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SOUVENIRS D‘ITALIE

26.11.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD  SOUVENIRS D‘ITALIE

SOUVENIRS D‘ITALIE
Graf Harrachs musikalische Reiseimpressionen
harmonia mundi CD

Konzerte und Sonaten für Blockflöte –
Maurice Steger brilliert als Solist

Mit fast 60 Jahren ist Aloys Thomas Raimund Graf Harrach schon ein alter Mann, als ihn der Kaiser nach Neapel beordert. Als Vizekönig soll er dort die Interessen Habsburgs vertreten. „Mit strengster Genauigkeit“ tut er dies ab dem Jahre 1728 und hofft, der Kaiser würde ihn nach der ersten dreijährigen Amtszeit wieder nach Wien zurückrufen. Doch dieser ist mit der Amtsführung seines „Luis“ von Harrach so sehr zufrieden, dass er ihn für eine zweite Amtszeit in Neapel nominiert. Das ist mehr „straff als gnad“ für Harrach, denn er klagt über ein hohes Arbeitspensum und seine klimatische Unverträglichkeit…. 

Was Harrach nach diesen sechs Jahren an betrachtens- und hörenswerten Erinnerungen aus Italien mitbringt, ist heute noch in der Gemäldesammlung der Grafen von Harrach auf Schloss Rohrau in Niederösterreich zu sehen und Gegenstand von Aufnahmeprojekten.

Die meisten Komponisten in diesem Album sind auch in der vor wenigen Jahren entdeckten Harrach’schen Handschriftensammlung vertreten und stehen in einem direkten Zusammenhang zu Harrachs Zeit in Neapel oder Reisen durch Italien, wo er von ihnen Musikstücke sammelt oder gar in Auftrag gibt (Stephan Mester).

Die CD umfasst also Kompositionen von Giuseppe Sammartini, Lelio Colista, Giovanni Adolfo Hasse, Domenico Sarro, Antonio Caldara, Leonardo Vinci, Leonardo Leo, Nicola Fiorenza, Antonio Maria Montanari und Giovanni Antonio Piani. Der junge Flötist Maurice Steger nimmt sich dieser großartigen in der Schweiz eingespielten Werke als Solist und musikalischer Leiter mit stupender Technik und Musikalität an. Sein Flötenspiel zwitschert wie eine aufgeregte Schar an Singvögeln, manchmal tut es auch ein ruhiger einsamer Ton. 

Noch dazu ist es ein klug zusammengestelltes Programm, das sehr schön die österreichisch-neapolitanische „Liebesbeziehung“ zumindest in der Musik beleuchtet. Das Ausdrucksspektrum dieser herrlichen barocken Klangreise zum Vesuv, dem Golf von Neapel bis in die Lombardei samt Winken nach englischen Landen reicht von kontemplativen Stücken wie der Sinfonia à 3 von Colista bis zu höchst flinken Virtuosenvehikel von Hasse. Stephan Mester weiß über die Cantata per flauto in B-Dur von Hasse humorig zu berichten: „Die Blockflöte vollführt darin in kaum zu überbietender und sehr wirkungsvoll opernhafter Weise Koloraturen und Kantilenen, die die Mehrheit der Musikliebhaber aus dem Häuschen geraten lässt. Der zeitgenössische französische Musikgeschmack aber rümpft nur die Nase darüber und tut diese Art der Virtuosität als mangelnde Selbstbeherrschung und unsägliches Kastratengegurgel ab.“

Das Flötenkonzert von Domenico Sarro in D-Moll lässt im ersten als „Amoroso“ betitelten Satz in elegischen und später teils überaus kühnen Harmonien aufhorchen. Der berühmte Antonio Caldara ist mit einer komplex gedrechselten Ciaconna a 3 vertreten, starker Kaffeeduft inklusive. Eine Ouvertüre & Arie aus der Oper Elpidia von Leonardo Vinci führen den Hörer auf einen kleinen Abstecher nach London. Dort wurden seine schönsten Opernarien als eigens für Blockflöte eingerichtete „favourite songs“ feilgeboten. So auch die vorliegende höchst charmante „tortora che il suo bene“ als Draufgabe zur Ouvertüre. Und diese muss schon Händel dermaßen den Kopf verdreht haben, dass er keine Hemmung zeigt, sie als seine Schöpfung auszugeben.

Eine kurze lebendige Toccata XIII für Cembalo von Leonardo Leo führt über zur viersätzigen Sonata per flauto im A-Moll von Nicola Fiorenza, Cellist und Violinist am neapolitanischen Hoforchester. Höfische Musik voll Elan und sprühender Lebensfreude. Die durchaus erträgliche Leichtigkeit des Seins. Filigrane Klänge, die wie Luftballone immer flotter aufsteigend in die Abendsonne entschweben.

Aus Modena stammt Antonio Montanari, über Corelli ein Enkelschüler des Römers Lelio Colista. Dieser ist in den Harrach’schen Manuskripten der einzige Repräsentant des 17. Jahrhunderts. Sein Flötenkonzert in B-Dur ist eine tour de grâce voll an feiner Invention.

Aus Neapel stammt der Geiger und Komponist Giovanni Antonio Piani. Er macht seine Karriere im Ausland. In Paris passt er sich musikalisch soweit der französischen Ausdrucksweise an, dass er mit der Veröffentlichung seiner zwölf Sonaten Op. 1, von denen einige ausdrücklich auch auf der Oboe oder Blockflöte zu spielen sind, den Grundstein für seinen Ruhm legt. Ab 1721 wird er zum bestbezahlten Mitglied der Wiener Hofmusikkapelle. Harrach dürfte ihn sicherlich schon vor seiner Neapelreise in Wien gehört und einen Vorgeschmack auf das Musikleben am Fuß des Vesuvs bekommen haben. Seine Sonata IV für Blockflöte in D-Dur mit starken tänzerischen Elementen beschließt die exzellente CD, deren Solist den überaus unterschiedlichen musikalischen Morphologien der gespielten Werke mit jeweils „maßgescheidertem“ Ton nachkommt. Probieren Sie, es ist besser als Limoncello.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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