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ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Saison-Eröffnung mit „Schwanensee“ von Angelin Preljokaj

27.09.2021 | Allgemein, Ballett/Tanz

 

ST. PÖLTEN/ Festspielhaus: Saison-Eröffnung mit „Schwanensee“ von Angelin Preljokaj
(25.9.2021)

Das Festspielhaus St. Pölten feiert sein 25-jähriges Bestehen mit einer Installation der bildenden Künstlerin Eva Schlegel und gleichzeitig mit der Eröffnung der Saison 21/22, die die neunte und letzte der künstlerischen Leiterin Brigitte Fürle sein wird. Angelin Preljokaj war bereits zum sechsten Mal im Festspielhaus zu Gast. Sein „Schwanensee“, in dem er den Klassiker des romantischen Balletts von Marius Petipa und Lew Iwanow in eine neue, sehr heutige Choreografie übersetzte, erlebte hier seine Österreich-Premiere.

Outdoor vor dem Festspielhaus fand die Vernissage der bis Juni 2022 gezeigten Installation „Extended Space“ von Eva Schlegel statt, in der sie runde, leicht konvexe Spiegel in Gruppen hoch gehängt im Festspielhaus verteilt. „In Spiegeln vergewissern wir uns der Existenz unserer selbst.“ Sie spiegeln und verbinden Geschichte und Gegenwart, Architektur und Publikum.

Doch zu „Schwanensee“: Odile, die Weiße, Reine, sieht amorphe, düstere Nebel über sich auf dem transparenten Kasch vor ihr. Der Zauberer Rothbart und zwei seiner Schergen reißen ihr die Kleider vom Leib, reißen ihr die Federn aus der Haut. Gewalt am Beginn. Der Nebel fließt in Formen, auch Munchs “Schrei“ und drei rauchige Geister möchte man erkennen.

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Preljocaj: Schwanensee. (c) Jean-Claude Carbonne

Die Geschichte von der Liebe zwischen Odette, der in einen Schwan verzauberten Jungfrau, und dem Prinzen Siegfried und deren Gegenspielern Rothbart, dem bösen Dämonen, und Odile, dessen Tochter und Ebenbild Odettes, die den Prinzen nach seinem Odette geleisteten Treueschwur verführt, erzählt Preljokaj neu. Nicht mehr nur die tückisch missbrauchte Ähnlichkeit Odiles mit der Geliebten wird dem Prinzen zum Verhängnis.

Als romantisch klassifizieren wir das Original auch, weil in ihm die Liebe das treibende Element ist, das schließlich auch vom Bösen als Werkzeug zur Manipulation des Menschen benutzt wird. Der Turbo-Kapitalismus aber erwarb sich das Verdienst, einer entscheidenden menschlichen Triebkraft den letztlich alles bestimmenden Stellenwert zu geben: Der menschlichen Gier. Auf diese setzt Rothbart in Preljokajs „Schwanensee“. In einer Vitrine präsentiert er das Modell einer Fabrikanlage, verspricht Gewinne in Form von steigenden Aktienkursen sowie blühende Produktionslandschaften. Siegfrieds Vater erliegt. Er unterschreibt. Und das mit fatalen Folgen. Industrie überwuchert Natur, in Wolkenkratzern, den heutigen Kathedralen der Macht, wird die Hausse zum Techno gefeiert, und der See wird vergiftet. Die toxischen Wasser töten die Schwäne. Auch Odette, die im Schlussbild noch einmal weiß im Hintergrund erscheint, kann von Siegfried nicht mehr gerettet werden.

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Preljocaj: Schwanensee. (c) Jean-Claude Carbonne

Preljokaj stellt die Schwanenkolonie ins Heutige, urbanisiert vor nächtlichen Wolkenkratzern.
In pastelligem Kleid werden sie zu Teilen einer modernen, der sie umgebenden und ihrer eigenen Natur fernen Gesellschaft. Die dem Original entlehnten Sequenzen geometrisch-formeller Klarheit, zu Beispiel wenn das Chorps de Ballet die Schwäne in rechtwinkliger Reihe tanzt, bricht Preljokaj, Direktor des Centre Choréographique National Aix-en-Provence, radikal mit einer zeitgenössischen, chaotisch anmutenden Party-Szene in Schwarz, in der der Techno-Rhythmus die Menschen treibt wie ihre Gier. Struktur und Chaos, Ordnung und Freiheit, Gemeinschaftssinn und entfesselten Egoismus stellt das Stück gegenüber. Polaritäten, in jedem Einzelnen vereint.

Die auf den Hintergrund und die Seiten der schwarzen Bühne projizierte Video-Installation von Boris Labbé ist elementar für die Aussage des Stückes. Meist in Grautönen oder dunklem Blau gehalten stellt sie das Bühnengeschehen in unmissverständliche Kontexte. Bäume überwachsende Industrieanlagen, riesige nächtliche Wolkenkratzer-Skylines, Börsenkurs-Graphen, von mit toxischen Schwaden durchsetzte Wasser, ein von diesen überfluteter Palast oder ein sich schwarz färbender Mond, der in den See sinkend zu Rauch zerfällt wirken als rahmende, bedrohliche Story. Ein zuweilen abgesenkter transparenter Kasch im Vordergrund wird zur Projektionsfläche für Rauchschwaden und ein dem Microsoft-Logo sehr ähnliches lichtdurchflutetes Fenster.

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Preljocaj: Schwanensee. (c) Jean-Claude Carbonne

Mit den Kostümen von Igor Chapurin wechselt die Szenerie zwischen klassischem Urbild und Jetzt, wandern die Protagonisten durch Zeiten und Haltungen. Den Rollen zu folgen ist nicht immer ganz leicht. Die Choreografie erzählt die Geschichte mit genügend Zeit zum Genießen der weißen und der schwarzen Tänze, von heiler Welt und deren Destruktion in einer tänzerischen Bandbreite und in einer Qualität, die einzigartig ist. Die Musik mischt die Original-Komposition von Tschaikowski mit anderen seiner Werke und mit elektronischen Rhythmen und zeitgenössischen Klängen von 79D. Das Lichtdesign von Éric Soyer setzt unspektakuläre, aber stimmige Akzente.

Siegfrieds Mutter, die Königin, erhält in diesem „Schwanensee“ eine deutlich größere Bedeutung als im Original, dem männlichen Streben nach Macht und Geld mit bindend-bewahrender Attitüde gegenübergestellt. Und als Gimmick: Dem berühmt-beliebten Tanz der vier Schwäne gibt Preljokaj mit frech eingestreutem Kreisen der Unterleiber eine humorig-erotische Note.

Das tragische Ende der aufkeimenden Beziehung zwischen Odette und Siegfried mag als Metapher stehen für das Töten dessen, was wir doch lieben und brauchen. Ebenso ist die darstellerische Personalunion Odette – Odile, beide getanzt von Théa Martin, Sinnbild für das dem Menschen innewohnende Spektrum an Triebkräften.

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Preljocaj: Schwanensee. (c) Jean-Claude Carbonne

Dieser „Schwanensee“ ist eine von den 26 Tänzer*innen ohne Spitzenschuh und Schläppchen bravourös getanzte Dystopie, die sich mit ihrer radikalen Kapitalismus- und Gesellschaftskritik neben andere große, mahnende Werke stellt, wie zum Beispiel Maguy Marin’s „Umwelt“ oder Akram Khan’s „Outwitting the Devil“ (beide bei ImPulsTanz 2021 gezeigt). Aus einer romantischen Liebesgeschichte macht Preljokaj ein brandaktuelles „Swan Lake for Future“.

25. und 26.08.2021 Rando Hannemann

 

 

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