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STUTTGART: ARIADNE AUF NAXOS. Feinmodellierung contra Kraftmeierei

29.11.2014 | Allgemein, Oper

Stuttgart „ARIADNE AUF NAXOS“ 28.11.2014 – Feinmodellierung contra Kraftmeierei

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Zwei Seiten einer Frau mit Tiefgang – Christiane Libor (Ariadne) r. und Lenneke Ruiten (Zerbinetta) l. Copyright: A.T.Schaefer

Hochdramatische Vokalität kann Welten trennen – bei der in den meisten Partien neubesetzten „Ariadne“-Serie der Stuttgarter Oper bietet sich da ein besonders markantes Beispiel. Christiane Libors üppiger Sopran verleugnet in keinem Moment das Rüstzeug für die schwersten Wagner- und Strauss-Heroinen, vermag aber aufgrund einer spielerisch leicht funktionierenden Technik eine jugendlich-dramatische Partie wie die Ariadne als dynamisch spannendes Wechselspiel zu gestalten, das Forte immer wieder zurück zu nehmen und Phrasenenden mit leuchtender Sensibilität ausschwingen zu lassen und auch den tiefen Stellen eine wohlgenährte Basis zu geben. Die typisch Strauss’schen Melodiebögen mit ihrer instrumentatorischen Gänsehaut-Bettung entfalten sich bei ihr in einer selten zu hörenden Pracht. Da sie dabei eine recht klare Artikulation wahrt, der Bedeutung jeder Phrase nachhört und in der Inszenierung von Jossi Wieler das Wechselbad zwischen Schwermut und zunehmender Gelöstheit unter dem Einfluss der Verwandlung sehr anschaulich über die Rampe bringt, darf von einer vollkommenen Leistung gesprochen werden. Ihrer Transparenz begegnet der neue Bacchus Stefan Vinke mit einer wohl imponierend unablässigen Konstitution des Aussingens aller unangenehm liegenden Phrasen seines hoch gelagerten Parts, jedoch erzeugt er mit Einheits-Lautstärke auf Dauer eher Langeweile und im Hinblick auf seine Funktion gegenüber Ariadne mehr Penetranz als Verzauberung. Der sehr gerade geführte und dazuhin kein charismatisches Timbre aufweisende Tenor ist bereits bei den Circe-Rufen, die noch aus dem Off kommen, mit einer solchen Präsenz zu vernehmen, die viele Rollenvertreter nicht einmal im Bühnenvordergrund erreichen.

Mehr Übereinstimmung gab es mit der Zerbinetta von Lenneke Ruiten. Die seit ihrer Donna Anna bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mit einem Mal ins internationale Rampenlicht getretene Holländerin erweist sich als über aus kluge Interpretin der Komödiantin, indem sie nicht auf einseitiges Charmieren mit ihrer Umwelt setzt, ihrer Rolle in der Männer-Predigt durch mehr Annäherung an die adressierte Ariadne ungewohnten Tiefgang verleiht. Ihr für eine solch exponierte Koloratur-Partie schon recht breite Anlagen für ein anderes Fach aufweisender Sopran bewältigt die Extreme noch sehr achtbar und zielsicher, tut sich indes mit der spielerischen Koketterie der Töne und der Leichtigkeit der Bravour schon etwas schwer. Dafür bietet sie wie erwähnt ein vielschichtigeres Rollen-Gesamtbild, und das ist auch nicht gerade wenig.

Die umgekehrte Reihenfolge von Oper im nachgebauten Foyer der Uraufführungsstätte des im Krieg zerstörten Stuttgarter Kleinen Hauses und dem Vorspiel als deklariertes Endspiel einer als Subtext gehaltenen Demonstration arbeitsloser oder schlecht bezahlter Künstler in der Abhängigkeit eines reichen Mäzens erschließt sich zwar nicht wirklich, lässt die Apotheose der Vereinigung von Ariadne und Bacchus zu schnell in den Alltag der chaotischen Aufführungs-Vorbereitungen verpuffen. Nur der somit zum Finale werdende Monolog des Komponisten, die Beschwörung der Heiligen Musik und ihrer Verteidigung gegenüber unsensiblen Eingriffen erhält dadurch hymnischen Charakter – noch verstärkt durch die Positionierung des Komponisten im hochgefahrenen Orchestergraben und direkt hinter dem Dirigenten ins Publikum geschleudert. Das gelingt Sophie Marilley auch diesmal wieder mit der Intensität ihres drahtig gespannten Mezzos, dem allerdings davor etwas mehr jugendliche Frische in den lyrischen Abschnitten gut anstehen würde. Neben dem wie in allen Rollen sehr präsenten neuen Musiklehrer von Michael Ebbecke machten die allesamt aus dem Opernstudio besetzten Kleinstpartien, Erik Ander (Lakai), Thomas Elwin (Offizier) und Dominic Große (Perückenmacher) auf größere Einsätze neugierig.  In bewährter Besetzung die drei Nymphen und das von André Morsch als Harlekin mit deutlich gewachsenem Bariton angeführte Komödianten-Quartett.

Transparente kammermusikalische Züge wie auch gelegentlich zu laut ausufernde Steigerungen und eine beinahe gewaltige Überhöhung des Opernendes bestimmten das Dirigat von Georg Fritzsch, dem das Staatsorchester Stuttgart mit Animo und vor allem in den Holzbläsern mit atmosphärischem Impetus folgte.

Kräftiges, wenn auch nicht wirklich begeistertes Echo auf ein Spezialwerk, mit dem ein großer Teil des Publikums offensichtlich bis heute nicht so richtig warm geworden ist.

 

                                                                                                                      Udo Klebes

 

 

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