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STUTTGART/ Liederhalle: STUTTGARTER PHILHARMONIKER mit Tschaikowski, Prokofjew, Strawinsky

VOLL INNERER BEWEGUNG
Überzeugendes Konzert der Stuttgarter Philharmoniker am 7. Juni 2014 in der Liederhalle/STUTTGART
 
Unter der Leitung des russischen Dirigenten Daniel Raiskin eroberten die Stuttgarter Philharmoniker sogleich mit Peter I. Tschaikowskys sinfonischer Ballade „Der Wojewode“ op. post. 78 das Publikum. Die Wiedergabe legte auf die zukunftsweisenden, fast schon avantgardistischen Schlusstakte des harmonisch aufwühlenden Werkes großen Wert. Ein Heerführer verfolgt eifersüchtig mit seinem Diener eine Frau, die sich mit ihrem Liebhaber trifft. Der Wojewode verlangt von seinem Diener, sie zu erschießen, doch der Schuss des Dieners kommt ihm zuvor und tötet den Herrn. Diese wilde und wirre Handlung hat Tschaikowsky mit einem rastlosen und unheimlichen Ostinato-Motiv gekennzeichnet, das die Stuttgarter Philharmoniker sehr gut herausarbeiteten. Celesta und Harfe beschrieben leidenschaftlich die Themen der beiden Liebenden, die sich auch in den tiefen Streichern wiederfanden. Düstere a-Moll-Blechbläserklänge zeigten fahl das schreckliche Ende des Helden. Die Staccato-Attacken gingen unter die Haut.

Eine wunderbare Entdeckung konnte man dann mit der 1993 geborenen Beatrice Rana machen. Die junge Italienerin gewann 2013 die Silbermedaille beim bekannten Van-Cliburn-Wettbewerb – außerdem erhielt sie den Publikumspreis. Eine ausserordentliche Kraft brodelte in den glühenden russischen Klangfarben von Sergej Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 16 – und Beatrice Rana kostete die Virtuosität hier voll aus. Im ersten Satz entluden sich so ungeheure Gewalten, die auch das kühn eingebaute Allegretto mit großer Energie in ihren Bann zogen. Motorisches Ungestüm beherrschte dann den zweiten Scherzo-Satz mit seinen einfachen Themen. Beatrice Rana arbeitete das wuchtige ostinate Bassmotiv präzis heraus. Die trauermarschartige Geste dieses kunstvollen Intermezzos wurde von der wendigen Solistin immer wieder weggedrängt, um einem spielerisch zarten Mittelteil Platz zu machen. Das Bassmotiv wurde immer energischer zurückgerufen. Und im grandiosen Finale brach die Gewalt eines kontrapunktischen Unwetters herein, das seinesgleichen suchte. Die pianistischen Möglichkeiten der jungen Solistin schienen hier unerschöpflich zu sein. Ein russischer Volkstanz mündete in die entfesselte Kraft und Wildheit der Schluss-Stretta. Als Zugabe gefiel noch eine Schumann-Liszt-Transkription mit perlenden Läufen und Arabesken.

Zum Abschluss überzeugten noch die burlesken Szenen in vier Bildern „Petruschka“ von Igor Strawinsky. Das Milieu des großen Jahrmarktes in St. Petersburg wurde rasch lebendig. Ein Gaukler zeigte drei Puppen: den russischen Hanswurst Petruschka, eine Ballerina und einen Mohren. Er zauberte die Marionetten ins Leben und gab ihnen menschliche Empfindungen und Leidenschaften, die Daniel Raiskin mit den Stuttgarter Philharmonikern klangfarbenreich beschwor. In seiner Verzweiflung verliebte sich der Hanswurst in die Ballerina, die aber nur mit dem Mohren flirtete, bis der eifersüchtige Petruschka in die Liebesszene hereinplatzte und vom Mohren hinausgeworfen wurde. Vor den Augen der Menge erschlug der Mohr schließlich den unglücklichen Petruschka. Das besaß in der glühend-emotionalen Wiedergabe durch die Stuttgarter Philharmoniker sehr viel Verve und Esprit, die Daniel Raiskin als Dirigent immer weiter anstachelte. Die grellen und überspitzten Klänge ließen sehr wohl deutlich werden, dass Strawinsky dieses Werk eigentlich ursprünglich als Klavierkonzert konzipierte. Die Spannkraft eines unerbittlichen Rhythmus‘ beherrschte den schrillen Klang eines russischen Tanzes. Mit automatenhaften Bewegungen wurde Petruschka vom Orchester gekennzeichnet – ein Klangakzent, den man sogar noch schärfer hätte betonen können. Tragik und Trivialität machten sich grell und grotesk bemerkbar. Das Intervall der übermäßigen Quart mit den Grundtönen der beiden Dur-Akkorde prägte sich den Zuhörern zutiefst ein. In der skurrilen Klavierfigur Petruschkas wurde der Reiz des Tritonus mit der themenbildenden Kraft deutlich charakterisiert. Auch der eingeblendete Walzer mit den Lanner-Melodien beim Erscheinen des Mohren verbreitete eine elektrisierende Kraft. Seelenlose Gewöhnlichkeit kennzeichnete die seltsame Ballerina. Bärenführer, Zigeuner und Maskierte wurden mit knappen Strichen gekennzeichnet. Und beim grotesk-tragischen Ende Petruschkas forderte Daniel Raiskin die Stuttgarter Philharmoniker noch einmal voll heraus. Als Zugabe war dann noch ein kurzer Ausschnitt aus Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“ zu hören – rhythmisch prägnant und mit dynamischer Vehemenz. Es war eine sehr forsche und klanglich mitreissende Wiedergabe. Dies war ein Konzertabend zugunsten des Projekts „Kultur für alle“ der Kulturgemeinschaft.

 
Alexander Walther

 

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