen sowie einer Spielastik, die hinter allem Jux und aller Tollerei stets auch die Träne der Melancholie und auch den ehrlichen Freund sichtbar macht. Roland Havlica ergänzte als technisch etwas hinterher hinkender Benvolio diesen Freundschaftsgedanken mit wärmender Kameradschaft. Damiano Pettenella schafft dazu den wirkungsvollen Kontrast als von aggressivem Zorn erfüllter Tybalt und setzt mit seinen mal so ganz anders angelegten letzten Aufbäumungsversuchen Überraschungsakzente.

Nikolay Godunov ist als Graf Paris genau von jener adeligen Blässe gezeichnet, die ihn für Julia so uninteressant macht, Demis Volpi füllt den Herzog von Verona und später den Pater Lorenzo trotz seiner Jugend mit hinreichender Autorität bzw. Güte aus. Und das Zigeunerinnen-Trio Katarzyna Kozielska, Oihane Herrero und Alessandra Tognoloni ist mit viel Mitgefühl mehr als nur rassiges Füllsel der bunten Marktplatz-Szenen.

Ansonsten bewährten sich die langjährigen Charakterdarsteller in den Partien der Amme, der Eltern Capulet und Montague.

Für die musikalische Komponente sorgte Dirigent Wolfgang Heinz mit einer stimmungsdicht intensiven und farbensatten Wiedergabe der Prokofiev-Partitur durch das Staatsorchester Stuttgart, wie sie im Repertoirebetrieb eher selten erzielt wird.

 Udo Klebes

 

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