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STUTTGART/ Liederhalle: 1. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS

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C0rnelius Meister. Foto: Marco Borggreve

Erstes Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in der Liederhalle/STUTTGART am 7.10.2019

Sphärenhaft und leuchtkräftig

Die unfassbare Leistung des jungen Wolfgang Amadeus Mozart, der im zarten Alter von acht Jahren seine erste Sinfonie in Es-Dur KV 16 schrieb, konnte man gleich zu Beginn dieses Staatsorchesterkonzerts bewundern. Cornelius Meister ließ mit dem Staatsorchester Stuttgart die chromatischen und kontrapunktischen Spitzfindigkeiten dieses frühen Meisterwerks regelrecht aufblühen. Da waren feine Arabesken, Kaskaden und Girlanden zu vernehmen, die schon auf spätere Kompositionen verwiesen. Anschließend sang die hervorragende Sopranistin Simone Schneider Sieben frühe Lieder für hohe Stimme und Orchester von Alban Berg. Bei den einzelnen Nummern „Nacht“, Schilflied“, „Die Nachtigall“, „Traumgekrönt“, „Im Zimmer“, „Liebesode“ und „Sommertage“ betonte Simone Schneider die feinen dynamischen Schattierungen, die sich wie ein harmonischer Baldachin über das Orchesterbett wölbten. Simone Schneider konnte diese Stimmungen mit ihrem voluminösen Gesang in wunderbarer Weise ausfüllen. So entstanden irisierende Visionen zwischen Nebelwolken und dem nächtlichen Tal. Das Übereinandertürmen der verschiedenen Themen wirkte gerade bei dieser Interpretation sehr eindrucksvoll. Rhythmische und klangliche Feinheiten wurden auch von Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart nicht nur bei den Arpeggien nuancenreich ausgekostet. Breit dahinströmende Steigerungen unterstrich Simone Schneider mit bemerkenswertem Timbre. Panchromatik und thematische Keimzellen ließen die spätere Zwölftontechnik schon erahnen.


Simone Schneider. Copyright: Matthias Baus

 

Sehr schön war auch die Wiedergabe der Sinfonie Nr. 4 G-Dur für großes Orchester und Sopransolo von Gustav Mahler, wo sich Simone Schneider wiederum in besonderer Weise profilieren konnte. Cornelius Meister bot hier zusammen mit dem einfühlsam musizierenden Staatsorchester eine eindringliche Wiedergabe. Das Werk wurde im Jahre 1900 vollendet. Selbstquälerische Problematik sucht man hier vergebens, denn Mahler wandelt in dieser Komposition deutlich auf den Spuren von Haydn und Schubert. Schlichte Innigkeit strahlte bei dieser gelungenen Interpretation deutlich hervor. Ein schwelgerischer Streicherklang machte sich breit, den Cornelius Meister ausgezeichnet auskostete. Simone Schneider besang die „himmlischen Freuden“ im Finale mit jubilierendem Glanz und stählerner Strahlkraft. Eine gute Kombination, die ihrer Wiedergabe besonderes Gewicht verlieh. Die erste Station der Reise zum Himmel wirkte heiter, Vogelruf und Schellengeläut schufen eine ausgelassene Stimmung. Zierlich verschnörkelt rief das Hauptthema den lächelnden Geist Wiens wach. Ein forsches Wanderlied erschien dann umso kräftiger, warm und schwärmerisch breitete sich das zweite Thema in den Bratschen aus. Seitenthemen erschienen plötzlich in reicher Füller, aber Cornelius Meister hatte mit dem Staatsorchester Stuttgart alles im Griff. Auch das Formschema des Sonatensatzes wurde hier nicht verwischt. Ein zart-verklärter Ausklang war vor den keck-fröhlichen Schlusstakten zu vernehmen. Die Solovioline wurde allerdings zur Fiedel des Todes, ihr Klang besaß die fahle Schärfe des Unheimlichen, weil sie einen Ton höher als üblich gestimmt ist. Die friedliche Region des Jenseits zog wie eine ergreifende Vision vorüber. Das ruhevolle Adagio zeichnete dann ein ernstes Bild des „Paradieses“. Die Melodien offenbarten aber auch Leid und Schmerz, was Cornelius Meister mit dem Staatsorchester exzellent unterstrich. Das überwältigende Bild entschwand schließlich wie hinter zarten Nebelschleiern. In blendender Lichtfülle überstrahlte die Verheißung des „Paradieses“ mit dem vorweggenommenen Hauptthema des Schlusssatzes das harmonische Geschehen. „Wir genießen das himmlische Leben“, verkündete Simone Schneider mit überwältigender Klarheit und Leuchtkraft – und in vier Strophen weitete sich das Lied zum wahrhaft himmlischen Konzert. Hier fehlten das Schellengeläut aus dem ersten Satz und der Engelsgesang aus Mahlers dritter Sinfonie nicht. Der Sopran sang von „Caecilia…dass alles für Freuden erwacht“. In stiller Ergriffenheit klang das Werk aus. Meister lauschte den Klängen gleichsam nach, glättete auch geringfügige Intonationsschwankungen der Bläser. Ovationen, Begeisterung.    

Alexander Walther

 

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