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STUTTGART: DON QUIJOTE – Ballett- Neufassung

24.09.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 23.9. 2012 – (Premiere der Neufassung) – Jugendliches Feuer


Elisa Badenes, Daniel Camargo. Foto: Stuttgarter Ballett

 Entgegen der sonstigen Gepflogenheit, die Spielzeit mit demselben Stück zu beginnen, das die alte neueinstudiert beschlossen hat, startete die Kompagnie dieses Jahr gleich mit einer Premiere durch. Genauer gesagt mit der Erstaufführung der Neufassung des berühmten Cervantes-Stoffes, den der argentinische Primoballerino Maximiliano Guerra im Dezember 2000 als seine erste eigene Choreographie fürs Stuttgarter Ballett entworfen hatte. So mancher fragte sich angesichts des Aufwandes an Bühnenbildern und Kostümen, warum die Produktion nach eineinhalb Spielzeiten wieder aus dem Repertoire verschwand, zumal Guerra sehr darum bemüht war, das dramaturgisch schwache Stück durch eine Rahmenhandlung so aufzupeppen, um erstens den Titelhelden mehr ins Geschehen zu bringen und zweitens den Ablauf nicht als bloße Repräsentation historisch geprägten klassischen Tanzes erscheinen zu lassen. Die damals hohe finanzielle Investition in dieses Unternehmen sollte jedoch keine Eintagsfliege bleiben, und so entschloss sich die Direktion, dem Stück eine optische Entschlackungskur zu verpassen und Bühnen- und Kostümbildner Ramon B. Ivars mit der Überarbeitung der Ausstattung zu beauftragen, die sich für den Repertoirebetrieb und Gastspiele als zu aufwendig und wenig praktikabel erwiesen hatte. So bekam die Bühne unter Nutzung heutiger technischer Möglichkeiten ein neues Gewand, aus den realen Schauplätzen wurden Bilder der Illusionen, geschaffen durch vier verschiebbare Wände, auf der einen Seite transparente Bibliothek, aus der die Gestalten früherer Werke schlüpfen, auf der anderen die Taverne mit Fässern und Krügen, dann wieder zusammengesetzt als Rückwand mit dem Schriftzug des Stücktitels, dessen Ergänzung „Der Träumer von La Mancha“ von Guerra als Metapher für den Titelhelden aufgreift und ihn bereits im hinzukreierten Prolog in seine Traumwelt entschlummern lässt. Mittels Videotechnik (Roger Orra) schweben denn einzelne Buchstaben seiner Gedanken und die bekämpften Windmühlen als Projektion durch das All des Bühnenhintergrunds. Unwirkliches Licht umspielt die Traumsequenz der Dryadenwelt, warmes erdiges Licht die Volksszenen auf dem Dorfplatz. Dieser Träumer, der sich durch die Inspiration der Muse Dulcinea in Gestalt der ihn gütig und liebevoll umschwebenden Myriam Simon in seine literarische Gestalt Don Quijote verwandelt, ist Nicolay Godunov wie auf den Leib konzipiert. Das etwas stoisch schwerfällige Gebaren, die Hilflosigkeit seines Einsatzes für die Gerechtigkeit – all das findet sich in der etwas starren Mimik und dem träumerischen Wanken des Tänzers wieder, dessen technisches Können zugunsten der reinen Charakterrolle zurück stehen muss. Dabei muss er aufpassen, dass ihn Arman Zazyan als goldiger Begleiter Sancho Pansa mit liebevoller Tolpatschigkeit und ebenfalls wenig geforderter tänzerischer Bravour nicht auf die zweite Bank verweist.

Mittelpunkt des Geschehens ist die Geschichte des jungen Paares, der Gastwirtstochter Kitri und des Barbiers Basilio, die gegen den Brautvater Lorenzo ( Petros Terteryan mit großzügiger Geste) ankämpfen müssen, weil er seine Tochter anstatt des armen Liebhabers dem reichen und schnöseligen Verehrer Camacho ( eine wiederum feine humoristische Studie von Damiano Pettenella ) geben möchte. Doch mit Hilfe von Zigeunern und ihrem Prinzen, dem mit weiten Sätzen die Bühne vereinnahmenden Roman Novitzky, dem Einsatz von Quijote und Pansa sowie nicht zuletzt ihrer eigenen Schläue erhalten sie schließlich den Segen, worauf der Dichter endlich zufrieden ist und aus seinem Traum erwachend zur Feder greift, um die Episode niederzuschreiben. Auf diesem Liebespaar ruht natürlich der Hauptteil der Geschichte wie auch der Erfolg der Aufführung. Nach diversen Präsentationen des großen Pas de deux bei Galas waren die Erwartungen an die Nachwuchstänzer Elisa Badenes und Daniel Camargo entsprechend groß. Sie wurden in keinem Moment enttäuscht, übertrafen sogar jegliche Vorstellungskraft und rechtfertigten somit ihren Einsatz für die Premiere anstatt arrivierterer Solisten in jeglicher Beziehung. Ein großer Bonus ist bereits der jugendliche Impetus, die Lust und Begeisterung mit der die beiden sich in ihre Parts warfen und sich gegenseitig motiviert in ihren Leistungen hochschaukelten, Dazu besitzen sie beide einen Charme, der in Verbindung mit diesem unverbrauchten Temperament eine unwiderstehliche Kraft auf den Zuschauer ausübt. Da wirkte nichts brav eingeübt, jede Regung, jeder Blick, jede Wendung atmet den Zauber der Natürlichkeit und damit auch der Glaubwürdigkeit. Eine Sensation in Anbetracht ihres Alters ist jedoch das technische Rüstzeug, mit der sie die Höchstanforderungen an Balancen, feinster Spitzenarbeit, gleichmäßig gesteigerter Drehungen, aufgeladenen Sprüngen, Fischfiguren bis zu einarmigen Hebungen geradezu aus dem Finger zu schütteln scheinen und den Höhepunkt des Grand Pas de deux zu einem schwindeln machenden Feuerwerk aufladen, bei dem des Staunens kein Ende ist. Die nachfolgende Explosion des Publikums war da schon mitkomponiert. Die Meßlatte für die nachfolgenden Besetzungen liegt damit beängstigend hoch, es fragt sich gar, wie dieses Niveau an der bevorstehenden Silvester-Vorstellung überhaupt noch getoppt werden kann, um den Titel Gala zu verdienen.

Zu bestaunen gab es auch Anna Osadcenko, die sowohl als Straßentänzerin Mercedes mit Stolz und als Königin der Dryaden mit wie in Zeitlupe traumwandelnd sicher gedrehten Pirouetten starke Auftritte hatte. Nicht ganz auf der Höhe seiner Kunst befand sich dagegen Alexander Jones, der als Torero José-Antonio seine sonstige Ausstrahlung vermissen ließ und erst im Solo des dritten Aktes zu markanterer Form fand.

In Angelina Zuccarini und Hyo-Jung Kang als Kitris Freundinnen stehen unübersehbar zwei weitere Anwärterinnen für die Hauptrolle in den Startlöchern, so bravourös meisterten sie ihre Soli.

Ergänzend sind noch der spitzbübisch strahlende Cupido der Katarzyna Kozielska und die als Kitris Mutter viel spielerische Erfahrung einbringende Angelika Bulfinsky zu nennen.

In vollstem Maße zurück meldete sich auch das Corps de ballet, das in vielfältigen Aufgaben die Szenen mit Leben und geschlossen animierter Tanzbesessenheit füllte, zusätzlich unterstützt von den farblich prachtvoll entworfenen Traditions-Kostümen Ramon B. Ivars.

James Tuggle und das Staatsorchester Stuttgart gelang es die zwischen melodischer Reichhaltigkeit und instrumentatorischer Gebrauchsware pendelnde Musik von Ludwig Minkus und Zeitgenossen, nicht immer in genauer Abstimmung mit der Bühne, aber stimmungsfördernd und an den Höhepunkten spritzig und hinreichend gesteigert, zur Geltung zu bringen und damit dieses Tanzfest abzurunden.

Als enthusiastisch lange gefeierter Einstieg bleibt dieser Abend hoffentlich ein gutes Omen für die gesamte Spielzeit.

Udo Klebes

 

 

 

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