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STUTTGART/ Ballett: „ONE OF A KIND “ – Die Vielfalt der Einzelnen

10.03.2019 | Allgemein, Ballett/Tanz

STUTTGART „ONE OF A KIND “ 03.03. 2019 – Die Vielfalt der Einzelnen     

 Der in Stuttgart sehr beliebte und von John Cranko früh auch als Choreograph geförderte Jiří Kylián, inzwischen einer bekanntesten europäischen Choreographen, wurde 1998 vermutlich nicht nur wegen seiner langjährigen Geschichte als Ballettdirektor beim Nederlands Dans Theater, vom Niederländischen Innenministerium mit einem Stück für das 150. Jubiläum der Niederländischen Verfassung, beauftragt. Vielleicht hat auch die persönliche Geschichte Kyliáns dabei eine Rolle gespielt, denn dieser protestierte 1968 in seiner Heimat noch im Prager Frühling, bevor er mit dem letzten Zug nach Deutschland reiste, um sein erstes Engagement in Stuttgart anzutreten. Nach Prag zurückkehren konnte er erst 14 Jahre später.

Bei der Geschichte ist Auseinandersetzung mit Politik, Freiheit und Demokratie unvermeidlich und somit ist der allererste Paragraph der Niederländischen Verfassung auch zentral für „ONE OF A KIND“: „Alle, die sich in den Niederlanden aufhalten, werden in gleichen Fällen gleich behandelt. Niemand darf wegen seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Anschauungen, seiner Rasse, seines Geschlechtes oder aus anderen Gründen diskriminiert werden.“

Als Ballettdirektor hat Kylián das Prinzip damals auf seine Tanzcompagnie übertragen, die er als souveränen Staat im Kleinformat betrachtete und den Schwerpunkt auf das Interagieren der Individuen untereinander, mit allen in der Verfassung vorgesehenen Freiheiten und Rechten. Wie werden die Prinzipien interpretiert, wenn sie in Konflikt mit den Freiheiten anderer Menschen geraten, ist man tolerant, (wie) kann ein Individuum in einer Gruppe überhaupt bestehen? Gemäß Kylián sind es diese Fragen und die Erkenntnis, dass wir niemals mit Gesetzen die Bedürfnisse aller abdecken können, wir in jeder Gesellschaftsform immer in wechselseitiger Abhängigkeit leben und lernen müssen, Kompromisse einzugehen, die Themen, mit denen sich das Stück beschäftigt.

 Dafür hat Kylián u. a. eine Auftragskomposition des australischen Komponisten Brett Dean verwendet, in dem der Staatsorchester-Solocellist Francis Gouton in allen drei Akten seitlich oder hinten erhöht auf einen Stuhl auf der Bühne sitzt, ein bisschen wie als Wächter der Prinzipien der Demokratie wirkt und immer wieder mit Impulsen die Choreographie belebt. Diese ist in Kyliáns bekannten Stil, geprägt von klare Linien und Formen, gleichzeitig aber auch von ausdrucksstarken und fließenden Bewegungen, voller Ästhetik und Harmonie.

Am Anfang kommt die Protagonistin Hyo-Jung Kang aus dem Publikum, über das Geländer kletternd, hervor, um sich dann auf schmale Balken und Brücken über den Orchestergraben in Richtung Bühne vorwärts zu bewegen. Unsicher greift sie nach hinten, da gibt es aber auch keinen Halt, so geht sie nach Gleichgewicht und Orientierung suchend weiter, bis zur Bühne – eine Szene, die als Sinnbild für die Geburt eines Individuums und seine ersten Schritte ins Leben gesehen werden kann.


Hyo-Jung Kang als „Protagonistin“ mit klarem Profil
                    Foto: Stuttgarter Ballett

Begleitet wird Kang anfangs nur von einem Lichtstrahl und die Bühne gleicht einer kalten Eisberglandschaft, dann kommen der Reihe nach jedoch auch andere Tänzer auf die Bühne und mit der Chormusik wird diese auch komplett vom Licht erfasst. Nun kann das Leben (der Tanz) in Interaktion mit anderen Individuen fortgesetzt werden. Die Protagonistin ist die zentrale Figur des Stückes, die auch die ganze Zeit über, auch in den Pausen, auf der Bühne bleibt. Kang gibt ihr viel Charakter in den Solis, mit akkurater und genauer Technik, jedoch auch viel Ausdruck, vor allem in den Pas de deux, in denen die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und Verschmelzung zum Ausdruck kommen. Am Ende des I. Aktes berührt sie somit mit Fabio Adorisio, der mit federleichten Sprüngen und fließenden Bewegungen Halt gibt, so dass sie zusammen Zuneigung und Harmonie ausstrahlen, gleichzeitig dennoch auf Distanz zu bleiben vermögen: eine Annäherung, jedoch keine Vereinigung in Liebe.             

Ausdrucksstarkes Duet: Hyo-Jung Kang und Fabio Adorisio          Foto: Stuttgarter Ballett

Der 2. Akt ist alleine durch die Musik schon wohltuend von mehr Rhythmus und Dynamik geprägt, entsprechend auch die Choreographie, von Solis über Duette bis Pas de trois und Pas de quatre. Das Bühnenbild drückt nun mehr den Anlass des Stückes aus: ein Stück gewelltes Papier so wie eine Bleistiftspitze hängen über die Bühne. Die Spitze bewegt sich und beeinflußt dadurch die Tänzer, vor allem die Protagonistin, in dem sie gefährlich fast bis zum Boden sinkt und diese damit zwingt, ihre Bewegungen darunter entsprechend anzupassen.

Am Ende des Aktes sind 11 Tänzer auf der Bühne, die einerseits in fließenden Wellenartigen Bewegungen, andererseits durch kleine Sprünge auf beiden Füßen, Gleichklang üben.

Der 3. Akt ist die mit Spannung erwartete Auflösung der Interaktionen zwischen den Individuen. Die Musik ist wieder harmonischer doch die Bühne wird durch einen Schnurvorhang aus goldenen Perlen getrennt, hinter dem drei nebeneinanderstehende Reihen von Treppen stehen. Kang kämpt vorne auf der Bühne am Boden, unter einem zweiten goldenen Schnuvorhang, ‘mal davor ‘mal hinter dem Vorhang, Diana Ionescu und Daniele Silingardi wagen den Durchgang nach hinten. In verschiedenen Pas de deux wird Zweisamkeit gesucht, ‘mal harmonischer, ‘mal müssen die Tänzer, auf allen Stufenreihen stehend, die verstört in ihren Armen kämpfenden Partnerinnen halten und am Ende geht Kang doch alleine durch den goldenen Vorhang, um dann auf den Stufen hinauf zu verschwinden.  

Das Stück lebt durch die Tänzer, die als vielfältige Individuen sowie als Gemeinschaft die Botschaft vermitteln. Bei dem eher homogenen Stück wirken die bereits erwähnten sowie alle anderen Tänzer fast gleichermaßen, unabhängig ob Erste Solisten oder Corps de ballet:  Coralie Grand, Minji Nam, Jisoo Park, Elisa Ghisalberti, Angelina Zuccarini, Flemming Puthenpurayil, Noan Alves, Timoor Afshar, Christian Pforr, Moacir de Oliveira, Shaked Heller, Veronika Verterich, Ciro Ernesto Mansilla, Ami Morita und Alexander Mc Gowan.

So ein Thema choreographisch zu erfassen ist kein leichtes Unterfangen. „ONE OF A KIND“ wirkt eher als Ganzes, ohne wesentliche Höhepunkte und so beeindruckt dieser etwas in die Länge gezogene Abendfüller weniger als die bisher in Stuttgart gezeigten, kürzeren und intensiveren, Stücke von Kylián. Doch die Botschaft und die tänzerische Auseinandersetzung damit, machen den Abend sehenswert, vor allem dieses Jahr, in dem auch die Weimarer Verfassung, aus der einige Artikel in das Grundgesetz der Bundesrepublik eingingen, ihr 100. Jubiläum gefeiert hätte.     

Kein leichtes Unterfangen ist auch die Demokratie: dem Ende des Stückes nach zu deuten, ist die Integration in die Gemeinschaft und das Leben in Toleranz und wechselseitiger Abhängigkeit noch nicht gelungen – ein Thema, das auch die Politik der Gegenwart beschäftigt – und wodurch das Stück, 21 Jahre nach der Entstehung, nicht an Aktualiät verloren hat.

Dana Marta

 

 

 

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