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STUTTGART: TOSCA – Wiederaufnahme mit dem Glanz einer Premiere

28.02.2013 | KRITIKEN, Oper

Stuttgart: „TOSCA“ 27.2. 2013 (Wiederaufnahme) – mit dem Glanz einer Premiere


 Alle Rollenwünsche erfüllend – Catherine Naglestad (Tosca) und Andrea Carè (Cavaradossi). Copyright: A.T.Schaefer

 Alterslos umschreibt Willy Deckers Inszenierung vom Juli 1998 am besten – die nunmehr 15 Jahre mit einigen Neueinstudierungen dazwischen sind ihr in keinem Moment anzusehen. Das liegt zum einen am denkbar einfachen Bühnenraum von Wolfgang Gussmann, der jedem der drei Akte nur das Allernotwendigste (Madonnen-Statue und Staffelei, Essenstafel und Maueröffnung für den Todesturz) gestattet ohne etwas vermissen zu lassen. Und zum anderen an Deckers mit der Dramaturgie des Werkes anstatt gegen sie arbeitender Regie, die den Personen und dem Geschehen einen gewissen Rahmen steckt, innerhalb dessen sie aber ihre eigens entwickelten Interpretationen einfließen lassen können. Dass die Figuren historisch orientierte Kostüme oder zumindest kleidsam zu ihren Aufgaben Passendes tragen dürfen, trägt zur Stimmigkeit des Ganzen bei.

Magdalena Fuchsberger hat diese nach nun längerer Pause erfolgte Wiederaufnahme vorzüglich geleitet, so frisch und lebendig wie am ersten Tag wirkte der ganze Ablauf und die Konzentration der Höhepunkte. Höchst motiviert zeigte sich das Ensemble, die drei Protagonisten boten wiederum so viel Eigeninitiative, dass bisweilen der Eindruck entstand, der „Laden“ laufe bei so viel darstellerischer Motivation von alleine. Wenn alle drei auch vokal in ihren Partien aufgehen, zwischen ihnen die Leidenschaften hoch kochen und von dirigentischer Seite aus voll mitgetragen wird, entwickelt Puccinis unverwüstlicher Klassiker jene kriminalistische Stimmung und mitreißende Spannung, die auch opernunerfahrene Besucher begeistert. Unter den zahlreichen Besetzungs-Alternativen der 77 bisherigen Vorstellungen war dies jedenfalls nur wenig der Fall gewesen.

Ganz an der Spitze stand stückgemäß Catherine Naglestad als Titelheldin. Bereits bei der damaligen Premiere dabei, hat die an der Stuttgarter Oper groß gewordene Amerikanerin auch durch die stetig gewachsene vokale Expansion in der mittlerweile an vielen bedeutenden Bühnen gestalteten Primadonnen-Rolle einen unanfechtbaren Status erreicht. Ihre Tosca ist wie auch ihre Norma ein faszinierendes Gesamtkunstwerk aus höchster musikalischer Flexibilität, psychologisch darstellerischer Beherrschung und beides zusammenführender Intuition. Im positivsten Sinne eine Diva, aber vor allem auch eine tief Liebende. Ihr beinahe spielerischer Umgang im Wechsel von schmeichelnden Lyrismen, fast zart gehauchten Tönen mit brodelnden Tiefen und sauber attackierten durchschlagenden Höhen erzeugt eine Gänsehaut nach der anderen. Höchstes Kompliment für ihr ganz verinnerlicht und klangschön auf Linie phrasiertes „Vissi d’arte“ nach der vorausgegangenen Verausgabung im Gerangel mit Scarpia! Ob ihre Auftritte, die Gänge über die Bühne, das Heben oder Neigen des Kopfes, der tänzerisch gewandte Umgang mit ihren bodenlangen Roben oder selbst im Stillstand rückt sie die Aufmerksamkeit in magischer Weise auf sich, ohne aber ihren Mitspielern deswegen die Show zu stehlen.

Denn auch Andrea Carè richtet als Italiener mit seiner dunkelhaarigen, attraktiven Erscheinung und seinem unbekümmerten und immer impulsiver werdenden Gebaren von Anfang an die Blicke des Zuschauers auf sich. Ein glaubhafter Künstler, der dennoch in erster Linie ein Liebhaber mit allen Gefühls-Attributen ist und seinen angenehm dunklen Tenor (dessen Timbre eher an spanische Herkunft denken lässt) in den Arien und Szenen mit Tosca dynamisch dosiert, um bei den Aufschwüngen und den Revolutionär aufflammen lassenden Entladungen umso mehr überwältigende Kraft zu entwickeln. Die etwas kurz geratenen Spitzentöne dürften der Abendverfassung zuzuschreiben sein, wurden von ihm indes so geschickt in expressive Gestaltung überführt, dass sie sich nicht als Einschränkung bemerkbar machten. Dennoch liegt die Stärke des inzwischen international gefragten Tenors in seiner stabilen, durchsetzungsfähigen Mittellage und im füllig strahlenden Obertonbereich.

Scott Hendricks (u.a. in München und bei Bregenzer Festspielen in dieser Rolle hervor getreten) gehört zu den Scarpias, die nicht mit Donnerstimme, sondern Persönlichkeits-Charisma und vokaler Raffinesse Bühne und Geschehen beherrschen. Sein Bariton ist nüchtern betrachtet nicht sonderlich aufregend markant, auch nicht Macht gebietend stark, aber zuverlässig in allen Registern. Naglestads Tosca begegnet er auf voller Augenhöhe, wo er flexibel mit seiner Stimme spielt und durch den Wechsel von ekelhaft schleimiger und edler Färbung seines Baritons Schauer über den Rücken jagt. Ein Fiesling und ein Kavalier zugleich. Das Zusammenspiel der beiden ist von entsprechend brennender Intensität.

Unter den Nebenrollen kann sich vor allem Karl Friedrich Dürr als zweischneidiger Mesner mit treffliche Pointen setzendem Baß und Daniel Kluge mit gefährlich dräuendem charakter-tenoralem Profil als buckelnder Spoletta profilieren. Mark Munkittricks Angelotti ist im beste Sinne solide, Sebastian Bollachers Sciarrone von eher unauffälliger Ausprägung. Kristian Metzners Schließer zeugt von größerem solistischem Potential, Jasmin Hosseinzadehs Hirt tönt sicher und geboten todtraurig aus dem Hintergrund.

Der Staatsopernchor und Kinderchor setzten in der Kirche die erforderlichen klanglichen bzw. situationsgemäßen Akzente. Klar zusammengehalten von Marko Letonja, der sich am Pult des rundum atmosphärisch und dramatisch zugespitzt mitgestaltenden Staatsorchesters Stuttgart als sichere Bank für gefühlvolle Kantabilität und aufputschende Komprimierung gleichermaßen empfiehlt und der Aufführung eine wesentliche Basis gab. Schade nur, dass die beiden leider selten mit so theatergerecht breiten Tempi und in finaler Konsequenz zu hörenden Schlüsselstellen, das Ende des Te Deums und der Nachklang auf Toscas Todessprung, die Abendspielleitung / Inspizienz offensichtlich solchermaßen aus dem Konzept brachte, dass der Vorhang beide Male zu früh herunter ging.

Alles in allem ein Opernfest auf Premieren-Niveau – mit entsprechend gefeierten Hauptakteuren.

 Udo Klebes

 

 

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