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STUTTGART/ Liederhalle/ Beethovensaal: 6. SINFONIEKONZERT (Ligety, Grieg, Sibelius): Rustioni; Brauß

Phänomen der Fläche

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Elisabeth Brauß: Foto: Monika Lawrenz

 6. Sinfoniekonzert „Was ist fern?“ am 27.5.2019 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART 

PHÄNOMEN DER FLÄCHE

1967 präsentierte György Ligeti mit „Lontano“ für großes Orchester ein Werk, das aus beweglichen Klangflächen besteht. Zu Flöte und Violoncello treten hier nach und nach immer mehr Instrumente hinzu, die den Horizont zu erweitern scheinen. Magische impressionistische Eindrücke verdichteten sich auch in der subtilen Wiedergabe des Staatsorchesters Stuttgart unter der Leitung von Daniele Rustioni hier immer deutlicher. So entstand eine dichte atmosphärische Musik, die auch irgendwie außerirdisch wirkte und an Lichtjahre denken ließ. Intervalle und chromatische Schichtung wechselten sich reizvoll ab. So entstand auch eine seltsame harmonische Doppelbödigkeit, die Dirigent und Orchester eindringlich ausloteten. Die junge, sehr vielversprechende Pianistin Elisabeth Brauß gestaltete dann höchst eigenwillig und hochsensibel das Klavierkonzert in a-Moll op. 16 von Edvard Grieg. Es ist ein Werk, wo die Gesetze des symphonischen Konzertes ganz bewusst durchbrochen werden. Die Gegenüberstellung zweier Themen im ersten Satz gelang Elisabeth Brauß ganz ausgezeichnet, wobei sich der Einfluss von Schumann zeigte. Die Elemente des Lyrisch-Rhapsodischen triumphierten dann im Adagio, wo Elisabeth Brauß zusammen mit dem durchsichtig musizierenden Staatsorchester Stuttgart unter der einfühlsamen Leitung von Daniele Rustioni die herb-innigen nordischen Volksliedmelodien in bewegender Weise interpretierte. Und das eigenwillig-tänzerische Hauptthema des dritten Satzes zeigte bei dieser transparenten Wiedergabe ein prägnantes Profil. Die spielerische Verwandlung wirkte hier bemerkenswert. Hymnische Pracht und enthusiastischer Jubel beherrschten dann den Abschluss dieses ungewöhnlichen Klavierkonzerts, dem die junge Pianistin grandiose Arpeggien entlockte. Neben der Stretta-Form wurde das schöne zweite Thema machtvoll ausgebaut. so erntete Elisabeth Brauß zu Recht großen Jubel für ihre Interpretation, der noch eine sensibel gespielte Romanze von Clara Schumann zu deren 200. Geburtstag folgte.

Zum Abschluss  interpretierte das Staatsorchester Stuttgart unter der energischen Leitung von Daniele Rustioni die Sinfonie Nr. 2 in D-Dur op. 43 von Jean Sibelius. In diesem im Jahre 1902 entstandenen Meisterwerk dominieren die finnischen Melodie-Elemente. Im ersten Satz fiel bei dieser Wiedergabe das pastorale Thema der Holzbläser  besonders auf. Weicher und  nachdenklicher antworteten dabei die Streicher, wobei die leidenschaftliche Weiträumigkeit der Themenentfaltung nicht zu kurz kam. So kam es zu einem sehr emotionalen harmonischen Anstieg. Der zweite Andante-Satz wirkte hier wie die eindringliche Suche nach einem seelischen Halt in unruhiger Zeit, wobei die Nähe zu Tschaikowsky spürbar blieb. Wie verloren wirkte der Paukenwirbel, die Figur der Kontrabässe ging geheimnisvoll auf die Celli über. Dunkel erschien auch die Fagottmelodie. Leidenschaftliches Aufbegehren endete in einem jähen Zusammenbruch, den Daniele Rustioni mit dem Staatsorchester Stuttgart packend herausarbeitete. Wie aus weiter Ferne erklang die Streichermelodie, wobei die Beziehung zum Kernthema des ersten Satzes hervorstach. Als wilde Jagd hetzte das Scherzo des dritten Satzes atemlos vorüber, wobei Rustioni die spukhaften Momente durchaus markant betonte. Eine Oboenmelodie  beschwor den Volkslied-Charakter in einfühlsamer Weise. Ein robustes Kopfthema meldete sich im Finale mit sieghaftem Charakter. Auch hier wurden die Anklänge an den ersten Satz ausgezeichnet herausgearbeitet. In imposanten Steigerungen behauptete sich der hymnische Schluss in erschütternder Art. Leittonfremde Melodik, eigenwillige Harmoniefolgen sowie Folgen von abfallenden Quart- und Quintsprüngen machten sich bei dieser strukturell genauen Wiedergabe immer wieder mit suggestivem Klang bemerkbar.

Begeisterter Schlussapplaus.

Alexander Walther      

 

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