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STUTTGART: ONEGIN /Ballett. Nachmittags- und Abendvorstellung – ein Fest

19.11.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

STUTTGART: „ONEGIN“ 18.11.2012 Nachmittags- und Abendvorstellung – Ein Fest!!!


Publikumslieblinge – Elisa Badenes (Olga) und Daniel Camargo (Lenski). Copyright: Ulrich Beuttenmüller

Russlands bisher größter Dichter, Alexander Puschkin, vollendete 1830 einen „Roman in Versen“ – so sein neuer Gattungsname, der wohl den berühmtesten Brief der russischen Literatur enthält, den Brief von Tatjana Larina an den Titelhelden. John Cranko entdeckte das Potential dieses Werkes für das Ballett und schuf 1965 ein unvergessliches Handlungsballett, dessen Neufassung von 1967 nun 45 Jahre später das Publikum in Stuttgart immer noch in seinen Bann zieht und auf eine Art berührt, wie nur Cranko durch seine Art Geschichten zu erzählen es vermag. Dabei geht es um zeitlose und zutiefst menschliche Themen wie Liebe, Mut, Freundschaft, Fehler, die sich nicht mehr wieder gut machen lassen, unerfüllte Träume und tiefe Verzweiflung.

Eine, die die Gabe besitzt, große Gefühle auf sehr bewegende Art und Weise darzustellen ist die „Grande Dame“ des Stuttgarter Balletts, Sue Jin Kang, die, obwohl schon über 20 Jahre auf Stuttgarts Ballettbühne präsent, es immer noch vermag,  Tatjana in allen drei Akten des Balletts glaubhaft die entsprechende Note zu geben: ernsthaft, scheu und dennoch mädchenhaft am Anfang, zögerlich schwärmend im ersten Pas de deux mit Onegin, um am Ende des ersten Aktes das Publikum mit ihrer verträumten Verliebtheit anzustecken. Im zweiten Akt bleibt vor allem ihr gehobenes Haupt voller Verachtung gegenüber Onegin in Erinnerung, dessen Anblick diesen seine Tat realisieren lässt. Ihr Tanz mit Fürst Gremin im dritten Akt zeigt sie schließlich als gereifte Dame von Welt, die in der letzten Szene mit Onegin dennoch ihre tiefen Gefühle preisgibt. Am Anfang noch zögerlich und tadelnd, wird sie von ihren Gefühlen überwältigt um dennoch am Höhepunkt den Mut und die Kraft zu besitzen, Onegin, den sie immer noch liebt, zu verstoßen. Ihre Verzweiflung angesichts der eigenen Tat und der Ausweglosigkeit vermag am Ende des Balletts das Publikum bis zu Tränen zu rühren.

In Stuttgart erst zum zweiten Mal gemeinsam mit Sue Jin Kang zeigte Filip Barankiewicz seine Interpretation des Onegin: im ersten und für viele entscheidenden Akt, um dem Titelhelden die entscheidende Note zu geben, besticht er durch schöne und weiche Bewegungen, die jedoch nicht den blasierten und arroganten Onegin darzustellen vermögen. Diese Art der Interpretation kommt dann aber dem Spiegel-Pas de deux entgegen, in dem er im Zusammenspiel mit Kang Tatjanas Traum des verliebten Onegin glaubhaft vermitteln kann. Sein Abschied im Spiegel, betont durch eine kleine Pause vor seinem Verschwinden mit einer raschen Drehung, leitet zu seinem Onegin aus dem zweiten Akt über, in dem er dem Charakter erstmalig mehr Kanten gibt, vor allem durch den sichtlichen Spaß am bösartigen Flirt mit Tatjanas Schwester Olga. Auf dem Weg zum unvermeidlichen Duell mit seinem Freund Lenski sowie auch danach zeigt sich Barankiewicz unerbittlich und stolz, um dennoch von Gewissensbissen zerrissen zu werden, beim Anblick seiner Pistole sowie vor allem bei Tatjanas verachtendem Blick nach dem Duell. Im dritten Akt gelingt es ihm auf eine natürliche und deshalb berührende Art die Abwechslung zwischen Verzweiflung, Hoffnung und wieder Verzweiflung darzustellen, um am Ende mit der gleichen Drehung wie im Spiegel-Pas de deux aus Tatjanas Leben zu verschwinden.

Genau vier Wochen nach ihrem Rollendebüt kam das junge Paar Elisa Badenes und Daniel Camargo wieder als Olga und Lenski zusammen. Elisa Badenes scheint die Rolle der Olga wie auf den Leib geschnitten zu sein: bereits in der ersten Szene sprüht das Spielerische nur so aus ihr heraus, sowohl in der Art, wie sie Tatjana provoziert als auch im Zusammenspiel mit Lenski. Badenes spielt mit Technik und Rolle einfach nach Belieben. Beeindruckend ist vor allem ihre Verwandlung aus dem naiv/verspielt mit Onegin flirtenden Mädchen in die verzweifelte Frau, die nach einem letzten Kuss von Lenski weggestoßen wird und schluchzend zu Boden fällt. In die wesentlich schwierigere, technisch anspruchsvollste Rolle des Lenski hat Daniel Camargo für seinen erst zweiten Auftritt erstaunlich gut hineingefunden. Die schwierige Choreographie von Arabesques, unterschiedlichen Drehungen und Sprüngen ließ ihn wohl, trotz seines gerade auf dem Gebiet der Technik schon unter Beweis gestellten enormen Potentials, noch etwas zu schnell und leidenschaftslos durch die Schrittfolgen der Solos tanzen; im Zusammenspiel mit Elisa Badenes kamen anschließend jedoch immer wieder der jugendliche Esprit und Lenskis Charakter hervor. Im zweiten Akt sieht man förmlich seine Wut aufkochen, die in der Aufforderung Onegins zum Duell ihren Höhepunkt erfährt: die Art, wie er diesen ohrfeigt und anschließend den Handschuh zu Boden wirft, lässt das Publikum erzittern. Verdienter Applaus für dieses junge, viel versprechende, Paar.

In der Abendvorstellung konnte sich das Publikum erneut über das wieder zusammengeführte Paar Myriam Simon und Evan McKie freuen, die schon vor knapp drei Jahren ihr Rollendebüt als Tatjana und Onegin gefeiert hatten. Simon verkörperte auf wunderbare Weise die zart-verträumte, dann zögerlich-verliebte Tatjana, um anschließend im Spiegel-Pas de deux, gemeinsam mit McKie, durch leidenschaftliche Liebe, sehr stimmig dargestellt, zu berühren. Dieser Pas de deux findet seine Fortsetzung im letzten Akt, in dem beide wieder auf sehr bewegende Art das Ende des Dramas zeigen. Die in der Rolle sehr gereifte Simon kann sich auf beliebige Art und Weise frei in McKies Arme fallen lassen, gemeinsam stellen sie nun eine vertraute Einheit dar, die immer authentisch und natürlich wirkt. Diese Art der Sicherheit im Pas de deux ist nicht zuletzt auch Evan McKie zu verdanken: seine Entwicklung in der Interpretation des Onegin seit seinem Rollendebüt war deutlich zu beobachten, vor allem in dieser Spielzeit. „Quand je n’ai pas honeur, il n’existe plus d’honneur“ – wenn ich keine Ehre besitze, dann existiert keine Ehre – dieses Motto, das zusammen mit den Initialen Onegins immer wieder auf dem Vorhang zu sehen ist, spiegelt am besten die anfängliche Arroganz und Einstellung des Titelhelden wider. McKie scheint nun das Wesen Onegins vollständig erfasst zu haben, denn noch nie hat er diesen in Stuttgart so treffend und sicher verkörpert. Seine ohnehin stets akkurate Technik ist nun noch ausgefeilter: jeder Schritt wird bewusst gesetzt, jede Drehung auf den Punkt beendet, alle jetés perfekt ausgestreckt und lautlos gelandet. Bei McKie’s Körpergröße wirkt diese Präzision doppelt und gibt Onegins Charakter noch mehr Ausdruck. Es sind jedoch auch die kleinen Gesten und Blicke, die eleganten Arme das Verdrehen der Augen oder das Abwenden im entscheidenden Moment, wodurch er dem Publikum den Charakter glaubhaft vermittelt. McKie hat Onegin nun die entscheidende Kante, die bei ihm noch gefehlt hatte, gegeben, bemerkbar unter anderem auch an der Art und Weise wie er nach dem Duell zuerst unbedacht und voller Stolz den beiden Frauen entgegenkommt, um dann, nach Tatjanas Blick, in Erkenntnis verzweifelt zusammenzubrechen. Es ist genau dieses Zusammenspiel der Gegensätze, das Onegin ausmacht. Man darf gespannt sein, wie McKie die Rolle weiterhin ausfeilt.

Friedemann Vogel hat die Interpretation des Lenski zur Kunst erhoben: dies ist selbst an einem Abend ersichtlich, an dem er dem von ihm stets durch makellose Vorstellungen verwöhnten Publikum auch kleine Unsicherheiten zeigt. Man könnte fast sagen, dass Vogel manchmal am eigenen Anspruch scheitert: eine unsichere Arabesque beendet er nicht einfach, sondern versucht, diese dennoch auf die oberste Spitze zu bringen, ebenso jede Drehung komplett auszudrehen, so dass das Publikum dennoch seine Interpretation der Rolle erkennen kann. Ob im sicheren Stützen seiner Partnerin (wie immer sehr lebhaft und verspielt als Olga, Anna Osadcenko), in dem nur ihm eigenen abwechselnden Tempo seiner Schritte und Drehungen, in der feinen Technik seiner Sprünge, oder auch nur in einem Ausdruck von Trauer an Stelle von Wut, Vogel setzt überall seine eigenen Akzente in der Rolleninterpretation.

Als Fürst Gremin fungierten Nikolay Godunov – noble Aristokratie, sowie auch Damiano Pettenella – liebevolle Stütze.

Das Corps de ballet war die stets sichere Konstante durch den Abend, während beim Orchester zwischen der Leitung von Wolfgang Heinz (einfühlsame Begleitung) und Glenn Prince (leichte Unstimmigkeiten im Tempo des ersten Aktes) einige Unterschiede bemerkbar waren.

Alles in allem ein Onegin-Fest, wie man es sich in Stuttgart öfters wünscht und das vom Publikum mit Begeisterung applaudiert wurde.

Dana Marta

 

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