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STUTTGART: DON GIOVANNI – Tragik und Heiterkeit ganz nah beieinander

10.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Stuttgart: „DON GIOVANNI“ 10.1.2013 – Tragik und Heiterkeit ganz nah beieinander

 Nach der in mehreren Medien wirksam verbreiteten Premiere vom letzten Sommer erweist sich die Inszenierung von Hausregisseurin Andrea Moses im schnell verwandel- und drehbaren zweistöckigen Hotel-Bühnenbild und den rollengemäßen Gegenwarts-Kostümen von Christian Wiehle als unterhaltsame, vom Publikum mit hörbarer Anteilnahme verfolgte Basis für Mozarts Dramma giocoso. Bei allem Temporeichtum der Personenführung verbleibt genügend Raum für Räsonierendes, bei aller manchmal auch etwas übers Ziel hinaus schießenden Komik oder etwas derb ausartenden Vorgänge (Hochzeit Zerlina-Masetto, Finale 1.Akt) und unnötiger kurzer schwäbischer Sprecheinlagen behält das Drama sein Gewicht, wird das Tragische hinter der Lustbarkeit und umgekehrt sichtbar. Warum sich Don Giovanni zuletzt selbst mit der Pistole richtet während der Komtur wieder aufersteht, oder letzterer nach seiner angeblichen Ermordung von der Bühne eher unfreiwillig von der Bühne robbt, weil es Leporello aufgrund der Gewichtsverhältnisse nicht schafft, diesen von der Bühne zu ziehen, bleiben letztlich Marginalien am Rande. Vor allem sind es aber die trefflichen Rollen-Charakterisierungen, besonders die Gespaltenheit der Frauen zwischen überspannter Verführbarkeit und rasender bzw. nagender Eifersucht, die einen so tiefen Blick hinter die ewig junge Thematik des Stücks werfen und von der Regie bis ins Kleinste aufgedeckt und ausgespielt werden.

Dies funktionierte auch mit einer größtenteils veränderten Besetzung wie an diesem Abend. Noch mehr als der Vorgänger behauptet sich Andrew Schroeder als chevalereskes Zentrum der Handlung, als anzüglicher und doch charmanter Frauenheld, ein jovialer Mann mit Manieren, aber auch spürbarer Durchtriebenheit, und einem Bariton, der in allen Lagen, mal von einer etwas flachen Tiefe abgesehen, sowohl zu schmeicheln als auch kernig aufzutrumpfen vermag. Seine drei neuen Damen konnten sich gegenüber den Kolleginnen von der Premiere nur teilweise behaupten, auch wenn bei ihnen Gesang und Spiel nicht weniger ausgewogen zusammenfließt. Catriona Smith, deren Sopran immer mehr an dramatisch geschärfter Rundung bekommt, ohne dabei an (Koloratur-)Beweglichkeit zu verlieren, bringt die zwiespältigen Gefühle Donna Annas bewegend zum Ausdruck und findet einen guten Ausgleich zwischen lyrischer Feinzeichnung und zugespitzter Attacke.

Von letzterer ist Sophie Marilleys herrlich zickig gespielte Donna Elvira geradezu erfüllt. Sie beglaubigt ihre Überspanntheit durch kraftvollen Einsatz ihres Mezzos, dessen natürliches Timbre allerdings durch zu viel unnötigen Druck leider meist verschleiert zum Vorschein kommt und teilweise auch unschön verquollen wirkt. Auf Dauer dürfte solcher Überdruck sicher nicht gut sein.

Persönlichkeitsschwächer, einfältiger und gewöhnlicher als die Alternativ-Besetzung verfügt Opernstudio-Absolventin Elinor Sohn für Zerlina im Gegenzug über den passend helleren, weicheren und Mozarts vokalem Liebreiz gerechter werdenden Sopran. An Phrasierungs-Feinheiten lässt sich noch arbeiten, dafür hat die junge Israelin auch noch genügend Zeit.

Vor Attila Juns mächtiger Erscheinung als Komtur und seinem donnernd raumfüllenden Bass heißt es sich wahrlich fürchten, zumal der Koreaner inzwischen gelernt hat, mit Gesang auch Inhalte zu transportieren.

Neben Ronan Collett, dessen etwas linkischer und doch rechtschaffen gezeichneter Masetto vokal so tragfähig und technisch eloquent daherkommt, dass ihm durchaus auch der Leporello anvertraut werden dürfte, war als dieser wiederum André Morsch zu bewundern – so einsatzfreudig wirft er sich in den Diener, der auch so gerne mal Chef sein möchte, so hyperaktiv schwankt er zwischen Selbstbehauptung und Duckmäuserei, ohne dass sein gewandter, noch nicht allzu großer, aber expansiver Bariton hinsichtlich einer konstant ausgewogenen Tongebung jemals gefährdet scheint.

Außer ihm behauptete sich, was trotz des schwächlichen und eher langweiligen Charakters schon andere Tenöre in der Vergangenheit bewiesen haben, der Don Ottavio des Atalla Ayan (anstelle des erkrankten Gergely Németi) als gefeierter Publikumsfavorit. Die Entschlossenheit, mit der er sein rollenimmanent steifes Verhalten gesanglich unterstreicht, verleiht seinem klaren Vortrag, zumal den von großem Atem und schönem, gleichmäßig gestütztem latino-gewürzten Tenor erfüllten Arien eine zündende Wirkung. Nur etwas mehr Gebrauch von Piani wäre ihm noch zu wünschen, um Mozart vollkommen gerecht zu werden.

Antony Hermus initiierte vom Pult aus wiederum eine zupackend lebendige Wiedergabe, agil in der Begleitung der Sänger, ohne Extreme und ohne die in klassischen Orchestern meist wenig überzeugenden historischen Klang-Annäherungsversuche. Stattdessen ließ das Staatsorchester Stuttgart mit innig leuchtenden Soli und Details aufhorchen.

Ein kurzweiliger, mit lebhaftem Beifall und einzelnen Ovationen gefeierter Repertoireabend.

Udo Klebes

 

 

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