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STUTTGART/ Liederhalle: DIE FLEDERMAUS – halbszenisch

19.03.2015 | Allgemein, Operette/Musical

Stuttgart „DIE FLEDERMAUS“ 17.3. 2015  (Liederhalle) – halbszenisch ohne Verluste

 Einige Jahre nach einer in bester Erinnerung gebliebenen halbszenischen Version von Kalmans „Csardasfürstin“ haben sich die Stuttgarter Philharmoniker wieder einer Operette angenommen. Johann Strauß Königin dieser Gattung füllte nicht nur (selten genug) den großen Beethovensaal zur Gänze, sie verströmte mit so viel Gesangs- und Spiellust dargeboten, auch den unwiderstehlich moussierenden Rausch einer Gattung, die zwar sehr auf die Optik angelegt ist, aber so wie hier auch ohne richtige Bühnenbilder auskommen kann, um zu zünden.

konarek Ernst
Ein Wiener Könner: der Regie führende Frosch Ernst Konarek. Copyright: Lars Petersen

Der Wiener Universalkünstler und seit gut 25 Jahren auch in Stuttgart als Schauspieler und Radio-Sprecher sehr präsente Ernst Konarek bewies wie schon bei Kalman das richtige Gespür, entwarf eine aus Tradition und Innovation gleichermaßen bestehende Dialogfassung und setzte die turbulenten Vorgänge rund um die Rache einer Fledermaus mit Hilfe allernotwendigster Requisiten wie einem Sofa und einem Schreibtisch sowie zeit- und milieu-gerechten Kostümen auf dem schmalen Grat zwischen Ernst und Klamauk gekonnt in Szene. Und bewies obendrein wieder einmal, dass die Verlautbarungen des Gefängnisaufsehers Frosch bei einem Österreicher am natürlichsten und pointensichersten über die Rampe kommen – inklusive einiger aktueller Anspielungen (EU-Kommission in Brüssel). Da war zweifellos ein Original am Werk, bei dem der Beginn des dritten Aktes gar nicht lange genug hätte dauern können.

Den zweiten Grundstein für den Erfolg dieser Einstudierung legten die Gastgeber selbst: Stuttgarts immer wieder ungerechtfertigt in die dritte Reihe der großen Stuttgarter Klangkörper verwiesenes Ensemble hatte ebenso seinen Spaß, die Musik ausgeglichen zwischen Gemütlichkeit, Sentiment und Temperament zur Entfaltung zu bringen. Erfreulich, dass auch ein Dirigent vom anderen Ende der Welt fähig ist, in diese spezielle Klangwelt mit viel Fingerspitzengefühl einzutauchen und das jederzeit passende Zurücknehmen und Loslassen der Tempi wie eine Delikatesse zu servieren und damit den Sängern eine ideale Basis zu bieten. Der Australier Nicholas Milton hatte sichtbar genauso viel Vergnügen an diesem Operetten-Ausflug wie einige der Solisten aus viel Erfahrung mit diesem Bühnen-Metier.

Aus dem bunt zusammen gewürfelten und doch bemerkenswert leicht zusammen gefundenen Ensemble ragte Anja Nina Bahrmann nur deshalb hervor, weil die Dankbarkeit der Stubenmadl-Partie Adele unübersehbar ist. Mit quicklebendigem, um keine Miene verlegenem  Spieldrang setzte sie, unterstützt von einem hellen, koloraturbeweglichen und höhenklaren Sopran mit erfreulich viel Mittellagen-Substanz, die größten Glanzlichter der Aufführung. Die ebenfalls seit einigen Jahren an der Wiener Volksoper engagierte Kroatin Martina Mikelic tat es desgleichen mit einer Darstellung und Stimme glaubwürdig in Deckung bringenden Leistung als des Lebens überdrüssiger und schnöseliger Prinz Orlofsky. Das dunkle Timbre des mit viel Spannkraft geführten Mezzosoprans und das burschikos forsche Auftreten der großgewachsenen Sängerin bewirkten ein zu dieser Rolle passendes autoritäres, herbes Gebaren.

Um bei den Damen zu bleiben: Stefanie C.Braun hatte die geforderte vokale und spielerische Attitude für die Rosalinde, konnte indes mit ihrem phasenweise etwas unruhig geführten Sopran mit üppiger, nicht immer ganz frei ansprechender Höhe nicht ganz verbergen, wie schwer Operette und speziell diese sehr opern-nahe Rolle zu erfüllen ist. Sannah König ergänzte das weibliche Personal als munter mitmischende und –singende Ida.

Bei den Herren hatten die Österreicher deutlich die Nase vorne und den Vorteil des originalen Zungenschlags. Sebastian Reinthaller ist ein gestandener und aus viel Erfahrung doch so viel Spontaneität und Unmittelbarkeit einbringender Eisenstein, dessen Tenor eine gute Mischung aus Tragfähigkeit, Höhenglanz und zugespitzter sprachlicher Präsentation aufweist. Er schlüpfte nicht nur in das Habit des Dr. Blind, sondern verfremdete zum Verhör der angeblichen ungetreuen Rosalinde gekonnt die Stimme, so dass sie dem schmäleren, aber durchaus klangreichen Tenor von Georg Kalmbach verblüffend glich.

Kurt Schreibmayer wiederum sorgte als Respekt gebietender und später sehr spassig aufgelegter Gefängnisdirektor Frank mit leicht heldentenoralem Einschlag für einige markante, gewöhnlich meist unter den Tisch fallende Akzente und hatte sichtbar großen Spaß am bösen Spiel.

Timothy Sharp hatte als rächender Dr. Falke viel Lebemann-Charme, aber auch einen etwas schwerfälligen und in der Höhe unsauberen Bariton zu bieten, der Schmelz des angestimmten „Brüderlein und Schwesterlein“ kam ihm nicht so leicht wie erwünscht über die Lippen.

Nicht zuletzt empfahl sich Christian Sturm mit fein timbriertem Tenor und nicht übertrieben gigolohaftem Gebaren als sympathischer Alfred. Auch wenn es nach oben hin schmal wird und die Strahlkraft nachlässt, tut dies seiner Gesamtwirkung keinen Abbruch, weil im übrigen alles stimmt.

Auch der von Dieter Kurz vorbildlich transparent und klangvoll vorbereitete Württembergische Kammerchor Stuttgart genoss seinen Ausflug aus den sonstigen Gefilden geistlicher Musik in das Wiener Walzerleben mit geschmackvollen bunten Roben für die Damen sichtbar und musste dafür auch in dieser halbszenischen Präsentation nicht ganz auf tänzerischen Einsatz verzichten.

Der Stimmungspegel stieg zum Schluss hin noch ordentlich und bescherte den Solisten zu den Klängen der nachträglich gespielten Polka „Unter Donner und Blitz“ von viel Begeisterung begleitete Solo-Vorhänge.

Auch mit geringen vokalen Einschränkungen – auf die nächste halbszenische Operette müssen wir, aber auch die Stuttgarter Philharmoniker hoffentlich nicht wieder einige Jahre warten.                                                                                    

Udo Klebes

 

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