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STUTTGART: DON QUIJOTE – Festtagsstimmung zum Finale

03.01.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 2.1.2012 – Festtagsstimmung zum Finale


Brillant bis in die Extrem-Positionen: Elisa Badenes (Kitri) und Marijn Rademaker (Basilio). Copyright: Stuttgarter Ballett

 Als gelte es bei der vorerst letzten Reprise des Gute Laune-Klassikers noch einmal alle Lust an ausgelassenem Tanz zu investieren, legte sich das Ensemble dieser Aufführung mit einem solchen Tatendrang in die mal rhythmisch knackige, mal sanftere, auf Petipa fußende Choreographie von Maximiliano Guerra, dass sich das Publikum in einen richtigen Begeisterungstaumel hinein reißen ließ. Von einem gewissen Besetzungsmanko bei den Toreros abgesehen (auch Roman Novitzky fehlte das letzte Quäntchen Grandezza-Präzision und das gewisse Etwas an Macho-Ausstrahlung), haben die gesamten Vorstellungen seit Spielzeit-Beginn die Spitzen-Liga des klassischen Balletts repräsentiert. Auch die letzte Alternativ-Variante des Hauptpaares bildete da keinen Abstrich, wobei hier durch den Ausfall von Maria Eichwald ehrlich gesagt nur zur Hälfte ein Rollendebut vorlag. Der Ersatz durch die gerühmte 20jährige Premieren-Tänzerin Elisa Badenes war so gesehen das Beste, was dem Abend passieren konnte: Denn sie riss den Partner, die Kollegen und die Zuschauer mit ihrer unverstellt natürlichen Charakterisierung der Kitri mit, bei der jeder Augenaufschlag, jede Geste und jede Reaktion so erquicklich echt und spontan wirkt, und die schwierigsten technischen Herausforderungen bei blitzschnellen Tempi auf Spitze und wie z.B. auch der während einer Hebung wie ein Messer aufklappende Spagat mit der Leichtigkeit eines Spaziergangs und unbeschreiblicher Feingliedrigkeit gemeistert werden. Ein Temperamentsbündel, aufreizend frech und doch so lieb in ihrer mädchenhaften Präsenz, und von entscheidender Hilfe für den neuen Basilio Marijn Rademaker, der nach anfänglicher Schaumgebremstheit und leichtem Schleppen in den Sprüngen zu ebenfalls großer Form auflief. Nicht nur, dass er aus seinem Talentköcher wieder einmal eine entgegen seiner Erscheinung unvermutet glaubwürdig leidenschaftlich charmante, aufrechte und wo angebracht auch nachdenkliche Interpretation des zu Scherzen aufgelegten Barbiers zog, sondern auch in der eruptiven Spannkraft seiner Sprünge und Drehungen sowie der genüsslich ausgekosteten einarmigen Hebungen alle Reserven gewinnend mobilisierte. Er gehört zu den Tänzern, die allemal für positive Überraschungen sorgen.

Ob Rachele Buriassi als stolze Straßentänzerin und königliche Balance haltende Anführerin der Dryaden, Hyo-Jung Kang (vor kurzem noch selbst eine glänzende Kitri) und Angelina Zuccarini (die in der „zweiten Reihe“ stehend mit stets perfekten Spitzenpositionen herausragt) als bravouröse Freundinnen Kitris, Myriam Simon als viel Güte verströmende Dulcinea in den technisch fordernden Partien oder Damiano Pettenella als herrlich reicher Schnösel Camacho, Nikolay Godunov als wahrhaft verträumter Don Quijote, Arman Zazyan als komödiantisch fein dosierender Sancho Pansa oder Petros Terteryan als nicht übertrieben komischer Vater Kitris in den mehr pantomimisch spielerischen Rollen – sie alle inclusive des bestens aufgelegten Corps de ballet und des von Wolfgang Heinz zu Attacke, Sentiment und Klangschönheit gleichermaßen angeleiteten Staatsorchesters Stuttgart sorgten für dieses lange umjubelte Erlebnis, bei dem alle dramaturgischen Schwächen und Oberflächlichkeiten hinweggewischt wurden und den einzigen Wunsch zum Ausdruck brachten: Don Quijote und Co. mögen bereits in der nächsten Saison wieder auf die Bühne zurück kehren.

Udo Klebes

 

 

 

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