Stuttgarter Kammerorchester mit Mozart und Beethoven am 3. Oktober 2026 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART
Subtile Verbindung zweier Werke

Foto: Oliver Röckle
Bei diesem besonderen Konzert zum Tag der Deutschen Einheit setzten der Dirigent Thomas Zehetmair, der Kammerchor figure humaine und das Stuttgarter Kammerorchester Wolfgang Amadeus Mozarts Misericordias Domini KV 222 (Offertorium für gemischten Chor und Streicher) an den Anfang. Diese besondere Komposition besitzt einen erstaunlichen Zusammenhang mit Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie in d-Moll, die anschließend zu hören war. In der fugenhaften Entwicklung und den kontrapunktisch reichen Themen erkennt man nämlich bei Mozart schon bruchstückhaft Beethovens Neunte, was Thomas Zehetmair ausdrucksvoll herausstellte. Ein Strom aus Wohlklang symbolisierte hier die Ewigkeit. Anschließend erklang dann bewegend Beethovens neunte Sinfonie in d-Moll. Der erste Satz, Allegro ma non troppo, begann leise und unheimlich. Das triste Chaos des Nichts wurde hier beschworen. Dann erst formte sich aus den Dreiklangstönen der Grundtonart gebieterisch das gezackt niederstürzende Hauptthema. Es wurde noch einmal von der nebelhaften Öde des Anfangs verschluckt, kehrte mit neuer Energie zurück, erhielt Hilfe vom vielgestaltigen Komplex des Seitenthemas. Leidenschaftlicher Trotz beherrschte das kurze, verbissene Motiv. Und auch die ausgeweitete Exposition stach bei dieser ausgefeilten Wiedergabe hervor, ebenso die ausdrucksvollen Abwandlungen des Hauptthemas. Am Schluss stand das Hauptthema dann ehern da, wie gestählt durch die Stürme dieses wilden Satzes. Die Scherzoform des zweiten Satzes mit seinem eintaktigen Kopfmotiv wirkte ausgesprochen markant. Leise und fast gespenstisch jagte dieses Scherzo-Thema daher, schwoll drohend an und hielt hartnäckig an seinem unerbittlichen Rhythmus fest. Zehetmair wählte immer rasche Tempi. In den Holzbläsern tauchte ein fast dämonisch lustiger Gedanke auf. Mit prägnanten Taktwechseln überraschte der trio-ähnliche Mittelteil. Die folgende Melodie in Dur besaß deutliche Beziehungen zum „Freudenthema“ des Schlusssatzes. Erdenfern und berührend zugleich tauchte im Adagio molto e cantabile, dem dritten Satz, in den Violinen der Trost und Ruhe spendende Gesang auf. In sanfter Entrückung schwang er sich empor, mündete in eine neue Weise der Ergebenheit. Dann steigerten die beiden Melodien in Variationen ihre wunderbare Intensität – und auch die Holzbläser nahmen Anteil an diesem ergreifenden Credo. Mit einem gellenden Aufbruch begann ohne Beteiligung der Streicher der vierte Presto-Satz. Wild und unerbittlich wurde hier um die letzte Entscheidung gerungen. Thomas Zehetmair spornte das Ensemble hier zu einer Höchstleistung an! Mit einem wuchtigen Rezitativ antworteten die tiefen Streicher. Und wie Fetzen der Erinnerung hoben sich die angedeuteten Hauptthemen der vorangegangenen Sätze hervor. Immer drängender und leidenschaftlicher schob sich das Rezitativ dazwischen, bis Oboen und Fagotte zart auf die Melodie der Freudenhymne anspielten. Darauf sangen die gut aufeinander abgestimmten Solisten Alma Ruoqi Sun (Sopran), Marie Henriette Reinhold (Alt), Werner Güra (Tenor) und Matthias Lika (Bass) zusammen mit dem Chor Schillers Worte der Freudenhymne. In leidenschaftlicher Begeisterung steigerte sich dieser Jubel zu einem überwältigenden Höhepunkt: „Und der Cherub steht vor Gott“. Die marschartige Episode „Froh, wie seine Sonnen fliegen“ erschien als weitere vorwärtsstürmende Variation der Freudenhymne mit großer Trommel, Triangel und Becken. Das wirkte wie ein geheimnisvoller Nachhall der Türkenkriege. Als grandiose, atemlose Doppelfuge (mit den Themen der Freudenhymne und des „Seid umschlungen“) schloss sich eine neue, gewaltige Steigerung an, der die mystischen Verkündigungen des Solistenquartetts folgten: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt“. Ekstatische Begeisterung voller Wucht und Feuer beherrschte die Schlussakkorde! Großer Jubel des Publikums im Beethovensaal für dieses denkwürdige Konzert unter dem Motto „Götterfunken“.
Alexander Walther

