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STUTTGART/ Ballett: DIE KAMELIENDAME

mit emotional überwältigendem Armand-Debut

22.04.2019 | Allgemein, Ballett/Tanz


Elisa Badenes (Marguerite), Ciro Ernesto Mansilla (Armand) -Liebeserwachen. Copyright: Stuttgarter Ballett

 

Stuttgarter Ballett: „DIE KAMELIENDAME“ 21.4.2019 –  mit emotional überwältigendem Armand-Debut

Mit dem Engagement des 24jährigen Argentiniers Ciro Ernesto Mansilla ist Ballettintendant Tamas Detrich gleich für seine erste Spielzeit ein Glücksgriff gelungen. Ausfindig gemacht wurde er beim Uruguay National Ballett, wo er bereits in Hauptrollen, darunter auch „Onegin“, eingesetzt war. In Stuttgart startete er zwar als Gruppentänzer, doch bereits nach seinen ersten Solo-Auftritten in Natalia Makarovas „Königreich der Schatten“ Ende Dezember erfolgte die Ernennung zum Solisten. Nach dem jetzt absolvierten Debut als Armand würde es nicht wundern, wenn gar bald der Aufstieg zum Ersten Solisten ansteht, denn kurz zusammen gefasst darf über diese Vorstellung das Fazit gezogen werden, dass er das in ihn gesetzte Vertrauen und sein Engagement von außen (die allermeisten Stuttgarter Tänzer werden aus der Schule oder zumindest aus dem Corps de ballet aufgebaut) in höchstem Maße rechtfertigt hat.

Bereits mit seinem stürmisch atemlosen Auftritt bei der Auktion des Nachlasses von Marguerite Gauthier lässt der Tänzer mit üppig dunklem Haarschopf spüren, dass da einer für das brennt, was er tut, dass hier einer  nicht mit einem lediglich einstudierten Spiel, vielmehr mit einer unmittelbar vereinnahmenden Identifikationskraft mitreißt. Die anfangs verwirrten Gefühle bei der ersten Begegnung mit Marguerite, das Ineinander von Liebeserwachen und aus Unsicherheit geborenem Zögern, das pure Glück ihrer Beziehung im ländlichen Liebesnest, die maßlosen Zorn auslösende Nachricht von ihrem  Rückzug, die verwirrende Wiederbegegnung, das nochmalige Aufrauschen ihres Verhältnisses, das unter Alkoholeinfluss stehende zynische Schmähen ihrer Liebesdienste mit Geld und schließlich das schmerzhafte Erinnern beim Lesen des Tagebuches – bei Mansilla gibt es keine Situation, keinen Moment, den er nicht mit intuitivem Verständnis und emotionaler Vertiefung nachvollziehbar werden lässt. Während des Lesens des Tagebuches am rechten vorderen Bühnenrand stehend schienen ihn die Gefühle so zu übermannen, dass ihm zu wünschen gewesen wäre, aus der ersten Zuschauerreihe hätte ihm jemand ein Taschentuch gereicht.

Zudem kann Mansilla die choreographischen Finessen seines Parts aufgrund einer sichtbar außergewöhnlichen technischen Ausrüstung mehr als die meisten Interpreten zur Geltung bringen – gipfelnd in den exzessiv weiten und hoch gedehnten Spreiz-Sprüngen im von der brieflichen Verabschiedung Marguerites ausgelösten Solo am Ende des zweiten Aktes. Auch als Partner zeigt er in den zunehmend komplizierteren  Hebungen und Verschränkungen der Pas de deux große Sicherheit, woraus auch deren fließender Ablauf zugunsten körperlicher Mitteilsamkeit resultiert.


Elisa Badenes (Marguerite), Ciro Ernesto Mansilla (Armand)  – unbeschwertes Glück. Copyright: Stuttgarter Ballett

Davon profitierte die ebenfalls debutierende Elisa Badenes  enorm, ihre Rollengestaltung vom bislang ungewohnt echt empfundenen Liebeserleben über die opfernde Entsagung bis zum krankheitsbedingt zunehmenden Erlöschen ihrer Kräfte hatte zwar noch nicht die zwingende Selbstverständlichkeit ihres Partners, aber einen im Wesentlichen glaubhaften Ansatz. Phasenweise noch im Ertasten der passenden Haltung, aber stets ohne aufgesetztes Minenspiel. Dass sie mit ihrem federleichten Bewegungsduktus, ihrer Agilität auf Spitze und ihrer wiederum hilfreichen Unterstützung des Partners Neumeiers komplexes choreographisches Gefüge locker und leicht umzusetzen vermag, war ohnehin zu erwarten.

Rund um dieses beglückende Hauptpaar stellten sich weitere TänzerInnen neuen Aufgaben: Matteo Miccini zeigte als Des Grieux sichere technische Form und Charakterfähigkeit. Nur dürfte er etwas größer sein, um die wieder charismatische und fein balancierende Manon der Hyo-Jung Kang  in den körperlichen Verschlingungen vorteilhafter tragen zu können. Adhonay Soares Da Silva ist der neue, noch etwas unbekümmerte, einfach gut gelaunte und mit gewohnter Sprung- und Dreh-Effektivität präsentierte Gaston Rieux, Jessica Fyfe eine spritzig aufgelegte, mit feiner Bein- und Fußarbeit auffallende Prudence.

Aurora De Mori hat als leichtfüßige Olympia inzwischen an verführerischem Profil gewonnen, ebenso Shaked Heller als Graf N. durch eine gesteigerte Note tragikomischer Züge.


Elisa Badenes (Marguerite), Roman Novitzky (Monsieur Duval) – unerbittliche Wende. Copyright: Stuttgarter Ballett

Roman Novitzky als Autorität und Mitgefühl vereinender Monsieur Duval, Angelika Bulfinsky als in allen Details verinnerlichte Annina und Matteo Crockard Villa als gestrenger Herzog komplettierten das Solo-Personal. Im Corps de ballet gab es kleinere temporäre Unstimmigkeiten bei der Landpartie, ansonsten eine geschlossene Leistung.

Andrej Jussow, Maria Kiosseva und Alexander Reitenbach sorgten dafür, den Stimmungsgehalt der Chopin-Kompositionen als wesentliche Essenz der Choreographie und ihrer Stationen zu entfalten, teilweise begleitet vom Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz.

Der Beifall hätte zumindest für das Hauptpaar durchaus noch hervorstechend üppiger ausfallen dürfen, aber vielleicht waren große Teile des Stammpublikums an Ostern anderweitig „verpflichtet“….!

Udo Klebes

 

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