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STUTTGART: LA SYLPHIDE – Ballett

26.02.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett „LA SYLPHIDE“ 25.2.2012 (WA) – diesmal mit ebenbürtiger Partnerin:


Maria Eichwald: Foto: Stuttgarter Ballett

Peter Schaufuss war selbst gekommen um mit Unterstützung von Gast-Ballettmeisterin Andria Hall seine choreographische Version des historisch bedeutenden Ballettes mit einigen Rollendebutanten einzustudieren und ihr fünf Jahre nach der letzten Wiederaufnahme wieder einen frischen Schliff zu geben. Eine der Neubesetzungen ist – angesichts ihres schon reiferen Ballerinen-Alters mag man es kaum glauben – Maria Eichwald. Aufgrund ihrer Verletzungspause während der letzten Aufführungsserie 2007/2008 kam es jetzt zu diesem verspäteten, aber in keinem Moment zu späten Debut. Schließlich war Marie Taglioni, als sie dieses Werk 1832 in Paris aus der Taufe hob und damit den Siegeszug des romantischen Ballettes einläutete, auch nicht mehr ganz jung; zudem sind all diese elfenhaften Geisterwesen alterslos. Hauptsache sie verfügen über jene Technik, die sie auch glaubhaft als solche auf der Bühne wahrnehmen lassen. Und das tut Maria Eichwald auf eine derart selbstsichere Weise, dass jeglicher Kraftaufwand und alle Schwierigkeit unsichtbar bleiben und sie mit ihren angepappten Flügeln schwerelos durch den Raum oder wie hier im zweiten Akt in die Lüfte gleitet. Im bürgerlich farbigen, in der Ausstattung von David Walker auch etwas verstaubt schweren ersten Akt bildet ihre lichte, weiße Erscheinung zudem den entsprechenden Kontrast zur realen bodenständigen Welt. Die Lichtregie macht es auch möglich, dass sie im Finale des ersten Aktes wirklich nur für James sichtbar wird, um ihm vor dem Ringtausch mit seiner Zukünftigen Effi diesen zu entwenden. Wieselflink ist ihre Bein-Virtuosität in den vielen kleinen Standsprüngen, locker gespannt in den weit gestreckten Jétes und wie selbstverständlich ausbalancierten Arabesquen. Erscheint sie zunächst wie ein kindliches Wesen, das mit James nur spielen möchte, wächst sie im zweiten, sogenannten weißen Akt, in ihrem Reich im Wald zu menschlicher Größe, in dem sie James im Moment ihres durch einen verhexten Schal verursachten Todes bedeutet, doch Effie zu heiraten. Denn letztlich bleibt es wie in allen verwandten Stoffen der Romantik bei der Unvereinbarkeit von Diesseits und Jenseits. Zurück bleibt ein total gebrochener James, zusätzlich dramatisiert durch die triumphale Gestik der Hexe Madge, die ihn für ihren Hinauswurf verflucht hatte. Friedemann Vogel ist dafür nicht nur die erforderliche Wahl an schauspielerisch zwischen höherem Streben und tiefer Verzweiflung, zwischen Getriebenheit und Einfühlsamkeit  differenzierendem Gewicht, sondern für die gesamte Partie mit der ganz eigenen Technik Auguste Bournonvilles. Wo sonst im klassischen Ballett bravouröse Drehungen und Schraubsprünge angesagt sind, stehen hier ganze Ketten an peinlicher Genauigkeit verlangenden Battements, die bei Vogels rhythmischer Präzision genauso viel Effektivität  aufweisen. Auch wenn hier mangels fehlender Pas de deux mit Führung und Hebungen von keiner Partnerschaft im eigentlichen Sinn die Rede ist, rundet sich die auf selbem Niveau stehende Klasse dieser beiden Hauptrollenträger zu einem gesamtkünstlerischen Bild, wie es bei der Wiederaufnahme-Besetzung des „Schwanensees“ im Dezember auch zu wünschen gewesen wäre.

Auch um dieses zentrale Paar herum stimmten die Charaktere und ihre Leichtfüßigkeit. Das betrifft die herzlich schelmische und flink präzise Katarzyna Kozielska als Effie genauso wie den humorig aufgelegten, den Rivalen um Effies Gunst äußerst sympathisch hervorkehrenden und zudem hoch springenden Alexander Jones als Gurn. Hyo-Jung Kang führt die Gruppe der Sylphiden mit schwebender Grazie an, gefolgt von den wohl bald die nächste Stufe erklimmenden Gespielinnen Rachele Buriassi und Miriam Kacerova. Ein Markenzeichen für sich ist die unermüdlich aktive, ihre ganze Bühnenpräsenz und ihren Heißhunger an magischer Körpersprache auslebende Marcia Haydée. Als Madge vollbringt sie das Kunststück bei aller abgrundtiefen Dämonie Menschlichkeit durchschimmern zu lassen und die Rolle bei aller teilweise entstehenden Komik vor schnell entstandener Lächerlichkeit zu bewahren.

Die lebhaft melodischen Volkstänze im typischen schottischen Gewand gelingen auch diesmal dank eines komplett lustvoll und präzise mitziehenden Corps de ballets so mitreißend animierend, dass erst gar keine durchaus nahe liegende volkstümelnde Peinlichkeit aufkommt. Sie sind vielmehr das Herz und die Keimzelle jener Welt, die James zu seiner ersehnten Flucht in ungreifbare Bereiche führen. Ein Mädchen, vermutlich Effies kleine Schwester, erregt dabei als Partnerin von Gurn soviel liebe Aufmerksamkeit, dass sie im Programm namentlich genannt werden müsste, zumal sie an der Hand ihrer besorgten Mutter (Angelika Bulfinsky) auch Solovorhänge bekommt.

Nicht zuletzt ist das Corps der Sylphiden für demonstrative Einigkeit zu loben. So manche unter ihnen dürften gute Chancen haben, zu den künftigen Titelheldinnen zu zählen. Doch jetzt wandert das Stück erst mal durch die Reihe der Ersten Solistinnen und natürlich auch Solisten. Zur guten Stimmung trug auch das herzhaft, meist sensibel und in den gefährlichen Hornsoli nicht ganz fehlerfrei zupackende Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle bei. Verdienter Jubel!                                                                    

Udo Klebes

 

 

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