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STUTTGART/ Ballett: „LEONCE UND LENA“ 30.9. (Wiederaufnahme) – Die Kunst der Karikatur

02.10.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett „LEONCE UND LENA“ 30.9. 2014 (Wiederaufnahme) – Die Kunst der Karikatur

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Entbrennende Liebe: Alicia Amatriain (Lena), Marijn Rademaker (Leonce). Foto: Stuttgarter Ballett

 Nachdem Stuttgarts einstiger Hauschoreograph Christian Spuck seine 2008 in Essen uraufgeführte und 2010 erstmals beim Stuttgarter Ballett einstudierte Georg Büchner-Komödie an seiner jetzigen Wirkungsstätte Zürich gezeigt hat, ist dieser köstlich ironische Spaß zur Spielzeiteröffnung wieder nach Stuttgart zurück gekehrt.

Der Ausfall der Drehbühne zwang dabei einerseits zur Mithilfe der Tänzer bei den pausenlosen Szenenverwandlungen, doch erwies sich die Bühneneinrichtung von Emma Ryott als äußerst praktikabel, so dass es für die Gesamtwirkung der Aufführung keine Einschränkung bedeutet. Ihre karikierende Akzente setzenden, leicht verfremdeten Kostüme der Biedermeierzeit tragen auch jetzt wieder ihren Teil zum Vergnügen bei, vor allem wenn sie beim Hofstaat die marionettenhaften Bewegungen noch unterstreichen. Spucks choreographische Einfälle erschließen bei der Wiederbegegnung keine neuen Details, lassen jedoch in ihrer Zuspitzung parodierender Chiffren auch jetzt wieder schmunzeln oder gar herzhaft lachen. Diverse Stil-Zitate aus Crankos Handlungsballetten, mit denen er eine Parallele zu den vielfachen literarischen Anleihen Büchners geschaffen hat, unterstützen dies ebenso wie die z.T. collage-artige Dramaturgie mit ihren ausgedehnten stummen Momenten. Langeweile und Zerstreutheit einer überholten, weil erstarrten Adelsgesellschaft wie auch die Derbheit des Volkes werden darin gehörig aufs Korn genommen, aber nicht veralbert. Da schlägt die große Stunde des Corps de ballet, das als popanzartige Hofgesellschaft und als verschrobene Bauern-Paare zu Walzer und Polka herrlich schräg tanzen darf oder mit frontal ins Publikum gerichtetem, kabarett-reifem Minenspiel mehrfachen Szenenapplaus auslöst.

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Königlich zerstreut – Damiano Pettenella (König Peter) mit den Hof-Honoratioren. Copyright: Stuttgarter Ballett

Ein Großteil der Solisten und Corps-Tänzer, die die Vorstellungen in der Saison 2010/11 getanzt hatten, sind dem Stuttgarter Ballett mittlerweile abhanden gekommen. Für die Neueinstudierung wurde aber nun weitgehend auf die noch Verbliebenen zurück gegriffen, so dass es bei den Hauptrollen nur 1 Rollendebut zu feiern gab: Alicia Amatriain. Als Lena ist ihre manchmal überpointierte Mimik am rechten Platz, ihr Schmollen und Grinsen trifft hier den richtigen Nerv, dazu gibt sie Spucks technisch hier nicht übermäßig anspruchsvollen Herausforderungen eine dynamische Leichtigkeit, die ihren Part schwereloser erscheinen lassen als bisher. Was ihr wie auch dem höchst vielseitigen, den Leonce um eine Spur zu überlegt und kalkuliert angehenden Marijn Rademaker abgeht: die Unbefangenheit, das kindliche Element, mit dem vor allem das Premieren-Paar eine zusätzlich berührende Ebene geschaffen hat. Ihre füreinander bestimmten und dann zufällig in Liebe zusammen findenden Königskinder aus den Phantasiereichen Pipi und Popo sind schon zu erwachsen oder ihren Rollen entwachsen.

Bei Anna Osadcenkos spitzbübischer Gouvernante und Arman Zazyans sprung-exzessivem, bestens aufgelegtem Müßiggänger Valerio sprang der Funke unmittelbarer über, so dass sie zu Publikumsfavoriten wurden. Damiano Pettenella spielte als höchst vergesslicher König wieder seine Ader für gut dosierte Komödiantik aus. Angelina Zuccarinis spitzenagil puppige Mätresse Rosetta erheiterte in der Folge ebenso wie die Honoratioren des Hofes, allen voran Magdalena Dziegielewska, die als Hofmeister ein verblüffendes Register an Automaten-Bewegungen ausspielt und Louis Stiens als sarkastische Züge aufweisender Hofprediger.

Das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle ließ die eingängigen Strauß und Co-Kompositionen gefühlvoll, wo angebracht auch passend mechanisch, entfalten, konterkariert von den eine transzendente Atmosphäre schaffenden elektronisch gerierten Kreationen Martin Donners. Viel Jubel um göttliche Langeweile!                                        

Udo Klebes

 

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