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SOILE ISOKOSKI: Sängerin um der Musik willen

19.11.2014 | INTERVIEWS, Sänger

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Foto:  Barbara Zeininger

SOILE ISOKOSKI

Sängerin um der Musik willen

Soile Isokoski, kürzlich als Ariadne, nun als Marschallin in Wien zu hören, erschreckte anlässlich ihrer Absage der Rachel in „La Juive“ mit Worten, die nach Abschied und Karriere-Ende klangen. Grund genug, hier nachzufragen – mit dem Ergebnis, dass es doch Hoffnung auf ein Wiedersehen gibt

Das Gespräch führte Renate Wagner

Frau Kammersängerin, beginnen wir mit der Gegenwart. Sie singen in Wien wieder einmal die Marschallin, eine Rolle, die in letzter Zeit besonders oft in Ihrem Repertoire auftaucht. Erinnern Sie sich eigentlich, wann Sie sie zum ersten Mal gesungen haben?

Leider habe ich nie über meine Auftritte Buch geführt, heute tut mir das leid, es wäre gut, manches nachsehen zu können. Aber wenn mein erster Wiener „Rosenkavalier“ im April 2002 war, dann habe ich die Rolle ein paar Monate davor erstmals in Paris in der Bastille Oper gesungen. Das war eine Wernicke-Inszenierung, er war damals noch am Leben, wir waren in eine gläserne Spiegel-Welt eingeschlossen, und ich weiß noch, dass es von der Regie vorgesehen war, dass ich am Ende des ersten Aktes die Silberne Rose nicht dem kleinen Mohren gebe… Ein paar Monate später dann Wien, diese schöne historisierende Schenk-Inszenierung, für die es damals nur zwei Tage Proben gab. Wir haben das Stück nie ganz durchgemacht, auch das Ende des ersten Aktes nicht. Ich war natürlich  etwas nervös, erstmals in dieser Rolle vor dem Wiener Publikum… Und da lag vor mir die Kassette mit der Silbernen Rose, und da stand der kleine Mohr und wartete, und als ich keine Anstalten machte, ihm die Rose zu geben, zwinkerte er heftig mit den Augen und wieder und wieder, um mich dazu zu veranlassen, aber ich kam nach der Pariser Inszenierung gar nicht darauf – und so musste er bei meiner ersten Wiener Marschallin ohne Rose abgehen. Natürlich klappte es ab der zweiten Vorstellung, und ich habe mich bei dem Kind auch entschuldigt und hoffe, es hat kein Trauma davon getragen…

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Als Marschallin in Wien  (Foto: Axel Zeininger)

Sie haben in jeder Menge verschiedener „Rosenkavalier“-Inszenierungen in vielen Häusern der Welt gesungen – gab es da auch grenzwertige Erfahrungen?

Nun, in Köln gab es die Inszenierung von Günter Krämer, der ja auch die Wiener „Juive“ gemacht hat. Das war wahrscheinlich der eigentümlichste „Rosenkavalier“, mit dem ich konfrontiert war, da gab es im ersten Akt kein Zimmer und kein Bett, ich stand nur in einer wirklich riesigen Krinoline da, und wenn ich zu Octavian sage, „versteck er sich“, dann kroch er darunter… Im letzten Akt gab es dann auch nicht das Beisel, sondern einen Wald mit dickem Bambus, durch den wir herumirrten… Aber je öfter man es spielt, umso mehr gewöhnt man sich auch daran. Und ich fand an dieser Kölner Inszenierung beispielsweise sehr schön, dass ich im zweiten Akt von der Seite, für das Publikum sichtbar, dem jungen Paar bei der Rosenüberreichung zusah. Dieser zweite Akt ist ja immer ein Problem für die Marschallin – man sitzt in seiner Garderobe, aber ich bin nicht der Mensch, der da essen gehen oder ein Buch lesen kann. Ich lasse immer die Musik über den Lautsprecher eingeschaltet – ich kann nicht aus dem Geschehen „aussteigen“, so alt kann ich in dem Beruf gar nicht werden.

Nun haben Sie ja sehr viel an der Wiener Staatsoper gearbeitet, und die Premieren von „Freischütz“ oder  „Lohengrin“ haben Sie ja auch mit einigem konfrontiert – wie war es, für Barrie Kosky eine „blinde Elsa“ zu spielen?

Nun ja, ich habe versucht, ihm vorzuschlagen, dass Elsa vielleicht nur zu Beginn blind ist und dass Lohengrin sie eventuell mit irgendeiner Bewegung sehend macht, so dass sie darauf „mein Retter!“ singen kann. Aber Barrie Kosky ist leider nicht darauf eingegangen, und ich bin dann kein Mensch, der darauf besteht und sich die ganze Zeit beklagt, ich füge mich dann ein. Grundsätzlich bin ich offen für neue Ideen, es wäre langweilig, alles im nur gleich im traditionellen Sinn zu sehen. Im übrigen – wenn eine Inszenierung mit der Musik geht, ist es in Ordnung, wenn sie sich gegen die Musik wendet, dann nicht. Aber grundsätzlich habe ich mich immer auf Regisseure eingelassen. Man muss es schließlich – denn was ist es anderes als verlorene Energie, wenn man nur Widerstand leistete? Glücklicherweise musste ich noch nie bei einer Inszenierung mitmachen, die mir völlig widerstrebt hat – aber ich verstehe, dass Kollegen abspringen, wenn sie es gar nicht vertreten können, was man verlangt.

Sprechen wir nun von der „Schreckensmeldung“: Als Sie Ihre Mitwirkung an der „Juive“, die Sie ja bei der Wiener Premiere 1999 mit Shicoff hier kreiert haben, absagten, klang das nach einem Abschied, als wollten Sie sich in Zukunft nur noch Ihrer Tätigkeit als Gesangsprofessorin widmen?

Ganz so ist es nicht, aber ich möchte manches anders machen. Ich habe vor drei Jahren eine schwere Krebserkrankung überwunden und ich verfüge nicht über dieselben Kräfte wie vor der Krankheit. Ich habe vor kurzem eine Professur an der Universität von Oulu in Nordfinnland angenommen, und ich will mich dieser Aufgabe und den Studenten auch wirklich widmen. Das heißt, dass ich eigentlich nicht mehr Premieren machen möchte – das kostet einfach zu viel Zeit, und ich gebe zu, dass ich nie sehr gerne gereist bin. Je älter man wird, umso größer wird die Sehnsucht nach der Natur, die wir Finnen ohnedies sehr stark in uns tragen und die ich in meiner Heimat wirklich befriedigen kann: Wir Finnen sind gern allein im Wald, sagt man von uns, und das stimmt auch. Künftig möchte ich vor allem Konzerte geben – die holen einen im allgemeinen nur eine Woche von zuhause weg. Das heißt aber nicht, dass ich zum Beispiel nicht in einer Oper einspringen könnte. Und vielleicht denke ich in ein paar Jahren – heut oder morgen oder den übernächsten Tag – anders, dann geht mir der Beruf vielleicht ab. Dann kann ich immer noch meine Rollen singen. Die Magie der Bühne  ist für mich wirklich sehr stark – ich gehe vor jeder Vorstellung auf die Bühne selbst, gleichsam um die Atmosphäre zu riechen… Und trotzdem bin ich nicht abhängig: Es ist wunderschön, auf den Opernbrettern zu stehen, aber ich kann auch leben, wenn ich es nicht tue.

Wenn man unter diesem Aspekt nun schon auf Ihre Karriere „zurückblickt“ – wird es keine neuen Rollen mehr geben? Bedauern Sie nicht, nicht mehr Wagner gesungen zu haben? Oder waren Sie mit Ihrem Repertoire, das ja so bemerkenswert reichhaltig war, weil Sie sich nie festgelegt haben, zufrieden?

Meine letzte neue Rolle war vor zwei Jahren die Butterfly, die ich in meiner Heimat, in Tampere, gesungen habe, das war nur ein Jahr nach meiner Krankheit, und das ist eine wunderbare Partie, wenn auch eine Riesenrolle – sie singt ja faktisch ununterbrochen. Im übrigen kann ich als Sängerin sagen, dass sich alle meine Wünsche erfüllt haben. Wagner – ich bin ein lyrischer Sopran, auch wenn die Stimme „groß“ wird, und Wagner ist doch, sagen wir, laut und breit. Schon beim Evchen habe ich gemerkt, dass die Tessitura für mich manchmal zu tief liegt, und so wollte ich über die Elsa nicht hinausgehen. Auch, um meinen Mozart nicht zu verlieren. Da habe ich, vielleicht mit Ausnahme der Vitellia, wohl alle Rollen gesungen, die für mich geschrieben sind, besonders gerne immer wieder die Elvira. Die Pamina und die Fiordiligi singe ich allerdings schon seit zehn Jahren nicht mehr – ich finde, das sind „Märchenprinzessinnen“-Rollen, die verlangen eine jugendliche Ausstrahlung, was übrigens auch ein Grund war, warum ich die Rachel in der „Juive“ nicht mehr singen möchte: Man soll doch von der Bühne herab Glaubwürdigkeit ausstrahlen.

Man hatte bei Ihnen immer den Eindruck, dass Sie den großen Sänger-Zirkus nicht mitgemacht haben. Stimmt das?

Es gibt sicher Kollegen, die diesen Beruf auch wegen der Karriere, des Ruhmes und des Geldes, das man verdienen kann, ausüben. Aber ich habe mich immer gefragt, ob man dann glücklicher wäre? Ich habe meine Stimme als Geschenk mitbekommen, dafür bin ich dankbar, und ich bin Sängerin um der Musik willen. Man muss auch bedenken, dass es nicht nur ein schwerer, sondern auch ein einsamer Beruf ist – nach all dem Applaus, den Blumen, den Komplimenten, sitzt man doch in einer fremden Stadt allein  im Hotelzimmer. Als ich gegen Ende 40 war und die biologische Uhr sozusagen abgelaufen, habe ich mich kurz gefragt, ob es richtig war, auf Kinder und eine eigene Familie – ich habe natürlich eine Familie mit meiner Mutter und allen Freunden und Verwandten zuhause in Finnland – zu verzichten. Und dann habe ich mir gesagt, dass wohl alles in Gottes Hand liegt, und es gut so ist, wie es gekommen ist. Zumal ich in meiner Karriere nichts bedaure.

Wenn Sie nun „Lehrerin“ sein werden – was kann man vermitteln?

Ich gestehe nicht ohne Scham, dass ich selbst in den letzten 20 Jahren keinen Lehrer mehr hatte, und eigentlich braucht man sie immer. Allerdings kann man sehr viel lernen, wenn man sich selbst aufnimmt, zuhört und selbst korrigiert. Im übrigen lernt man erstaunlich viel selbst, wenn man unterrichtet. Das Wichtigste, was ich den jungen Sängern mitgeben kann: das Atmen ist die Basis. Und im übrigen natürlich, was ich aus meiner langen Erfahrung weiß. Ich habe diese Verantwortung sehr gerne übernommen – und wenn ich unterrichte, möchte ich für die Schüler total da sein. Es ist ein neues Kapitel in meinem Leben.

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Mit Renate Wagner beim Gespräch in der Wiener Staatsoper (Foto: Barbara Zeininger)

Eine persönliche Anmerkung. Ich weiß nicht, wann es war, ich weiß nicht, ob es im Musikverein oder im Konzerthaus war, ich weiß nicht, was gespielt wurde, ich kannte den Namen der Sopranistin nicht. Als sie zu singen begann, mit diesem engelsgleichen, wunderbaren Sopran, war ich von der Schönheit der Stimme wie elektrisiert. Ich schaute ins Programmheft, sah den mir völlig fremden Namen „Soile Isokoski“ und habe ihn nie wieder vergessen… Ähnlich ging es wohl Ioan Holender, als er Sie an seinem Haus am 16. Oktober 1993 erstmals als Pamina hörte. Bei ihm könnten Sie singen, was Sie wollten, sagte er damals, und bei der Feier, als Sie 2008 Kammersängerin wurden, fügte er hinzu:  „Leider wollte sie nicht alles, was ich wollte…“ Sie haben jedoch bei dieser Gelegenheit gesagt, dass die Wiener Staatsoper für Sie das wichtigste Haus Ihres Lebens sei. Stimmt das noch im Rückblick?

Ja, und ich verdanke Ioan Holender vieles, wobei es nicht an der neuen Direktion, sondern an meiner Krankheit lag, dass ich in letzter Zeit weniger hier gesungen habe. Und das Publikum ist ja doch ein besonderes, sehr aufmerksam, sehr anerkennend. Ja, Wien ist mein wichtigstes Haus. Und meine jetzigen Abende werden wohl noch nicht der Abschied sein.

 

 

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