Foto: Copyright @ Opera Sofia and Ballett
Daniel Oren und Gregory Kunde in Sofia
09. August 2025
Beethoven unter Sternen
Am 8. August 2025, vor der Alexander-Nevsky-Kathedrale in Sofia, spielte sich ein Abend ab, der wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird. An genau diesem Platz, wo schon „Der Eremit von Rila“ und „Les Misérables“ Publikum und Kritiker in den letzten Tagen gleichermaßen begeistert hatten, setzte das Festival diesmal mit einem rein sinfonischen Höhepunkt seinen Schlusspunkt. Beethoven, die Neunte, unter freiem Himmel – und zwar nicht als übliche Festspielnummer, sondern, wie sich schon in den ersten Minuten zeigte, als echtes Ereignis. Gastdirigent Daniel Oren formte Orchester, Chöre und Solisten zu einer Aufführung, die Präzision und Gefühl auf eine Weise verband, wie man es selbst in großen Häusern nicht immer erlebt.
Schon die ersten Takte machten klar: Hier passiert nichts nach Schema F. Oren begann leise, fast tastend, als wolle er den Klang vorsichtig aus der Stille herausziehen. Ein zarter Tonfaden schwebte wie Morgennebel über den Platz, nicht auftrumpfend, eher lauernd, bevor er sich zu voller Klarheit entfaltete. Das Orchester der Nationaloper Sofia – verstärkt durch den eigenen Chor (Einstudierung: Violeta Dimitrova) und den Chor der Oper Stara Zagora (Mladen Stanev) – reagierte mit wacher Hingabe auf jede Geste. Klangliche Geschlossenheit und Mut zur dynamischen Weite prägten das Spiel, als ginge es darum, Beethoven nicht nur zu spielen, sondern neu zu entdecken.
Der Kopfsatz wuchs aus geheimnisvollem Pianissimo zu machtvollen Steigerungen, die Oren sorgfältig aufbaute. Die Streicher setzten kraftvolle, nie schneidende Akzente, die Holzbläser antworteten mit warmen, farbigen Linien – wie in einem Dialog, bei dem jeder seinen Beitrag kennt und respektiert. Alles war durchdacht, aber nie mechanisch.
Das Scherzo im zweiten Satz sprühte vor Energie. Die markanten Pauken – wie kurze Lichtblitze im Dunkeln – gaben der Bewegung Richtung. Streichern und Bläsern gelang ein Wechselspiel von tänzerischer Präzision und lebendiger Spontaneität. Die Fugato-Passagen waren so durchsichtig, dass man mühelos jede Stimme verfolgen konnte.
Im dritten Satz öffnete sich ein weiter, atmender Gesang. Die Streicher spannten einen warmen Klangteppich, das Horn glänzte mit runder Wärme, die Soloklarinette setzte leuchtende Akzente. Solche Momente treffen direkt ins Herz – und manchmal, für Sekunden, vergisst man, dass man unter freiem Himmel sitzt. Oren ließ die Musik fließen, ohne zu drängen, und verwandelte den Platz in einen Raum konzentrierter Stille.
Das Finale begann rau in den tiefen Streichern, bevor das Freudethema wie von selbst auftauchte – nicht als pompöse Deklaration, sondern als klare, feste Botschaft. Das „Seid umschlungen“ öffnete den Klang wie eine große Tür, durch die der Chor in voller Farbenpracht eintrat. Sopran, Alt, Tenor und Bass verschmolzen zu einem homogenen, atmenden Gesamtklang, der von feinem Piano bis zu strahlendem Fortissimo reichte.
Das Solistenquartett war in dieser Besetzung nicht nur ebenbürtig, sondern schlichtweg Luxus. Jessica Pratt, gefeierte Belcanto-Sängerin, zuletzt als Norma an der Mailänder Scala, ließ ihren Sopran mühelos erblühen; Spitzentöne wie geschliffene Kristalle, dazu Pianissimi, die über dem Orchester zu schweben schienen. Einfach hinreißend! Neben ihr gab Violeta Radomirska dem Ensemble einen Mezzosopran mit satter Wärme und tragender Tiefe – und dieser dunkle, edle Klang verlieh den Ensembleszenen Erdung.
Und dann Gregory Kunde – ein Kapitel für sich. Dass er zu den besten Tenören unserer Zeit zählt, wissen Kenner längst. Doch was in Sofia einmal mehr zu erleben war, hat auch im internationalen Maßstab Seltenheitswert: 71 Jahre alt, und doch klingt seine Stimme frisch, biegsam und leuchtend, als hätten die letzten Jahrzehnte sie eher veredelt als gealtert. Man sieht es ihm nicht an, man hört es ihm nicht an. In den exponierten Passagen brachte er mühelos Höhe und Strahlkraft, dazu eine Textklarheit, die selbst in den dichter orchestrierten Momenten durchdrang. Und gerade diese Mischung aus technischer Meisterschaft und nobler Zurückhaltung verrät die ganz große Schule.
Bass Alexander Vinogradov setzte mit seiner markanten Autorität und sonoren Tiefe das klangliche Fundament, das Chor und Orchester trug. Sein klarer Ausdruck, der innere Beteiligung und Würde zugleich zeigte, verlieh den finalen Ensembles eine zusätzliche Dimension.
Für das Orchester der Nationaloper Sofia war es ein Ausflug ins sinfonische Repertoire – und gleich mit einem Gipfelwerk. Die bekannte Klangkultur bestätigte sich: sensibel, aufmerksam, und doch mit zeitgemäßem Zugriff. Die harten Paukenschlegel ließen jede rhythmische Spitze scharf hervortreten. Streicher, Bläser, Schlagwerk – alles verschmolz zu einem harmonischen, organischen Ganzen.
Die Tonübertragung unter freiem Himmel gelang Plamen Yordanov hervorragend: ausgewogen, detailreich, keine Stimme zu dominant. Emil Dinkov tauchte die Bühne in ein Licht, das nicht nur schmückte, sondern der Musik Raum gab.
So schloss sich der Bogen: vom leisen, tastenden Beginn bis zum entschlossenen Schlussakkord. Keine überladene Geste, sondern eine lebendige Botschaft – farbig, klar, getragen von gemeinsamer Haltung. Das Publikum, das den Platz bis auf den letzten Platz füllte, feierte diesen Abend mit langem, herzlichem Applaus. Sicherlich gingen viele Besucher nach Hause mit dem Gefühl, etwas Seltenes erlebt zu haben.
Dirk Schauß