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STUTTGART: JENUFA – mit Iris Vermillions archaischer Küsterin

28.03.2015 | Allgemein, Oper

Stuttgart: „JENUFA“ 27.3. 2015– mit Iris Vermillions archaischer Küsterin

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Iris Vermillion – fesselnde Sängerdarstellerin. Copyright: Robert Frankl

Der Kontrast zu Angela Denokes herzhaft berührender Interpretation im Februar hätte kaum größer sein können: Iris Vermillion, die nun mit drei Vorstellungen als Küsterin ihr Stuttgarter Operndebut gegeben hat, schöpft den Registerumfang der Partie so vollkommen aus, dass allein der mühelose Wechsel von satten breiten Tiefen zu eruptiv ausgesungenen Spitzen ein Wechselbad der Gefühle auslöst und durch die bravouröse Mischung der Farben fasziniert. Wenn denn hin und wieder mal eine Extrem-Höhe leicht zu kippen droht, fließt dies als psychisch begründete Erscheinung bruchlos in den Gesamtzusammenhang ein. Wie sie aber diesen hinreißenden Tonstrom gleichzeitig mit einer nie aufgesetzt wirkenden Dringlichkeit des Ausdrucks zwischen Liebe und Strenge füllt, dem inneren Drang der Moralhüterin folgt und doch immer auch ein gewisses mit ihrem Handeln verbundenes Unwohlsein durchhören und in ihr hochkonzentriertes Spiel miteinfließen lässt, das geht zutiefst unter die Haut und bannt das Publikum spürbar in seine Sitze. Über das familiäre Drama hinaus wächst Vermillions Küsterin in ihrem Entschluss zur Kindstötung und ihres daraus folgenden Wahnsinnszustandes zu einer Tragödin archaischer Dimension.

Auch Rebecca von Lipinski, die die Jenufa diesmal mit noch mehr Feingefühl entfaltet und deren jugendlich-dramatischer Sopran in der Höhe wunschgemäß weicher aufblüht, Pavel Cernoch als wieder flexibel zwischen üppiger lyrischer Strahlkraft und charaktertenoraler Kernigkeit angesiedelter und bemitleidenswert gestalteter Laca, Gergely Nemetis frisch intonierender und passend unbekümmert gespielter Stewa, Renate Behle als noch keineswegs alte Buryia sowie das komplette Ensemble einschließlich des Staatsopernchores konnten mit einer geschlossenen Leistung die teils überzogene Drastik und hoffnungslose Atmosphäre der Inszenierung von Calixto Bieito auffangen und immer wieder vergessen machen. Wenn Laca am Ende doch noch einer gemeinsamen Zukunft mit der begehrten Jenufa entgegen blicken kann, und dies hier beide mit einer Aufheiterung und einem befreienden Lachen kundtun, erzielt das hymnisch gesteigerte Finale nach so viel schonungsloser szenischer Visualisierung eine geradezu überwältigende Aussagekraft.

Viel aufgestaute Spannung entlud sich folgerichtig in überschwängliche Ovationen, in die auch das Staatsorchester Stuttgart und der jetzt mehr Ausgewogenheit zwischen Intensität und Lautstärke erreichende GMD Sylvain Cambreling zu Recht mit einbezogen wurden.

 Udo Klebes

 

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