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STUTTGART: ONEGIN / Ballett. Den Gipfel erreicht

25.01.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 24.1. 2015 –  Den Gipfel erreicht

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Stuttgarts neuer begeisternder Onegin – Friedemann Vogel. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Jahrelang hat er als Dichter Lenski in einer organischen Verquickung von technischer Überlegenheit und gestalterischer Durchdringung Maßstäbe gesetzt, jetzt ist Friedemann Vogel zur Titelrolle in Crankos Puschkin-Klassiker aufgerückt. Spät, aber nicht zu spät. Nachdem das Debut während einer Asien-Tournee im vergangenen Herbst erfolgt war, stellte er sich nun dem heimischen Publikum in bereits etwas entspannter Form und heimste in der langen Liste an Vorgängern, nicht nur einen Achtungserfolg, sondern höchste Anerkennung ein. Der Jubel sprach deutlich genug für eine Erfüllung der Rolle, der es weder an interpretatorischem Tiefgang und schon gar nicht an formeller Bewältigung fehlte. Der große schlanke Fremdling in Schwarz, den Lenski auf dem Nachbargut der Larins einführt, zeugt von Wohlerzogenheit, edler Haltung vom Scheitel bis zur Sohle und einer schon da ansatzweise erkennbaren Gelangweiltheit. In allem was er im weiteren Verlauf tut, wie er reagiert, steckt zwar der Kopf eines überheblichen, aber im selben Moment sein Verhalten reflektierenden Menschen. Als herausragendes Beispiel dient seine Szene am Kartentisch, bei der er wie selten ein Onegin zuvor in den Spiegel eines des Landlebens überdrüssigen und auf Tatjanas immer dringlicher werdende Schwärmerei überreizten jungen Mannes blicken lässt. Nicht nur da, auch zuvor schon im nächtlichen Traum-Pas de deux mit Tatjana wird bei ihm jene Faszination offenbar, die von der Titelgestalt als Katalysator des Geschehens ausgehen sollte. Anteil daran hat auch seine aus ganz weich federnden Drehungen und weit und hoch gestreckten Arabesquen erzielte Eleganz, die auch in den Pas de deux zum Tragen kommt. Ob dann später beim Gang zum Duell, wo er für einen Augenblick die Pistole unter seinem Mantel hervorzieht oder der Wiederbegegnung mit der einst Verschmähten auf einem Ball Gremins – Vogel macht in ganz feinen, für seine Einfühlsamkeit sprechenden Nuancen sichtbar, was diesen Onegin im Innersten bewegt. In der letzten Begegnung mit Tatjana wahrt er auch im Wechselbad aus flehendem Ringen und kurzen besinnenden Momenten den feinen Stil des Mannes aus gutem Hause. Den finalen Kampf musste er er jedoch weitgehend mit sich selbst (und das bemerkenswert intensiv) bestreiten, denn Alicia Amatriain bot als Tatjana trotz tadelloser tänzerischer Form hauptsächlich routinierten Standard. Der seltene Fall einer Rückwärts-Entwicklung, die seit dem Rollendebut im Jahr 2002 von einer damals so überraschend spontanen und natürlichen Verkörperung immer mehr zu einem Kunstprodukt mutiert ist, bei dem die Direktheit der Emotionen unter einer Schicht Manierismus begraben scheint. Dieses Manko wurde auch im Vergleich zu ihrer Schwester Olga deutlich, die Elisa Badenes wieder mit so viel ansteckendem Herzblut, Leidenschaft und Esprit, getragen von ihrer schwebenden Beweglichkeit auf Spitze, erfüllte.

Welchen Standard Friedemann Vogel als Lenski gesetzt hatte, machte Daniel Camargos Ringen mit den Tücken der Partie zwischen Port de bras und Arabesquen-Ausschmückungen schmerzhaft bewusst. Bei einem technisch durchaus außergewöhnlich begabten Tänzer erstaunen solche auch nach einigen Vorstellungen noch nicht ausgemerzten Probleme besonders. Seine Ausstrahlung kann hier leider nicht darüber hinweg täuschen, dass er der empfindsamen Dichterseele mit sichtbar hochkochender Eifersucht allein einiges schuldig bleibt. Vielleicht sollten wir es aber auch hinnehmen, dass es in der Natur des Menschen liegt nicht für alle Fälle geboren zu sein.

Mit Roland Havlicas Gremin, der im  Pas de deux für seine Gattin die Basis für eine klare Linie schuf, Magdalena Dzigielewskas noch jung vertrauter Amme, Melinda Withams rollendeckender Mutter Larina, dem in vielfältigen Aufgaben mitmischenden Corps de ballet und dem unter James Tuggle situationsgerecht Tschaikowsky-Atmosphäre verbreitenden Staatsorchester Stuttgart wurde diese von Höhen und Tiefen bestimmte Aufführung komplettiert.                                                                                                            

Udo Klebes

    

 

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