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STUTTGART/ Ballett: KÖRPERSPRACHE 3 – Uraufführung

24.03.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „KÖRPERSPRACHE³“ 23.3.2012 (Uraufführung) – Tiefe Ängste und pure Lebensfreude:

 
Friedemann Vogel – Animateur und Vorbild für die ganze Gruppe in Bigonzettis „Il Concertone“. Copyright: Ulrich Beuttenmüller

Nicht nur der Wiederbezug des nach Sanierung ärgerlicherweise immer noch mit technischen Mängeln behafteten Schauspielhauses machte neugierig, auch das Programm mit drei Novitäten brachte nach der bislang ganz auf abendfüllende Handlungsballette konzentrierten Spielzeit willkommene Abwechslung. Zumal von drei Choreographen, die alle für einen sehr eigenständigen Stil stehen.

BLACK BREATH“ nennt Hauschoreograph MARCO GOECKE in bewährter Zusammenarbeit mit Michaela Springer (Bühne + Kostüme) und Udo Haberland (Licht) seine neueste Kreation. Sein ganz unkonventioneller Zugang zum Tanz wird immer für sehr geteilte Meinung sorgen – diesmal wurde es ein richtig runder Erfolg, auch weil sich die existenzielle Angst des Menschen vor sich selbst bislang kaum so raumgreifend breit gemacht hat und unmittelbar bewusst geworden ist. Die Mittel dafür sind wie meist bei seinen Stücken ungewöhnlich und irritierend. Am Anfang und Ende lässt eine Windmaschine auf der Hinterbühne die in Streifen herabhängenden Hosen der zwei Tänzerinnen und sieben Tänzer flattern, dazwischen füllt lautes Ausatmen den dunklen Raum und unterstützt die nervös aus ihren Körpern herausfahrenden Arme. Flirrend hohe und liegende Streicherklänge von György Ligeti vermischen sich mit einem Folksong von Bonnie „Prince“ Billy zu einer verstörenden Klangkulisse, die den via Körper ausgedrückten Ängsten auch eine akustische Basis verschaffen. Mit totaler körperlicher Hingabe fallen vor allem Elisa Badenes (kaum zu glauben, dass das dieselbe Tänzerin ist, die erst im Dezember in „Schwanensee“ mit perfekter klassischer Brillanz Furore gemacht hat), Alexander Zaitsev und von den jüngeren Corps-Mitgliedern der große und wendige Robert Robinson sowie der mehr athletisch ausdrucksstarke Jesse Fraser auf.  

Beim Öffnen des Vorhangs zu „Sssss“ gemahnt die Bühne an eine ähnliche Variante von Jerome Robbins „The Concert“, das hier vor einigen Jahren zu sehen war. Doch die Ausstattung und Kostüme von Thomas Mika (ein Flügel und geordnete Reihen von Klavierhockern vor nachtblauem Himmel, in dunklen Blautönen gehaltene Ganzkörper-Trikots) skizzieren nicht eine Parodie des Konzertpublikums, sondern die sich aus einer Probenatmosphäre zu „Chopin“-Musik spontan ergebenden körperlichen Gefühle. Der Rumäne Edward Clug ist jedoch in seiner zweiten Arbeit für das Stuttgarter Ballett so klug, auf bislang noch nicht durch andere Stücke belastete vier Klavier-Soli zu setzen. Chopins so unnachahmlich Poesie verströmende Musik lässt drei Tänzerinnen und drei Tänzer den Raum auf ungewöhnliche Weise in Besitz nehmen. Ruckhaft gezerrte Bewegungen, abrupte Fall- und Zieh-Motionen, Liegestütz-Varianten und irre Beinverbiegungen bilden zunächst einen total gegen die getragenen und von Glenn Prince auch sehr empfunden gespielten vier Nocturne des Komponisten gerichteten Bewegungs-Modus. Je mehr sich die anfangs in fixer Kombination tanzenden Paare zu wechselnden Trios mit kleinen Eroberungskämpfen um die Frauen formieren, die wiederum mit leisem Humor kommentiert werden, verdichtet sich Clugs Umgang mit Chopin zu einer vollgültigen Alternative. Es spricht auch sehr für die Choreographie, dass die individuellen Charakter-Züge der Tänzer einbezogen werden und dem nicht konkreten, aber auch nicht abstrakten Stück etwas Unverwechselbares einprägen. Ob die sanfte Hyo-Jung Kang, die forsch bestimmte AnnaOsadcenko, die einen Tick Erotik einbringende Oihane Herrero, der männlicher und ernster gewordene William Moore, der melancholisch heitere Arman Zazyan oder der emotional weiche Roman Novitzky, alle tragen einen gleichgewichtigen Teil zu diesem atmosphärischen Stelldichein bei, das in seiner Struktur durchaus als eine kleinere Variante von Robbins „Dances at a Gathering“ bezeichnet werden kann.

Als ob es schon im Laufe der Proben vorauszuahnen war, wurde Mauro Bigonzettis „IL CONCERTONE“ als Abschluss des Abends angesetzt, denn der fünften Kreation des Italieniers für das Stuttgarter Ballett wäre an tänzerischem Enthusiasmus und musikalischer Stimmungsmache kaum noch etwas Steigernderes hinzuzufügen gewesen. Mit dem Begründer des Aterballetto Reggio Emilia startete Reid Anderson 1996 seinen umfangreichen Uraufführungsreigen, dessen Erfolg die internationale Karriere des Choreographen einläutete. Nach einigen schwergewichtigen Werken wollte Bigonzetti wieder eine leichtere musikalische Vorlage nehmen und entschied sich mit dem gleichnamigen Werk des Jazz-Pianisten Stefano Bollani für Trio und symphonische Orchestrierung von Paolo Silvestri aus dem Jahr 2004 für eine raffinierte Verschwisterung von E- und U-Musik, deren teils vorantreibender, teils besinnlicher Puls den körperbetonten Stil Bigonzettis in wieder ganz neuen Facetten erfahrbar machte. An der Spitze einer achtköpfigen Damen- und neunköpfigen Herren-Gruppe in schwarzen Shorts und freiem Oberkörper bzw. kurzen Tops steht eine Art Leitfigur, die Überzeugung und Antrieb zu höchster musikalischer Präzision vermittelt. Friedemann Vogel ist dafür genau der Richtige, denn seine körperlich scheinbar grenzenlose Totalität, sowohl in der Ausdrucks-Optimierung als in der technischen Akkuratesse, gewürzt durch leichte Ironie, ist geradezu animierend. Zwischen den oft rhythmisch rasant vorangetriebenen Gruppen-Szenen schieben sich kurze für einen ruhigen Ausgleich sorgende Pas de deux, in der sich wiederum Bigonzettis markante Vorliebe für spannungsvolle Extreme bemerkbar macht. Da ist Alicia Amatriain zurecht mal wieder als biegsames Wunder zu bestaunen und der beständig aufstrebende Roman Novitzky für genaues Partner-Handling zu loben. Oder Elizabeth Mason für eine exquisite Linie und Alexander Jones für pralle Tanzlust gepaart mit Charme.

Die Gruppen verdichten sich zuletzt so mitreißend und angereichert durch einige Überraschungspointen zu einer verführerischen Wirkung, die die Stimmung spürbar steigert und nach einem letzten gerufenen „Okey“ in allgemeiner Begeisterung endet. Immer wieder über die Tänzer huschende orangene Lichtkegel tragen ebenso zu diesem meisterhaften Gesamteindruck bei wie der in der Luft liegende Spaß, den alle Beteiligten damit sichtbar haben. Der Jubel wollte verständlicherweise nicht so schnell enden…..                

Udo Klebes

 

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