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STUTTGART/ Ballett: MAYERLING – gibt es noch eine Steigerung?

19.06.2022 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„MAYERLING“ 17.6.2022 – gibt es noch eine Steigerung?

Über die qualitative Einordnung von Sir Kenneth McMillans 1978 fürs Royal Ballett konzipiertes Ballett eines dunklen Kapitels in der Geschichte des österreichischen Hauses Habsburg gehen die Meinungen etwas auseinander. Manche halten es in Details für etwas antiquiert, manche sehen darin ein gerade in allen Valeurs sehr stimmiges Historiendrama. Keine Zweifel herrschen an der kunstfertig-ausdrucksgewaltigen Prägung der zahlreichen Pas de deux, die hier in der Nachfolge des früh verstorbenen John Cranko zu einem diesem ebenbürtigen und nicht mehr zu toppenden Höhepunkt gelangt sind. Und Einschränkungen hin oder her – der Gesamteindruck ist und bleibt auch nach vielfachem Erleben ungebrochen faszinierend, wie den anhaltenden Begeisterungsstürmen auch nach dieser Vorstellung zu entnehmen ist. Ein Teil davon geht auch auf das Konto von Meisterausstatter  Jürgen Rose, der der Choreographie für die Stuttgarter Erstaufführung vor drei Jahren ein  leichteres, transparentes Setting in Schwarz-Weiß mit genauen Nachzeichnungen der diversen Schauplätze sowie edlen farb-duftigeren Kostümen eine Verjüngungskur verpasst hat, die den Tanz noch deutlicher hervor treten lässt.

mayerling badenes, vogel 2.akt juni 2022
Überwältigend: Friedemann Vogel (Rudolf) und Elisa Badenes (Mary). Copyright: Stuttgarter Ballett

Aber kann es trotz bereits totaler Erfüllung beim jetzt wieder angetretenen Hauptpaar der Stuttgarter Premiere immer ein noch besser, noch stärker, noch eindringlicher geben? Wie sich Friedemann Vogel in aller Konsequenz die über alles Vorstellungsmaß hinaus fordernde Partie des Rudolf zu eigen gemacht hat, den zunehmenden Verfall des im Stich gelassenen Kronprinzen in Mimik, Gestik und tänzerischer Verinnerlichung zu eigen gemacht hat und woher er in seinem reifen Tänzeralter die körperlichen Kräfte mobilisiert – das verdient höchste Bewunderung und ist in der Gesamtheit an diesem Abend noch eine Stufe überwältigender zu erleben.

Ähnliche Faszination gilt der wichtigsten Partnerin Elisa Badenes, die die blutjunge Mary Vetsera überzeugend mädchenhaft, einerseits lebensfreudig raffiniert, auf der anderen Seite von romantisch übersteigerter Todessehnsucht ergriffen verkörpert und die Choreographie mit Leichtigkeit und äußerster Hingabe, speziell in den Pas de deux durchmisst.

mayerling zuccarini, vogel 1.akt juni 2022
Spannender Zwiespalt zwischen Friedemann Vogel (Rudolf) und Angelina Zuccarini (Gräfin Larisch). Copyright: Stuttgarter Ballett

Angelina Zuccarini ist eine nicht plakativ intrigant handelnde, mehr auch durch Beistand menschlich gefestigte Gräfin Larisch und kann sich wie immer auf ihre auf allen Ebenen versierte technische Sattelfestigkeit verlassen.

Mit Miriam Kacerovas nobler, gemäßigt kühler Kaiserin Elisabeth, Veronika Verterichs spröd liebreizender Kronprinzessin Stephanie, Fernanda Lopes als deren scheu aparte Schwester Louise und Anna Osadcenkos edel-nuttig präsenter Mizzi Caspar sind die weiteren maßgeblichen Frauenrollen rollendeckend besetzt.

In diesem Damen-lastigen Umfeld setzen Ciro Ernesto Mansilla, Adrian Oldenburger, Matteo Miccini und Daniele Silingardi als überwiegend virtuos sprunggewaltige ungarische Offiziere in einigen Szenen einen Kontrast. Adhonay Soares Da Silva mischt als Leibfiaker Bratfisch in zwei Soli technische Bravour mit guter Laune.

Weiters tragen zu diesem Gesamterlebnis bei: Roman Novitzky (Colonel Bay Middleton), Rolando D’Alesio (Graf Taaffe), Matteo Crockard-Villa (Kaiser Franz Joseph), Angelika Bulfinsky (Erzherzogin Sophie), Maria-Theres Ullrich (Katharina Schratt), Timoor Afshar (Graf Hoyos), Shaked Heller (Kammerdiener Loschek) und das zwar nicht sonderlich geforderte, aber in verschiedenerlei Funktion passend die Konvention des Kaiserhofes abbildende Corps de ballet.

Wolfgang Heinz leitet im Dauereinsatz durch den Ausfall des Musikdirektors auch durch die recht komplexe Partitur mit von John Lanchberry orchestrierten Werken Franz Liszts konzentriert und im Rahmen des Möglichen auch auf Nuancierungen bedacht. Das Staatsorchester Stuttgart folgt ihm mit nicht immer ganz intonationssauberem, aber stückgemäß auch zupackend geschärftem Spiel.

 Udo Klebes

 

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