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STUTTGART/ Ballett: „ALLES CRANKO!“ mit Momenten für die Ewigkeit

16.05.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett; „ALLES CRANKO!“ 15.5.2015 – mit Momenten für die Ewigkeit

 Tanz und Musik in schönstem Einklang – die Harmonie, die die vier zu einem Abend verknüpften Choreographien John Crankos maßgeblich prägt, bietet ein wohltuendes Abheben aus unserer von so viel Missstimmung getragenen Realität und gleichzeitig einen Hochgenuss exklusiver Ballett-Kunst.

Konzert für Flöte und Harfe_c Stuttgart Ballet
Konzert für Flöte und Harfe: ein Traum in Weiß: v.l. im Uhrzeigersinn Anna Osadcenko, Daniel Camargo, Constantine Allen und Miriam Kacerova mit Herren-Corps. Copyright: Stuttgarter Balett

Besondere Spannung lag auf den Debutanten in dem seit 1989 erstmals wieder gezeigten, in den weißen Kostümen etwas entschlackten „KONZERT FÜR FLÖTE UND HARFE“, wo im Zeichen eines seltenen männlichen Ballett blanc Präzision und Synchronisation oberstes Gebot sind. Die nervliche Anspannung vermochten die beiden solistisch eingesetzten Damen Anna Osadcenko und Miriam Kacerova  nicht ganz verbergen, der Fluss der Choreographie wirkte phasenweise noch etwas gebremst, aber die Grundausstattung der beiden Ersten Solistinnen stimmt. Wo erstere vor allem mit exquisiter Beinarbeit bei den vielen kleinen Ausschmückungen analog zur Soloflöte und Harfe beeindruckt, glänzt ihre Kollegin mehr durch die große Linie und einer damit einher gehenden brillanten Haltung und Ausstrahlung. Die männlichen Pendants gingen ihren Marathon unendlicher Ansprüche der Danse d’école lockerer an. Daniel Camargo besticht mit zündender Energie in den Sprüngen und Drehungen, Constantine Allen stellt den passenden Kontrast an weich geschmeidigem Port de bras und ausgiebig durchgestreckten Arabesquen her. Beide erweisen sich zudem in den unzähligen Hebungen als reibungslose Partner. Letzterer auch wieder im Pas de deux „AUS HOLBERGS ZEIT“, diesmal mit Alicia Amatriain als technisch dynamisch herausragender Gesellin. Schade nur, dass sie diese erfrischende Frühlingsbrise mit süßlicher Mimik unnötig verzuckert, neben Allens natürlichem Strahlen fällt dies umso mehr auf.

In „OPUS 1“ zu Anton von Weberns Orchester-Passacaglia warfen sich jetzt die immer noch mehr an Expressivität und Bühnenpräsenz gewinnende Anna Osadcenko und der gleichfalls an körperlicher Mitteilsamkeit gesteigerte Alexander Jones in den elfminütigen Kreislauf des Menschen von der Geburt bis zum Tod. Unterstützt vom hier als tragende und führende Glieder sehr geforderten Corps de ballet schaffen es beide trotz aller menschlichen Hindernisse ihre Persönlichkeiten durchzusetzen.

Initialen RBME_c Stuttgart Ballet
Initialen R.B.M.E.: v.l.im Uhrzeigersinn Elisa Badenes, Daniel Camargo, Alicia Amatriain und Alexander Jones und das Ensemble. Copyright: Stuttgarter Ballett

Bei Crankos speziellstem Vermächtnis, den seinen vier damaligen Startänzern gewidmeten „INITIALEN R.B.M.E.“ verblüfft jedes Mal wieder die Bündelung all seiner charakterlichen und technischen Innovationen zu einem 50 minütigen Kaleidoskop lückenlos miteinander verbundener Soli- und Gruppeneinsätze, die Brahms romantisches 2.Klavierkonzert B-Dur bis in die letzte kammermusikalische Nuance ausreizen. Nach noch etwas verhaltenem Start warf sich Alexander Jones mit Impetus und Lust in die crescendierenden Dreh-Kombinationen und die Bühne weit vereinnahmenden Sprung-Sequenzen. Elisa Badenes schlüpfte erstmals in Birgit Keils Fußstapfen und entledigte sich der entsprechend leichtfüßig entworfenen Partie wie gewohnt mit links, d.h. in ihrem Fall mit entwaffnender Selbstverständlichkeit samt dazugehörigem Charme. Der Welt abhanden gekommen, enthoben von Raum und Zeit schuf Alicia Amatriain, hingebungsvollst unterstützt und getragen von Jason Reilly als heimlicher fünfter Initiale, in der Umsetzung des Adagio-Satzes mit seinem wehmütigen Cello-Solo mit vorbildlicher Beherrschung von Pas de bourrée und wie in Trance versunkenen Schwebe-Haltungen eine Aura der Entrücktheit und nicht zum ersten Mal in diesem Programm Momente für die Ewigkeit. So hätte es kaum schöner enden können, und doch vermochte Daniel Camargo als E die Stimmung noch einmal herum zu reißen und Brahms Allegretto grazioso mit der Flinkheit und Leichtfüßigkeit eines Komödianten zu entfalten. Nur der Humor blieb dabei etwas unterbelichtet. In kleineren Gruppen solistisch traten diesmal Angelina Zuccarini mit gewohnt exaktesten Pirouetten, Katarzyna Kozielska  mit funkelnder Spitzen-Agilität sowie bei den Herren nicht nur in diesem Stück, sondern in gleich mehrfachem Einsatz Halbsolist Robert Robinson, aber auch herausragende Gruppentänzer wie Jesse Fraser, Ludovico Pace, Nicolas Jones, Özkan Ayik und der erst jüngst als Strawinsky-Soldat zu Premieren-Ehren gekommene Marti Fernandez Paixa hervor. Deren Leistung in diesem Programm übersteigt zusammen gerechnet so manche Solo-Rolle in einem Handlungsballett. Das sollte unbedingt bedacht werden.

Für die musikalische Komponente gewährte diesmal James Tuggle, Alexander Reitenbach als Brahms-Solist, sowie die mit der Premiere vom 30.4. identischen Mozart-Solisten und das Staatsorchester Stuttgart.                                                                       

Udo Klebes                                                   

 

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