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STUTTGART: ONEGIN – Ballett – „Verhaltene Emotionen“

13.10.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 12.10.2012 – Verhaltene Emotionen


Höchste Souveranität und tiefes Empfinden: Maria Eichwald als Tatjana. Foto: Stuttgarter Ballett

Die erste Vorstellung von John Crankos Puschkin-Klassiker der noch jungen Spielzeit knüpfte dort an, womit es im Juli in die Sommerpause ging: die Konfrontation einer erfahrenen Interpretin der Tatjana mit einem Onegin-Debutanten. Offensichtlich gelang es Alexander Jones nicht, die Emphase, mit der er sich vor den Ferien in diese neue anspruchsvolle Rolle stürzte, in dieser zweiten Aufführung von Anfang an aufzugreifen, um sie für einen weiteren Schritt zur Rollenprofilierung zu nutzen. Im ersten Akt konnte er jetzt bis auf ein paar Zeichen der Arroganz nur wenig von dem vermitteln, was Tatjana so an ihm fasziniert. Auf merkwürdige Art blieb da irgendwie auch die persönliche Ausstrahlung verborgen, die den britischen Tänzer über die Technik hinaus zu einem unverwechselbaren Charakter hat reifen lassen. Keine Spur von Leidenschaft drang durch den sonst so verzaubernden Traum-Pas de deux. Auf Tatjanas Geburtstagsfest begann Jones aufzutauen, Launenhaftigkeit sowie daraus resultierenden bösen Spaß sichtbar zu machen und bei Lenskis Handschuh-Übergriffen in entsprechende Emphase zu geraten. Im Duell war dann die erforderliche Entschlossenheit sowie die durch Tatjanas vorwurfsvollen Blick erzielte Betroffenheit zu spüren. Träumerische Rückbesinnung und Begegnung mit der inzwischen zur Fürstin Gremina Gewordenen zeichneten sich schließlich ebenso deutlich auf seinem Gesicht ab wie der Versuch, die einst Abgewiesene mit allen Mitteln noch für sich zu gewinnen. Bei dieser finalen Begegnung unterstützt ihn allerdings auch die aufwühlende musikalische Stimmung wie auch das Zusammenspiel mit einer Partnerin wie Maria Eichwald, auf die er sich hundertprozentig verlassen kann und technisch buchstäblich jene mithelfende Feder ist, wie es optimaler nicht sein könnte. Im übrigen versteht es die in jeder Faser durchgestaltende Künstlerin ohne großen emotionalen Aufwand, zuerst mit mädchenhafter Scheu, später mit in sich ruhender nobler Haltung auf ganz natürliche und stille Art ehrlich zu berühren.

Marijn Rademaker hat sich den Lenski nun deutlich mehr zu eigen gemacht gegenüber früheren Begegnungen, indem er einerseits dank geschickterem Frisieren weniger geziert wirkt und sich andererseits die schweren stilistischen Anforderungen seines Parts passender und durchgängig überzeugender zurecht legt. Dadurch gewinnt auch sein schauspielerisch ohnehin schon hochentwickeltes Format, zumal im aufkeimenden Zorn als auch im dem Duell voraus gehenden Schmerzens-Solo, noch an Stringenz. Erfrischend lebhaft und im fröhlichen Wesen sowie forsch schnittigem Tanz ist Anna Osadcenko wiederum eine Vollblut-Olga.

Als Muster an Korrektheit und Partnerführungs-Zuverlässigkeit ermöglichte Nikolay Godunov als Fürst Gremin wieder einmal die best mögliche Präsentation Tatjanas im Pas de deux.

Warum das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle an diesem Abend in seine frühere Haltung „Dienst nach Vorschrift“ verfiel und bei ein ihm in allen Details bestens vertrauten Stück neben diversen Tempounstimmigkeiten mit der Bühne vor allem laut und grob zu Werke ging, war nicht zu ergründen. In den kommenden Vorstellungen darf sich da also sowohl szenisch als auch im Graben noch einiges optimieren.

Udo Klebes

 

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