Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STRAVAGANZA D’AMORE!

15.05.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

Stravaganza

STRAVAGANZA D’AMORE! – Die Geburt der Oper am Hofe der Medici in Florenz

CD-Buch harmonia mundi – PYGMALION; Raphaël Pichon

Meraviglia e stupore

Monteverdi, dessen Taufe sich am 15. Mai 2017 zum 450. Mal jährte (sein Geburtsdatum ist nicht überliefert), ist zwar der bedeutendste und bis heute erfolgreichste Opernkomponist der Renaissance, erfunden hat er die Gattung Oper aber nicht. Im Jahr 1607 fand zur Eröffnung der Karnevalssaison in Mantua die Uraufführung von Claudio Monteverdis „Orfeo“ statt. Das Projekt „Stravaganza d’amore“ des 2006 gegründeten französischen Alte Musik Ensembles Pygmalion befasst sich nun mit dem Kontext, in dem so ein außerordentlich schönes opulentes musikdramatisches Werk entstehen konnte. Die Autoren werden am Hof der Medici in Florenz an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert (1589-1611) fündig. Dort wurden die sogenannten Intermedii (Zwischenspiele) gepflegt. Diese unterhaltsamen Einlagen, die nach dem Vorbild der Antike in Theaterstücke eingeschoben wurden, zeichneten sich zunehmend als Gesamtkunstwerke von Ausstattung, Tanz, monodische und polyphone Vokalnummern, Instrumentales und generell durch große Prachtentfaltung (sogar Düfte wurden ausgesprüht) aus. Es handelte sich in erster Linie um politisches Theater zur höheren Ehre der Herrscher. Die Zwischenspiele enthielten darüber hinaus ein humanistisches Element, das auf die vollendete Verbindung von Musik und Dichtung abzielte. Nach einer ersten Glanzzeit im Jahr 1589 mit den von Bargagli für „La Pellegrina“ komponierten Intermedien wurde die Tradition mit gleicher Meisterschaft von den Komponisten der aufkommenden Oper fortgesetzt, allen voran Peri, Caccini (Euridice, 1600) und bald auch Monteverdi (L’Orfeo) und Gagliano (Dafne).

Der umtriebige musikalische Leiter von Pygmalion, Raphaël Pichon und Miguel Henry erfanden für das soeben publizierte CD-Buch vier imaginäre Intermedien, wo u.a. die berührenden Geschicke von Apollo, Orpheus und Eurydike mit der Musik von Lorenzo Allegri, Antonio Brunelli, Giovanni Battista Buonamente, Giulio Caccini, Emilio de Cavalieri, Girolamo Fantini, Marco da Gagliano, Cristofano Malvezzi, Luca Marenzio, Alessandro Orologio, Jacopo Peri und Alessandro Striggio opernhaft gedeutet werden. Der Hörer kann den besten Madrigalen in verschiedenen Stilen und für unterschiedliche Besetzungen, großformatigen polyphonen Chören, Liedern, Monodien und Lamentis lauschen. Die vier Zwischenspiele mit den Titeln „All’imperio d’Amore“ (Das Reich der Liebe); „La Favolla d’Apollo“ (Die Fabel des Apollo); „Le Lagrime d’Orfeo“ (Die Tränen des Orpheus) und „Il Ballo degli Amanti“ (Das Ballett der königlichen Liebenden) sollen an die Opulenz der Festlichkeiten von 1589 anlässlich der Hochzeit von Großherzog Ferdinand I. mit der Prinzessin Christina von Lothringen erinnern.

Auf 2 CDs in 37 Nummern erklingt somit ein buntes Pasticcio an Renaissancemusik, ein vielfältiger musikalischer Blumenstrauß, blendend aufgeführt von zwölf Solisten, einem großen Chor und einem Orchester (allesamt Mitglieder des Ensembles Pygmalion), das allein schon von der Besetzung her mit Gamben, Violinen, Querflöten, Horn, Barockposaune, Harfen, Theorben, Barockgitarre, Laute, Cembalo, Orgel, Schlagzeug für heutige Ohren für exotisch anmutende Klangfarben sorgt. Ein 160 Seiten starkes Buch in französischer, englischer und deutscher Sprache gibt detailreich Aufschluss über das Programm und enthält die vorzüglichen Aufsätze „Die höfischen Lustbarkeiten der Medici im 16. Jahrhundert: Von den intermedii zur Oper“ und „Die Erfindung der Monodie“. Auch alle gesungenen Texte sind in den drei erwähnten Sprachen abgedruckt.

Die neue Publikation ist somit nicht nur ein ganz besonderer Ohrenschmaus, sondern auch höchst informativ und mit Gewinn für das Verständnis um die Entstehung der Gattung Oper zu lesen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken