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STUTTGART/ Ballett: ALLES CRANKO – konzertante Juwelen in neuem Glanz. Premiere

01.05.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „ALLES CRANKO!“ 30.4. 2015 (Premiere) – konzertante Juwelen in neuem Glanz

 Zwei immer wieder im Repertoire gezeigte Klassiker, ein gern in Galas präsentiertes Bonbon sowie eine längst überfällige Neueinstudierung eines schon verloren geglaubten Gelegenheitswerkes zu einem Programm zusammen gespannt – auch abseits seiner abendfüllenden Dauerbrenner-Handlungsballette erweist sich John Crankos Oeuvre immer wieder als ungebrochen zeitlos und von hohem choreographischem Wert. Was Tanz und Musik in engster Korrespondenz auch ohne konkrete Inhalte an Spannung aufzubauen und zu vermitteln vermögen – dieser Abend bewies es wieder einmal ganz besonders. Unter der Aufsicht und detailgenauen Fürsorge von Choreologin Georgette Tsinguirides, die in diesem Jahr nicht nur 87 Jahre alt wurde, sondern auch ihr rekordverdächtiges 70.!!! Dienstjubiläum feiern konnte, präsentierten sich die vier Choreographien in einer Frische und Lebendigkeit, aufgesogen und umgesetzt von der hier so gut wie komplett über den Abend verteilt eingesetzten Compagnie. Es zeigte sich wieder einmal, was es heißt, den choreographischen Geist noch aus erster Hand mit Begeisterung und Tatendrang eingeflößt zu bekommen. Für die Würdigung dieser unermüdlichen Arbeit und kompletten Programm-Verantwortung wäre ein Vorhang für die Choreologin das Mindeste gewesen, doch wie so oft hielt sie sich bescheiden im Hintergrund und freute sich sicher über das hohe Niveau und die Lust, mit der die Tänzer Crankos Stern wieder einmal ganz besonders strahlen ließen.

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KONZERT FÜR FLÖTE UND HARFE – der Himmel auf Erden: E.Badenes,A.Amatriain,F.Vogel und A.Jones mit Ensemble. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Das Hauptinteresse galt eindeutig dem seit über 25 Jahren nicht mehr gezeigten „KONZERT FÜR FLÖTE UND HARFE“ aus dem Jahr 1966. Kaum zu glauben, dass dieses Werk aus der Situation frei gebliebener Kapazitäten des männlichen Corps damals mit Peter Wrights „Giselle“, wo bekanntermaßen in erster Linie die Damen gefordert sind, zu einem Abend kombiniert wurde. So entstand als Gegenüberstellung zum nächtlichen Akt der Wilis die höchst seltene Form eines Ballet blanc für Herren. Wie da Mozarts Musik (KV 299) in ihrer heiter beseelten Grundstimmung bis in die kleinste Wendung hinein eingefangen und mit Eleganz, Geschmack und höchster musikalischer Sensibilität in die tänzerischen Formen einer erneuerten klassischen Danse d’école übertragen wurde, zeugt vom Ausnahmetalent Crankos und seiner Zeiten überdauernden Faszination. In ihren überarbeiteten, gegenüber damals luftiger vereinfachten weißen Hemden erstrahlt das 10 köpfige Herrencorps zuzüglich zweier männlicher und weiblicher Solisten auf leerer Bühne in einer Klarheit, die noch die kleinste Bewegungs-Nachlässigkeit sichtbar macht. Dabei sind die Solisten genauso ins Ensemble integriert wie sie sich immer wieder organisch aus diesem herauslösen und mit einer der Damen zu kurz eingestreuten Pas de deux zusammenfinden, während das Corps flügelgleich darum herum abschirmt. Die verzierten musikalischen Läufe von Flöte (Andreas Noack) und Harfe (Friederike Wagner) sind in hoch komplizierte, viele kleine und schnelle Battements der Damen umgesetzt, in denen sich Elisa Badenes als wieder einmal verblüffend quecksilbrige Virtuosin erweist, als wäre das ganze ein harmloser Spaziergang. Alicia Amatriain punktet dagegen mit ausgedehnten Arabesquen und der Grandezza einer Primaballerina. Das unentwegt eingesetzte Corps meistert seine solistischen Herausforderungen ebenbürtigen Aufgaben nicht nur in bestechender Geschlossenheit und taktischer Sicherheit, in der Leichtigkeit unendlich aneinander gereihter kleiner Sprünge bei geschlossen gehaltenen Beinen oder der Geschicklichkeit zahlreicher Hebungen, mit denen die Damen von einem zum nächsten gereicht werden, wird da auch der eine oder andere Solist von morgen sichtbar. Friedemann Vogel glänzt wie erwartet mit stilistischer Anmut, federnder Brillanz und unermüdlich durchgestreckten Gliedern. Alexander Jones braucht sich mit akkuraten leichten Drehungen und heiter gelöster Ausstrahlung allerdings nicht hinter ihm zu verstecken. Musik und Tanz in engster Verschwisterung holen hier wahrlich den Himmel auf Erden.

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AUS HOLBERGS ZEIT – frühlingshafte Frische: Miriam Kacerova, Constantine Allen. Copyright: Stuttgarter Ballett

Ähnliches gilt im Prinzip für den 1967 in kürzester Zeit für Birgit Keil und Heinz Clauss entworfenen Pas de deux „AUS HOLBERGS ZEIT“, einem jener Stücke, bei denen Crankos Einfühlungsvermögen und Verständnis für bestimmte menschliche Charaktere besonders deutlich zum Vorschein kommt. Als wäre das in Entree, Adagio und eine kurze Coda gegliederte Stück gemeinsam mit der einer vergangenen Epoche huldigenden Streicher-Musik Edvard Griegs geschaffen worden, präsentiert es sich in schönster Harmonie, getaucht in bläuliches Licht, das sich in den vom Lila bis ins Blassblaue fließenden Kostümen bricht. Gespickt mit den schwierigsten technischen Kniffen, die Crankos bis dahin in ungeahnte Höhen entwickelte Pas de deux-Kunst bestimmen, behaupten sich die Ersten Solisten Miriam Kacerova und Constantine Allen mit feiner lyrischer Allüre bzw. frühlingshaft leicht duftender Agilität nach einem kurzen anfänglichen Moment der Verspannung als würdige Nachfolger der berühmt gewordenen Uraufführungs-Interpreten.

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OPUS 1 – die spannende Geburt des Menschen/Tänzers: Jason Reilly mit Ensemble. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Von ganz anderem Zuschnitt und letztlich doch vergleichbarer musikalisch-choreographischer Dichte ist das 1965 uraufgeführte „OPUS 1“. Der Kreislauf eines Lebens von der Geburt bis in den Tod entfaltet sich in gut zehn Minuten in Anton von Weberns spätromantischer Passacaglia op.1. und spiegelt sich gleichsam in den ebenso expressiven wie poetischen Bewegungsabläufen. Anfangs werden die beiden individuellen Gestalten in gekrümmter Haltung aus den Fängen des gemischten zwölfköpfigen Ensembles herausgehoben, dann lavriert sich das Paar in ungewohnten, gedehnten Windungen, außergewöhnlich gestreckten Hebungen durch die Lebensfänge seiner Umgebung, ehe der Mann zuletzt alleine und wieder zusammen gekrümmt mit dem Tod ringt. Alicia Amatriain und Jason Reilly treten als souverän alle Schwierigkeiten hinter sich lassende Solisten überzeugend in die Fußstapfen ihrer namhaften Widmungsträger Birgit Keil und Richard Cragun, sekundiert von den organisch in diesen Kreislauf eingebundenen sechs weiblichen und sechs männlichen Corps-Tänzern.

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INITIALEN R.B.M.E. – neues Freundschafts-Quartett: Arman Zazyan, Daniel Camargo, Myriam Simon, Anna Osadcenko (v.l.). Copyright: Stuttgarter Ballett

Allemal eine große Freude bereitet immer wieder Crankos persönlichstes Oeuvre als Summe aller seiner Arbeiten: „INITIALEN R.B.M.E.“. Das gut ein Jahr vor seinem Tod aus Verehrung und Dankbarkeit für sein führendes Tänzer-Quartett Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen entworfene Stück ist auch heute noch ein Fest der Freundschaft, so ehrlich emotional, voller Stolz und Demut zugleich, wird es von den immer wieder nachrückenden Tänzer-Generationen ausgefüllt. Zu Johannes Brahms 2.Klavierkonzert in B-Dur op.82, das er übrigens selbst in Stuttgart zur deutschen Erstaufführung brachte, und von Jürgen Rose in pastellfarben erlesene, asiatisch angehauchte Landschaftsmotive aufgreifende Kostüme und einen ebensolchen Hintergrund getaucht, entfaltet sich da ein Fest an wechselhaften Stimmungen zwischen stürmischer Emphase und elegischer Reflexion, zugeschnitten auf die besonderen Fähigkeiten des Tänzer-Quartetts und in der kaum weniger geforderten Einbindung des Corps als Geschenk an die ganze Compagnie. Als M erobert Daniel Camargo, obwohl sichtbar nicht in Bestform, mit attackevollen Luftschrauben und leicht abgefederten Endlos-Drehungen auf einem Bein beherzt und voller Tatendrang den ersten Satz, Anna Osadcenko tritt vorerst noch etwas unterkühlt und zurückhaltend, aber mit sicherer Haltung in Birgit Keils Rolle, Myriam Simon schafft mit locker aneinander gereihten engen Schritten auf Spitze sowie duftigen Ports de bras in den sicherst und sauber führenden Händen von Friedemann Vogel, in dessen Part Heinz Clauss als heimliche fünfte Initiale betrachtet wurde, eine ganz besonders schwebende, gleichfalls verklärende wie frische Atmosphäre, und Arman Zazyan ist als E seinem Top-Vorgänger mit beherzter Allegro-Freude, damit einhergehendem Vergnügen und immer wieder durchblitzendem Pfiff dicht auf der Spur. Ein Pauschallob dem ganzen, in den weiteren solistischen Parts weitgehend mit ersten Kräften besetzten Ensemble. Und nicht zuletzt ein Kompliment an Andrej Jussow, der den Klavierpart einfühlsam korrespondierend auslotete, und an das Staatsorchester Stuttgart und den Dirigenten Wolfgang Heinz, die den musikalischen Reichtum des Programms mit den jeweils entsprechenden Zutaten einzufangen vermochten.

Riesenapplaus, der nach der 230. Aufführung der „Initialen“ besonders reichhaltig ausfiel.

 Udo Klebes

 

 

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